Von Nonnen und Radfahrern

Zwei Nächte im Kloster Engelthal

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Es gibt Dinge, mit denen rechnet man nicht. Zum Beispiel habe ich keinen Schnaps erwartet, als ich den Schrank in der Gästeküche in Kloster Engelthal geöffnet habe. Jetzt weiß ich es besser – und verstehe, warum jährlich hunderte Menschen zu Besuch kommen.

Es gibt noch ein Foto von damals. Drei Nonnen gehen vorweg, die mittlere trägt ein Kreuz. Das war am 1. Mai 1962 – der Tag, an dem das Kloster Engelthal wieder ein Kloster geworden ist. Viel verändert hat sich seither nicht. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Nonnen tragen noch immer ihr schwarzes Gewand, um das Kloster herum nur Wald und Wiesen, ein paar einzelne Höfe, manchmal wiehert ein Pferd.

20 Benediktinerinnen sind damals in das Kloster gezogen, zwei von ihnen leben noch heute dort. Seither sind Tausende Menschen gekommen – die meisten als Gäste. "Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus", steht auf einer der Tafeln im Gästehaus. Ein 1750 als Äbtissinnenbau errichtetes zweistöckiges Gebäude, das heute für Besucher zur Verfügung steht. Sie können hier übernachten, essen, lesen. Sie können unter dem Dach beten, im benachbarten Klostergarten sitzen, und wenn sie wollen, können sie hier arbeiten. 6000 Übernachtungen sind es pro Jahr, die meisten Gäste bleiben zwischen zwei und sechs Nächten.

Ich bleibe zwei. Von Mittwoch bis Freitag. Wenn ich möchte, sagt man mir bei der Ankunft, kann ich an den Gottesdiensten teilnehmen. Im Erdgeschoss ist eine Teeküche, um 18.30 Uhr gibt es Abendessen, und mein Zimmer hat die Nummer 103.

Bier, Wein, Klosterlikör

Was ich vorher erwartet hatte? Nicht viel. Am wenigsten aber ein WLAN-Passwort. Es steht in der Broschüre, die in meinem Zimmer (Schreibtisch, Couch, Bett, dazwischen viel Platz) liegt. Zwei Tage später werde ich die fürs Gästehaus zuständige Schwester Maria Magdalena darauf ansprechen: Dass ich mich über das WLAN-Passwort ebenso gewundert habe wie über das Bier, den Wein und den "Klosterlikör" in der "Selbstbedienungsteeküche". Sie lächelt: "Wir möchten eben, dass sich unsere Gäste wohlfühlen."

Das tun sie. An den zwei Tagen im Gästehaus treffe ich viele unterschiedliche Menschen. Schülerinnen aus dem Taunus, vier Radfahrer, eine junge Frau, die alle Jahre wieder kommt.

Getrennte Bereiche

Die meisten Gäste besuchen die Gottesdienste. Morgens vor dem Frühstück. Die Kirche liegt neben dem Gästehaus. Der Besuchereingang und -bereich ist separat. Wo die Gäste sitzen, ist keine der Schwestern zu sehen. Bloß zu hören. Wie sie die Psalmen singen – tagein, tagaus, morgens, mittags, abends. 7.30, 12, 18 Uhr.

Die Schülerinnen besuchen die Gottesdienste morgens und abends. Sie sind für eine Nacht im Kloster – Zwölftklässlerinnen, 16- und 17-Jährige der St.-Angela-Schule in Königstein, eine private Mädchenschule. Einen Tag vorher sind sie in Ilbenstadt angekommen, zu Fuß nach Engelthal gegangen, wo die acht jungen Frauen ihre Zimmer bezogen haben. Lehrerin Kerstin Sahl erzählt, es ist ein Projektausflug. Das Motto: "Oh, wie schön ist Panama" – nach der Janosch-Geschichte. Der Hintergrund: "Die Suche nach dem eigenen Panama." Ob es den Schülerinnen gefällt? "Es ist ein sehr schöner Ort", sagt eine. "Und es ist interessant, das Kloster kennenzulernen." In der Schule gebe es auch eins, nur bekomme man davon im Alltag nichts mit.

Als Gast im Kloster Engelthal schon. Auch wenn die Bereiche getrennt sind – der Eingangsbereich mit Besucherparkplätzen und Gästehaus ist für alle zugänglich.

Vom Gästehaus führt ein Gang in den Wohnbereich der Schwestern. Gäste haben dort keinen Zutritt. "Da sind wir auch eindeutig", sagt Schwester Maria Magdalena, die seit 35 Jahren im Kloster lebt. "Die Gäste haben ihren Bereich, wir unseren. Wir richten unser Leben komplett auf die Beziehung zu Gott aus." Dazu gehöre auch die Stille, das Schweigen.

Männerbesuch im Kloster

Geschwiegen wird ab kurz nach acht am Abend bis zum Morgen. Bis zur Messe werde damit ein Raum vertiefter Stille, des Hörens und des Betens geschaffen. "Wir möchten Sie einladen, daran teilzuhaben", heißt es in der Broschüre auf den Zimmern. "Deshalb bitten wir auch, die Schwestern in dieser Zeit nur in wichtigen Fällen anzusprechen."

Ab halb 9 ist ohnehin niemand mehr in den Fluren oder im Hof unterwegs (außer eine Katze). Die Haustür ist um diese Zeit bereits geschlossen. Manchmal ist das Geräusch eines Flugzeugs zu hören, sonst ist alles still.

Außer am Donnerstagabend. Im Erdgeschoss klirrt eine Flasche. Kronkorken zischen. Männerbesuch im Kloster. Die vier Radfahrer sind am Nachmittag gekommen. 110 Kilometer haben sie hinter sich. Olaf Clauß, einer der vier vom Radteam Elters, sagt, "es ist sehr angenehm hier". Im Kloster sei er noch nie gewesen; "meine Frau macht das aber häufiger". Diesmal habe es sich auch für die Männer angeboten: Weil Engelthal in der Mitte liegt zwischen Fulda und Mainz, wo sie die anderen Vereinsmitglieder treffen.

Eine eigene kleine Welt

Für die vier Männer ist das Haus eine Übernachtungsmöglichkeit. Für viele Menschen, die kommen, ist es mehr. Das zeigt ein Blick ins Gästebuch. "Die Tage hier haben mir ein Stück Frieden zurückgegeben", steht dort. Oder: "Für mich ist dieser wunderbare Ort eine Zufluchtsstätte."

Das ist auch das Besondere hier: die Abgeschiedenheit, die Zurückgezogenheit von der restlichen Welt, die eigentlich nur wenige Kilometer entfernt ist, von der man aber (wenn man das WLAN-Passwort ignoriert) nichts mitbekommt. Und dennoch ist es ein Leben in der Gemeinschaft. Auf der Homepage des Klosters heißt es: "Wir stehen nicht allein vor Gott, sondern sind eingebunden in vielfältige Lebenskreise." In Engelthal, umgeben von einer alten Mauer, überschneiden sich viele dieser Kreise.

Nachmittags sitzen Gäste im Garten, andere sprechen mit den Schwestern, beim Essen (alle sitzen in einem großen Raum an mehreren Tischen) wird geplaudert. Und doch hat jeder jederzeit seinen Rückzugsort. Dieser ist auch ein Grund dafür, dass Carolin Frank Jahr für Jahr aus der Nähe von Stuttgart für einige Zeit ins Kloster kommt. Bisher immer nur für zwei Wochen, erzählt sie, diesmal allerdings sind es eineinhalb Monate. Sie schreibt ihre Doktorarbeit in Archäologie. Und arbeitet schon eine ganze Weile daran. "Ich war an einem Punkt, an dem ich mich nicht mehr konzentrieren konnte", erzählt sie. Hier, im Kloster, in dem "geordneten Rahmen", könne sie wieder konzentriert arbeiten. Der Rahmen sind die festen Zeiten für Essen und Gottesdienste. Sie geben den Tagesrhythmus vor. In ihrem Zimmer hat Carolin Frank ihren Computer aufgebaut, täglich arbeite sie sieben Stunden an ihrer Dissertation. Zwei Stunden hilft sie zudem im Kloster mit – das mache zum einen den Aufenthalt billiger, zum anderen sei es eine willkommene Abwechslung.

Vorleben statt überzeugen

So hilft sie zum Beispiel bei der Bewirtschaftung des Gartens. "Äpfel ernten, Beete jäten, gießen." Die Schwestern bauen viel selbst an, Kürbisse, Tomaten, Zucchini; sie verzehren oder verkaufen die Lebensmittel. Zudem gibt es eine Restaurierungswerkstatt für Gemälde und Skulpturen. Es ist eben eine kleine Welt in der großen. Mit einer besonderen Atmosphäre, wie die Doktorandin sagt. Ob sie sich vorstellen kann, selbst einmal im Kloster zu leben? "Es gibt schlechtere Lebensentwürfe. Aber klar, das Leben ist sehr geordnet, und es gibt wenig Platz für individuelle Spinnereien." Als sie 2013 zum ersten Mal als Gast ins Kloster kam, war es vor allem aus Neugier. Eine Reportage im Fernsehen hatte sie auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, Google auf das Angebot von Kloster Engelthal. Mit der Zeit sei der religiöse Aspekt hinzugekommen. "Das Interessante hier ist, dass die Schwestern nie auch nur ansatzweise versuchen, einen zu überzeugen. Sie leben es einfach vor."

15 Schwestern leben im Kloster. Warum sie damals diesen Weg eingeschlagen hat, frage ich Schwester Maria Magdalena. Gegenfrage als Antwort: "Haben Sie einen Partner? Wie sind Sie dazu gekommen? Das hat etwas mit Lebenssehnsucht zu tun."

Vor zwei Tagen bin ich gekommen. Heute fahre ich wieder; eines Tages werde ich sicher wieder nach Kloster Engelthal kommen. Bis dahin werde ich es als einen Ausflug nach weit weg in Erinnerung behalten, auch wenn ich nur 30 Kilometer von zu Hause entfernt gewesen bin. Carolin Frank, die Doktorandin, sagt mir zum Abschied, eigentlich müsse man mindestens eine Woche bleiben, um richtig in das Leben dort einzutauchen.

Ich habe im Gästegarten gesessen und in der kleinen Bibliothek Bücher durchgeblättert. Gedichtbände stehen dort, Bibeln, Romane. In einem der Bücher habe ich ein Gedicht mit dem Titel "Was schlimm ist" von Gottfried Benn gefunden. In einer Strophe heißt es: "Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören und sich sagen, daß sie das immer tun."

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