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»Die neue Düngeverordnung wird die ganze Landwirtschaft schwächen«, befürchtet der Wetterauer Kreislandwirt Michael Schneller. Die Vorgaben führten zu spürbaren Ernte- und Qualitätsverlusten, etwa beim Weizen.

Guter Boden, weniger Ertrag

  • vonJürgen W. Niehoff
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In den vergangenen Monaten haben die Wetterauer Landwirte gegen die neue Düngeverordnung protestiert - ohne Erfolg. Jetzt ist sie da und muss umgesetzt werden. Die Stimmung bei den Landwirten ist schlecht: Sie würden auf kaltem Weg enteignet, schimpfen sie.

Die Wetterauer Landwirte wollen wegen der Düngeverordnung wieder auf die Straße gehen. »Wir werden gegen die Ausführungsverordnung der hessischen Landesregierung vorgehen«, kündigt Andrea Rahn-Farr, Vorsitzende des Bauernverbands Wetterau-Frankfurt, an. Die Auswirkungen seien nämlich enorm.

»Wenn wir unsere Äcker nicht mehr angemessen düngen dürfen, dann wird aus unserem Weizen nur noch Futterweizen. Und das trotz der guten Bodenqualität in der Wetterau«, ärgert sich der Niddataler Landwirt Marco Rothe.

Die Novellierung der Düngeverordnung wurde auf Druck der EU im vergangenen Jahr erlassen und ist in Hessen seit Anfang 2021 gültig. »Fachlich unzulänglich« - diese Kritik gab es schon bei der Verabschiedung des Gesetzes im Bundesrat. Das sehen auch die Wetterauer Bauern so. »Die neue Verordnung wird Qualität und Ernteertrag negativ beeinflussen und letztendlich die ganze Landwirtschaft schwächen«, sagt Kreislandwirt Michael Schneller.

Denn er darf künftig nicht mehr Gülle von anderen Landwirten beispielsweise gegen Stroh tauschen, weil er nach der Verordnung nur noch eigene Gülle oder Stallmist zum Düngen verwenden darf. Darüber hinaus darf er auch nicht unbegrenzt Dünger auf seinen Äckern aufbringen, sondern nur noch in festgelegten Mengen. Den Rest muss er mit Mineraldünger auffüllen. Das führe oftmals zu spürbaren Qualitätsverlusten, bemängeln die Landwirte.

Kein Düngen mehr bei Regen

»Aus Elite- oder Backweizen, der von den Getreidemühlen wegen seines hohen Proteingehalts gefordert werde und der in der Wetterau bisher fast Standard war, wird nun Futterweizen«, schimpft Landwirt Rothe. Und Rahn-Farr ergänzt: »Das ist doch Irrsinn. Wir sollen zukünftig in unserer fruchtbaren Wetterau Futterweizen produzieren, beispielsweise für Afrika, und dafür Backweizen für unser Brot aus Kasachstan beziehen.«

Nach Vorstellung des Gesetzgebers soll mit der Düngeverordnung einerseits die Düngung pflanzengerecht ausgerichtet, andererseits Umweltziele wie der Schutz von Grund- und Oberflächengewässern, die Luftreinhaltung oder der Klimaschutz umgesetzt werden. Gerade die Umweltziele erfordern eine Begrenzung der eingesetzten Nährstoffe. Dies gilt besonders für Stickstoff und Phosphor.

Das wird von den Bauern auch gar nicht in Abrede gestellt. Was ihnen an der Verordnung missfällt, ist die aus ihrer Sicht Überregulierung. So darf bei Temperaturen unter null Grad keine Düngung mehr erfolgen. Auch bei oder nach Regen ist das Befahren der Äcker wegen des Bodenschutzes nicht mehr erlaubt. »Dabei durchdringt der Dünger bei Feuchtigkeit am besten den Boden und dient dann am besten den Pflanzen«, erklärt Schneller.

Auch die neue Dokumentationspflicht, die den Landwirten vorschreibt, jede Düngemaßnahme spätestens zwei Tage nach Aufbringen schriftlich festzuhalten, kritisiert er: Das brumme den Landwirten weitere Bürokratie auf. Schneller weist auf weitere Folgen hin. Ein Betrieb, der auf Viehzucht spezialisiert sei, müsse sich jetzt überlegen, was er mit seiner Gülle und dem Stallmist mache, da er sie anderen Bauern ja nicht mehr anbieten dürfe. Für neue Lagerstätten fehle ihnen meist das Geld.

In der Wetterau sind wegen der neuen Verordnung rund 50 Prozent zu roten Gebieten, das heißt zu nitratsensiblen Flächen erklärt worden. Darunter sind auch Äcker von Ökolandwirten. Ursprünglich waren es deutlich mehr. Doch der Bauernverband hatte sich sofort gewehrt, woraufhin die Flächen neu bewertet wurden.

Schneller gehört mit seinem Hof schon seit Jahren zu einem der 45 Leitbetriebe für die Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinien in der Wetterau. Trotzdem muss auch er nun seine Düngepläne überarbeiten. Landwirt Rothe rechnet aufgrund der Verordnung sogar mit Einbußen von bis zu 15 Prozent auf seinem Hof. Deshalb wollen die Wetterauer Bauern mit ihren anderen Kollegen aus ganz Hessen nicht länger warten: Sie planen für kommende Woche eine mehrtägige Mahnwache in Wiesbaden.

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