Familien verbringen in diesen Wochen viel Zeit zusammen. Das erhöht das Potenzial für Stress und Streit. Die Mitarbeiter der Jugendhilfe im Wetteraukreis haben aber keinen Grund zur Annahme, dass sich die Situation für Kinder verschlimmert hat. Es gebe keine Zunahme an entsprechenden Meldungen. 	FOTO: DPA
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Familien verbringen in diesen Wochen viel Zeit zusammen. Das erhöht das Potenzial für Stress und Streit. Die Mitarbeiter der Jugendhilfe im Wetteraukreis haben aber keinen Grund zur Annahme, dass sich die Situation für Kinder verschlimmert hat. Es gebe keine Zunahme an entsprechenden Meldungen. FOTO: DPA

Misshandlung und Gewalt

Haben Misshandlung und Gewalt gegen Kinder in der Corona-Krise zugenommen?

Oft sind es Erzieher, Lehrer oder Ärzte, die merken, wenn es einem Kind nicht gut geht. Das hat in der vergangnen Zeit oft gefehlt. Welche Auswirkungen die Corona-Krise auf Kinder und Jugendliche hat, wird sich wohl erst in den kommenden Wochen zeigen.

Seit einigen Wochen sind Schulen und Kindergärten größtenteils geschlossen. Die Öffnung geht nur schrittweise. Während sich der eine über mehr Freizeit freut, möchte der andere am liebsten ganz schnell wieder weg von zu Hause. Zum Beispiel, weil dort nicht genug Platz ist, weil Mama und Papa oft betrunken sind oder sie immer so schnell wütend werden.

»Es ist insgesamt eine schwierige Situation für Kinder und Jugendliche«, sagt Hans Peter Krämer vom Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe in Friedberg. Der Trägerverein Jugendberatung und Jugendhilfe organisiert an 36 Schulen im Wetteraukreis die Schulsozial- und Jugendarbeit. In den vergangenen Wochen seien die Mitarbeiter telefonisch und online erreichbar gewesen. Mit einem Rundschreiben habe man zu Beginn der Maßnahmen über die Angebote informiert. Man wisse aber nie, wer tatsächlich zum Hörer greife.

Besonders für die jüngeren Schüler könne es schwierig sein, Kontakt aufzunehmen. »Sie wissen manchmal nicht, wo sie sich hinwenden sollen oder trauen sich vielleicht nicht zu telefonieren, während die Eltern zu Hause sind«, sagt Krämer. Das seien aber nur Vermutungen. Genaueres werde sich in den kommenden Wochen zeigen. Seit Montag kehren die Schüler schrittweise in die Schulen zurück. Auch Kindergärten sollen bald wieder öffnen.

»Häusliche Enge und existenzielle Notlagen können Formen von Gewalt verstärken«, heißt es vom Fachdienst Jugendhilfe im Wetteraukreis. Man habe derzeit aber keine Zunahme von Meldungen zur Kindeswohlgefährdung zu verzeichnen. Das liege an der ländlichen Struktur und daran, dass alle Hilfsangebote in den »Corona-Wochen« aufrecht erhalten und den aktuellen Bedingungen angepasst worden seien. »Stationäre Hilfen sind nicht beendet worden.« Auch das Jugendamt habe seine Arbeit angepasst.

Gewalt gegen Kinder: Ältere Schüler mit Sozialarbeitern digital vernetzt

Martha Akyüz ist Schulsozialarbeiterin an der Butzbacher Schrenzerschule. Sie betreut Schüler ab der fünften Klasse. »Ich bin mit den Schülern digital vernetzt«, sagt sie. »Wir haben Whatsapp-Gruppen und telefonieren.« Somit sei es einfacher, Kontakt zu halten. Die Schüler kämen mit Fragen, Sorgen und Problemen zu ihr, aber auch, wenn sie Unterstützung bei den Schulaufgaben bräuchten. »Wir haben in den vergangenen Wochen oft über die Freizeitgestaltung und Hobbys gesprochen«, sagt Akyüz. »Darüber, was erlaubt ist und was nicht.«

Die Schüler hätten den Kontakt zu Freunden vermisst - und auch die Schule selbst. »Viele, die sich zu erst auf die freie Zeit gefreut haben, merken jetzt, dass Schule doch ein wichtiger Teil ihres Alltags ist.« Sorgen habe sie sich um ihre Schüler nicht gemacht. »Ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann, dass sie sich bei mir melden, wenn es Probleme gibt.«

Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Leistungen. »Durch das Homeschooling wird die Lücke zwischen starken und schwachen Schülern noch größer werden«, sagt Katrin Wahl. Sie ist im Vorstand des Deutschen Kinderschutzbund-Ortsvereins Friedberg/Bad Nauheim und leitet das Kinderhaus am Goldstein in Bad Nauheim. »Die Unterstützung zu Hause ist sehr unterschiedlich. Manche Kinder verbringen viel Zeit alleine, andere haben keinen Zugang zu einem PC oder Handy. Manchen Kindern mit Migrationshintergrund fehlt die Hilfe der Eltern komplett.«

Das Spielen mit anderen Kindern sei nur teilweise möglich. Dabei seien soziale Kontakte sehr wichtig für die Entwicklung eines Kindes. Außerdem hätten Kinder aus ärmeren Familien Anspruch auf ein kostenloses Mittagessen in Schule oder Kita. Auch das falle derzeit weg. »Wenn die Kinder wieder zurück in die Grundschulen und Kitas kommen, muss man mit ihnen über die Erlebnisse der letzten Wochen sprechen. Die müssen sie erstmal verarbeiten.«

Gewalt gegen Kinder: Was tun, wenn es brenzlig wird?

Schulsozialarbeiterin Martha Akyüz berät nicht nur Schüler, sondern auch viele Eltern, die Rat suchen. Um die Situation zu Hause gut zu meistern, hat sie wichtige Tipps:

Zeit für sich nehmen: »Viele Eltern setzen sich selbst unter Druck, weil zum Job und dem Haushalt jetzt auch noch das Homeschooling hinzukommt und die Kinder zu Hause betreut werden müssen«, sagt Akyüz. »Trotzdem dürfen die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen.« Die Kinder könnten sich auch mal selbst beschäftigen. Und: »Es ist nicht die Aufgabe der Eltern, alle Schulaufgaben zu lösen. Sie können Hilfestellungen leisten, aber letztlich muss das Kind den Stoff verstehen und die Aufgaben machen.« Wichtig sei es für Eltern, sich trotz allem Zeit für sich selbst zu nehmen. Das könnten etwa ein Spaziergang oder eine halbe Stunde lesen am Nachmittag sein. »Solche Pausen helfen, die Situation zu entspannen.«

Familienzeit einplanen: »Auch wenn die Familie jetzt viel Zeit gemeinsam zu Hause verbringt, sollten feste Familienzeiten eingeplant werden«, sagt Akyüz. Dabei gehe es um schöne Aktivitäten, abseits vom Lernen und Arbeiten. »Das kann ein gemeinsames Mittagessen, ein Familienspaziergang oder ein Spieleabend sein.« So finde man als Familie wieder zusammen, auch wenn es tagsüber vielleicht Ärger gegeben habe.

Ideen für Zuhause: Erzieher und Lehrer sind gerade für kleine Kinder wichtige Bezugsperson, sagt Guido Glück von der Fachstelle Suchtprävention im Wetteraukreis. »Es ist ganz normal, dass Eltern manchmal überfordert sind. Sie müssen die zusätzliche Bezugsperson ersetzen.« Telefongespräche oder Chats könnten das nicht auffangen. Glück ist Vorsitzender des Bad Nauheimer Präventionsprojektes »KIKS UP« und will Eltern in der Krise unterstützen. Alle 14 Tage geben er und sein Team einen Newsletter mit Denkanstößen, Rezepten und Spielideen sowie interessanten Links heraus. Das Infomaterial gibt es kostenlos unter www.kiksup.de.

Beratung und Hilfe: Das Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe leistet aktuell in allen Stellen Beratung und Hilfestellungen: Die Zentrale ist unter Tel. 0 60 31/7 21 00 erreichbar. Die Stadt Bad Nauheim hat ein Eltern-Telefon geschaltet, das kontaktiert werden kann, wenn Situationen zwischen Eltern und Kindern zu eskalieren drohen. Es ist unter Tel. 0 60 32/34 33 74 von montags bis sonntags zwischen 12 bis 15 Uhr geschaltet. Außerhalb dieser Zeit können das bundesweite Kinder- und Jugendtelefon unter 0800/1110333 oder die Telefonseelsorge unter 0800/ 1110111 kontaktiert werden. Kinder, die Kummer haben, berät der Wetteraukreis unter Tel. 0 60 31/83 32 32 oder 0 60 42/9 89 32 21. Auch auf den Infotheks-Seiten in dieser Zeitung sind Beratungsstellen und Hilfsangebote aufgelistet.

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