bk_kerckhoff2_020621_4c
+
Das Kerckhoff-Institut (heute Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung) besteht seit 1931, zum Direktor auf Lebenszeit ist Dr. Franz Groedel ernannt worden. Vor einigen Jahren hat die Max-Planck-Gesellschaft den Altbau des Instituts mit enormem finanziellen Aufwand sanieren lassen.

Herzenswunsch geht in Erfüllung

  • vonRedaktion
    schließen

Bad Nauheim . Wird über die glanzvolle Zeit des Weltbads Bad Nauheim gesprochen, fällt immer der Name Dr. Franz M. Groedel. Er gilt als der bedeutendste Mediziner, der in der Kurstadt tätig war. Der am 23. Mai 1881 geborene Groedel hätte in diesem Jahr seinen 140. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass blickt der Bad Nauheimer Lokalhistoriker Martin Fink in einem zweiteiligen Beitrag auf das Wirken des berühmten Kardiologen zurück, der 1933 in die USA emigrieren musste.

Franz M. Groedel vorzustellen heißt, »das Augenmerk auf einen Wissenschaftler, einen Arzt und einen Menschen zu richten, der in Deutschland in Vergessenheit zu geraten droht«, schrieb Prof. Martin Schlepper, ehemals Chefarzt der Kerckhoff-Klinik, 1988 in der Zeitschrift für Kardiologie. Wobei Schlepper wie kein anderer Groedels wissenschaftliche Leistung in der klinischen Anwendung glaubhaft zu würdigen wusste. Vieles scheint tatsächlich in Vergessenheit geraten, Fäden zur Gegenwart sind gerissen.

»Weltbad« dank jüdischer Ärzte

Mit der Geschichte der Bad Nauheimer Juden hat sich authentisch Stephan Kolb in seinem 1987 erschienen Buch beschäftigt. Sein Fazit: Ohne die jüdischen Ärzte sei es undenkbar, dass Bad Nauheim zu dem geworden wäre, was es während seiner Blütezeit zwischen 1880 und 1935 war - »ein Weltbad mit internationaler Kurgastprominenz«.

Einige der von Historiker Kolb genannten 49 Ärzte waren in unmittelbarer Umgebung von Bad Nauheim geboren. Das galt auch für Dr. Isidor Groedel, dessen Familie, wie der Name ahnen lässt, aus Griedel bei Butzbach stammt. Der eine Sohn, Dr. Theodor Groedel, fiel im Ersten Weltkrieg, Sohn Nummer zwei, Dr. Franz Maximilian Groedel, war, wie Kolb schreibt, »unbestritten der bedeutendste Arzt der Badestadt«.

Zwei Ereignisse sind dafür besonders bedeutsam. 1927 gründete sich auf Initiative des Physiologen Bruno Kisch (Uni Köln) und des Bad Nauheimer Balneologen Arthur Weber die Deutsche Gesellschaft für Kreislaufforschung (DGK). Wissenschaftler und praktizierende Ärzte sollten eine Plattform des Austauschs haben. Sitz war Bad Nauheim. Dr. Franz Groedel, der als international anerkannter Arzt gute Kontakte im Ausland, unter anderem in den USA, pflegte, warb so auch für seinen Heimatort.

1929 kam es zum zweiten wichtigen Ereignis, das weitreichende Folgen für die Stadt Bad Nauheim und den Mediziner hatte. Die Witwe des kurz davor verstorbenen US-Geschäftsmanns William G. Kerckhoff, der Patient Groedels gewesen war, ließ beim Amtsgericht in Bad Nauheim eine Stiftung in ihrem und im Namen ihres Mannes eintragen. Groedels Herzenswunsch, ein Zentrum zur Erforschung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sollte in Erfüllung gehen.

Freie Hand beim Bau des Instituts

Der Mediziner und Betreiber eines Sanatoriums sowie Architekt August Metzger sollten freie Hand haben, sowohl in der ästhetischen Gestaltung als auch in der technischen Ausstattung des Gebäudes. In der unteren Parkstraße, direkt an der Usa, entstand ein Prachtbau im deutsch-klassizistischen Stil. Kurz vor dem Kerckhoff-Institut war unter Metzgers Regie nicht weit entfernt das Balneologische Universitäts-Institut unter Leitung von Prof. Weber (1914 - 1955) errichtet worden. Feierlich eröffnet wurde das Kerckhoff- Institut 1931, Groedel wurde zum Direktor auf Lebenszeit ernannt.

Bisher ging man davon aus, dass der von der örtlichen NSDAP und dem »Aktionskomitee« organisierte »Juden-Boykott-Tag« am 1. April 1933 für den Entschluss Groedels, Deutschland zu verlassen, ausschlaggebend war. An diesem Tag wurden gezielt antisemitische Akzente gegen jüdische Geschäfte, Anwälte und Ärzte gesetzt, wovon auch Groedel und sein Sanatorium betroffen waren. 1945 schrieb Groedel sehr verbittert über die damaligen Zustände an den ersten Nachkriegs-Bürgermeister Adolf Bräutigam (SPD), der den Mediziner nach Bad Nauheim zurückholen wollte. »Die persönlichen Anfeindungen, denen er sich ausgesetzt sah, richteten sich auch gegen seine Funktion als Direktor des Kerckhoff-Instituts«, sagte Liesel Fritzel, langjährige Assistentin von Groedel, in einem Gespräch mit Stephan Kolb.

Nach Erkenntnissen des Historikers Timo Baumann, der 2017 den Auftrag erhalten hatte, die Geschichte der DGK im Lichte des Nationalsozialismus aufzuarbeiten und darzustellen, waren die Geschehnisse am 1. April 1933 für Groedel jedoch nicht der plötzliche Wendepunkt, sondern das Ende einer schon länger dauernden Wandlungsphase.

Teil zwei des Beitrags über Dr. Franz M. Groedel wird im Detail auf die Gründe für die Emigration in die USA eingehen. Die Veröffentlichung ist für die Samstag-Ausgabe vorgesehen.

bk_terrassenstrasze_02062_4c
bk_portrait_280521_4c_1
Nach Dr. Franz Groedel, laut Historiker Stephan Kolb »unbestritten der bedeutendste Arzt der Badestadt«, ist eine Straße benannt worden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare