Prof. Uta Störmer-Caysa spricht zum Auftakt von "Kultur auf der Spur". FOTO: GK
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Prof. Uta Störmer-Caysa spricht zum Auftakt von "Kultur auf der Spur". FOTO: GK

Vom grausamen Helden zum christlichen Streiter

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg(gk). Endlich war es wieder so weit: Am Montagabend startete der im Theater Altes Hallenbad stattfindende diesjährige Vortragszyklus von "Kultur auf der Spur". Er steht unter dem Motto "Wie wir wurden, was wir sind - Entwicklungslinien europäischer Kultur" und hat sich zum Ziel gesetzt, die kultur- und geistesgeschichtlichen Wurzeln und Besonderheiten der abendländischen Welt zu beleuchten.

Den Auftaktvortrag hielt Prof. Uta Störmer-Caysa von der Universität Mainz. Ihr Thema: "Helden und Hinterlist in der Völkerwanderungszeit." Anhand von Episoden aus der altnordischen Thidreks-Saga, dem Wölundlied ("Völundarkvida") aus dem "Codex Regius" der Älteren Edda, dem im 10. Jahrhundert (angeblich) von einem jungen Mönch verfassten lateinischen "Walthariuslied" sowie dem angelsächsischen Epos "Deors Klage" arbeitete die Mediävistin und Literaturwissenschaftlerin in subtilen Interpretationen ethische Normen und Weltbild dieser Texte heraus.

Eine von zahlreichen Episoden aus der Sage von Thidrek (im germanischen Sagenkreis König Dietrich von Bern, der eine Nebenrolle im Nibelungenlied aus dem beginnenden 13. Jahrhundert spielt) ist die Geschichte von Wieland dem Schmied, der Zentralgestalt des "Wölundlieds". Berichtet wird von dessen Gefangenschaft, Rache und Flucht. Im altgermanisch/nordischen Sagenkreis nimmt der Schmied eine herausgehobene Stellung ein. Er beherrscht die Kunst des Waffenschmiedens und der Herstellung von kostbarem Geschmeide.

Genau dies wird dem Sohn eines unterweltlichen Alben zum Verhängnis, denn der missgünstige König Nidud und seine Frau Bödwild bringen ihn mit einem hinterlistigen Trick in ihre Gewalt. Von nun an muss der nur noch auf Rache sinnende Wieland für beide Waffen und Ringe schmieden. Die Stunde der Vergeltung naht, als die beiden jungen Königssöhne sich neugierig über die geöffnete Schatztruhe beugen, Wieland den Deckel fallen lässt und ihnen damit die Köpfe abschlägt. Aus den Totenschädeln fertigt er kostbares Trinkgeschirr und setzt es dem Königspaar vor. Bevor er sich - dem griechischen Dädalos gleich - per Flug durch die Lüfte absetzt, offenbart er sein schreckliches Geheimnis.

Damals ein legitimes Mittel

Auch in einem der ältesten Dokumente altenglischer Literatur aus der Zeit zwischen 700 und 900 - der "Klage Deors" (Deor’s lament) - taucht die Wandersage von Wieland dem Schmied auf. Ein melancholischer Barde tröstet sich über sein Leid mit dem Verweis auf dessen wundersame Befreiung hinweg: "So verging sein Leid; so wird meines vergehen."

Die aus christlicher Weltsicht ungemein grausame Wielandsage ist - so Prof. Störmer-Caysa - mit germanischem Rechtsempfinden völlig vereinbar. Aus dieser Optik wurde hier eine Untat durch eine andere gerächt. Dies war legitim - auch wenn die Mittel Wielands noch so grausam waren.

Gibt es nun einen linearen Übergang von germanischem zu christlichem Moralverständnis? Ein Beispiel dafür ist - so die Referentin - das dem St. Gallener Mönch Ekkehard zugeschriebene "Walthariuslied" aus der Zeit um 900. Der christliche Autor greift eine in ganz Europa umlaufende Walthersage auf, führt aber das germanische Rechtsempfinden im Lauf der Handlung ad absurdum und lässt die Handlung versöhnlich enden: Walther wird zum Idealbild des christlichen Streiters und damit ein Vorläufer der hochmittelalterlichen Heldenepik.

Eine Antwort auf die Frage, wie viel germanisch-vorchristliches "Erbgut" noch in unserer heutigen Kultur zu finden ist, erwartete das Auditorium leider vergeblich.

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