Vor dem Landgericht in Gießen wurden am Mittwoch die Plädoyers gesprochen.
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Vor dem Landgericht in Gießen wurden am Mittwoch die Plädoyers gesprochen.

Plädoyers im Giftprozess

Haft oder Freispruch? Ehemalige Bad Nauheimer Krankenschwester erneut vor Gericht

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Hat eine Krankenschwester an einer Bad Nauheimer Klinik Kollegen vergiftet? Und welches Motiv sollte sie gehabt haben? Staatsanwalt und Verteidiger hielten am Mittwoch am Gießener Landgericht ihre Plädoyers.

Seit September sitzt die ehemalige Krankenschwester in Untersuchungshaft. Wegen der Corona-Maßnahmen darf sie keinen Besuch empfangen, muss sich 23 Stunden am Tag in der Zelle aufhalten. Ob die Haft bald Vergangenheit ist oder nicht, darüber wird Richterin Regine Enders-Kunze am 19. Mai entscheiden. Geht es nach Verteidiger Thilo Münster, dann müsste seine Mandantin freigesprochen werden. Staatsanwalt Friedemann Vorländer forderte am Mittwoch eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren. Seit den 80er Jahren arbeitete die Frau an der William-Harvey-Klinik in Bad Nauheim, blieb dort auch nach der Übernahme durch die Kerckhoff-Klinik. Zweimal im September 2017 und einmal im März 2019 soll sie laut Staatsanwaltschaft Kaffee und Kekse mit den Medikamenten Oxazepam und Zolpidem versetzt und auf diesem Wege Kollegen vergiftet haben. Bei Oxazepam handelt es sich um ein Benzodiazepin; es dient dazu, Angst zu lösen und zu entspannen. Zolpidem ist ein Schlafmittel.

Giftprozess Bad Nauheim: Staatsanwalt sieht keinen Mordversuch

Ob die Angeklagte für die Taten verantwortlich ist oder nicht – und welches Motiv sie haben könnte, darüber gingen am Gießener Landgericht die Meinungen deutlich auseinander. Vorländer sah die Vorwürfe bestätigt, von versuchtem Mord oder versuchter Tötung könne man jedoch nicht reden. Von gefährlicher Körperverletzung aber schon. Aus Sicht des Staatsanwaltes sprechen mehrere Punkte für die Schuld der Angeklagten. Nur sie habe zu allen Zeiten Dienst gehabt. Alle Vergifteten hätten 20 bis 50 Minuten zuvor Kaffee getrunken und/oder von der Angeklagten mitgebrachte Plätzchen gegessen. Die Kaffeetassen seien zwar auch für andere zugänglich gewesen, doch hält es der Staatsanwalt für unwahrscheinlich, dass das Medikament in die Tasse statt in den Kaffee getan wurde. Das hätte seiner Ansicht nach nur für die Angeklagte selbst Sinn ergeben, um die Spur von den Keksen wegzulenken. Laut Vorländer diente die Tatsache, dass die meisten Kekse nicht vergiftet gewesen seien, demselben Zweck. 

Giftprozess Bad Nauheim: Angeklagte äußert sich widersprüchlich

Weitere Argumente: Bei der Wohnungsdurchsuchung sei der Mixer mit Rückständen besagter Medikamente gefunden worden, in einer Mülltonne sei eine entsprechende Packung aufgetaucht. Die Angeklagte habe sich widersprüchlich geäußert. Und: »Sie versucht, mit der Pflegedienstleiterin eine weitere mögliche Täterin ins Spiel zu bringen und zündet damit eine Nebelkerze.« Die Menge der Medikamente liege im normalen therapeutischen Bereich, allerdings über dem Maß für eine Erstanwendung, sagte Vorländer. Die Angeklagte hätte nicht wissen können, wer vergiftet werden und wie diese Person darauf reagieren würde. »Das Risiko war nicht beherrschbar und nicht überschaubar.« Dass sich die Vergiftung nicht gegen eine bestimmte Person gerichtet hat, spielt für den Staatsanwalt auch bei der Suche nach einem möglichen Motiv eine Rolle. Am plausibelsten erscheine die Wut angesichts der Lebensumstände: Mutter gestorben, Sohn in einem Heim weil schwer erziehbar, Nachbarschaftsstreit, stressige Arbeit, Alkoholproblem. Diese Wut habe sich in den Taten entladen, sagte Vorländer.

Giftprozess Bad Nauheim: Verteidiger sagt, es gibt kein Motiv

Es sei weder klar, wie die Lebensmittel vergiftet worden seien, noch wie die Rückstände in den Mixer gelangt seien, argumentierte Verteidiger Thilo Münster. Auch auf der Arbeit habe der Mixer benutzt werden können – nicht nur von der Angeklagten. Bei der Suche nach dem Vergiftungsweg funktioniere das Ausschlussprinzip nicht, denn all die Dinge, die sich im Kühlschrank befanden, seien nie untersucht worden. Das gelte auch für die Kekse; es waren keine mehr übrig. In der Keksdose habe man keine Medikamentenrückstände entdeckt. Zu Oxazepam im Hausmüll sagte Münster, das Medikament komme alles andere als selten vor. Seine Theorie: Die Mittel wurden in flüssiger Form auf die Plätzchen geträufelt. Münster erwähnte die Pflegedienstleiterin, die Jahre zuvor selbst ein Medikament in eine Tasse gefüllt haben soll. Sie habe beim Eintreffen der Polizei schon die Dienstpläne parat gehabt und die Angeklagte als mögliche Täterin ins Spiel gebracht. »Das ist, um es mal gelinde zu sagen, merkwürdig.« Und was ist mit einem möglichen Motiv? »Wir haben es nicht. Und warum haben wir es nicht? Weil die Angeklagte die Taten nicht getan hat. Manchmal ist es so einfach.« Das letzte Wort vor dem für nächste Woche anberaumten Urteil blieb der Angeklagten überlassen: »Mein Leben steht seitdem auf dem Kopf. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Ich war’s nicht.«

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