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ZUM NACHDENKEN

»Hier stehe ich und kann nicht anders!«

  • vonRedaktion
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Heute vor 500 Jahren soll Martin Luther die berühmten Worte auf dem Wormser Reichstag gesprochen haben: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Gott helfe mir. Amen!« In der Traditionsgeschichte markiert dieses Statement den Beginn der Gewissensfreiheit und das Ende kirchlicher und staatlicher Obrigkeitsgläubigkeit.

Der Auftritt des einfachen Mönches gilt bis in unsere Tage als beeindruckendes Beispiel für Zivilcourage. Als »Querdenker« jedoch lässt sich der Reformator sicher nicht vereinnahmen. Denn bei ihm verbinden sich nicht nur Gewissensmut, sondern auch Nächstenliebe.

Seine Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« hält das auf bemerkenswerte Weise fest. Mit ihr prägt der Reformator das protestantische Verständnis eines Lebens in Freiheit und Verantwortung. Luthers These darin ist paradox: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan«. Das klingt widersprüchlich. Wie kann ein Mensch gänzlich frei und im selben Moment völlig abhängig sein von anderen?

Luther denkt sich das so: er unterscheidet zwischen einem inneren und einem äußeren Menschen. Der »innere Mensch« richtet sich auf Gott aus und erlangt so Freiheit im Glauben. Als leibliches Wesen ist der »äußere Mensch« jedoch zugleich auch Teil der Gemeinschaft und trägt Verantwortung für seine Mitmenschen. Innerer und äußerer Mensch bilden für Luther deshalb eine unauflösliche Einheit. In der Liebe zum Nächsten sind Christenmenschen dienstbar, im Glauben jedoch frei.

Das ist hochaktuell: Während der Corona-Pandemie erleben wir hautnah die Spannung zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Als freiheitlich erzogene Individuen wollen wir unser Leben selbst führen und gestalten. Durch virusbedingte Regeln und Vorschriften jedoch wird diese unsere Freiheit nun aber begrenzt. Selbst privat können wir nicht einfach tun, wonach uns gerade der Sinn steht. Das ist ein massiver Eingriff in das Recht auf Selbstbestimmung.

Luthers These regt an, über das spannungsreiche Verhältnis eines selbst- bzw. fremdbestimmten Lebens ins Gespräch zu kommen. Was bedeutet es, wenn wir unsere persönliche Freiheit mit Rücksicht auf andere bewusst beschränken? Ich verzichte zugunsten von anderen. Freiheit braucht Verantwortung - auch heute.

Ohne Zweifel: Luthers Auftritt in Worms hatte es in sich!

Pfarrerin Claudia Ginkel, Ev. Kirchengemeinde Friedberg

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