Das "Brillenmacherfenster" hat Künstler Otto Franz Kutscher 1956 für Optik Boelke gestaltet. FOTOS: HMS
+
Das "Brillenmacherfenster" hat Künstler Otto Franz Kutscher 1956 für Optik Boelke gestaltet. FOTOS: HMS

Glaskunst durch die Brille

  • vonHanna von Prosch
    schließen

Im Eingangsbereich des Geschäftes Optik Boelke in Bad Nauheim steht man einem bunten Glasfenster gegenüber. Es zeigt die Geschichte der Brille und wurde von dem bekannten Nauheimer Künstler Otto Franz Kutscher gemalt. Brillenglas und Glaskunst liegen hier eng beieinander.

Glaskunst von Künstler Otto Franz Kutscher gibt es kaum noch im Original. Jedenfalls sind seine Fenster von 1929 aus der Bad Nauheimer Synagoge nicht mehr erhalten und ob seine Fenster in der Friedberger Friedhofskapelle noch im Originalzustand sind, weiß niemand genau.

Umso mehr freuen sich Seniorchefin Christel Flor und ihre Tochter über diese Rarität in ihrem Geschäft in der Parkstraße: "Solange ich mich erinnern kann, ist das Fenster hier. Es wurde nach dem Umbau des Geschäfts im April 1956 eingebaut", erzählt Anne Flor-Spuri. Anni, die Schwester ihrer Mutter, und deren Mann Walter Boelke waren seit 1932 die Inhaber und hatten den Auftrag an Kutscher gegeben. Es bestanden zwischen den Familien nachbarschaftliche Beziehungen, denn Boelkes wohnten in der Karl-, Ecke Lutherstraße und Kutschers in der Luther-, Ecke Kurstraße. Außerdem war der überaus aktive Otto Franz Kutscher zusammen mit Christel Flor im Ausschuss für die renommierten Bad Nauheimer Fotowettbewerbe.

Kutscher hatte sich für den Bad Nauheimer Traditionsbetrieb das historisches Motiv der Brillenmacher ausgedacht. Immerhin war Boelke schon Geschäftsführer in der Filiale der 1839 in Berlin gegründeten Firma "C. Dittmar Optisches Institut" in den Kolonnaden.

Die Fenstergeschichte beginnt mit einem einfachen Sehrohr, mit dem man schon in früher Zeit die Sterne betrachten konnte. Die Brille wird erstmals um 1270 erwähnt, wo man in Venedig lupenähnliche Eingläser mit verkürzten Stielenden vor die Augen hielt. In einer Denkschrift an den Papst 1267 wurde sie für "sehschwache Geistliche" empfohlen, wurde aber für viele Menschen ein Segen. Die Abbildung des "Brillenapostels" von Conrad v. Soest (1403) ist der älteste Nachweis einer sogenannten Bügelbrille nördlich der Alpen. Kutscher setzte sie in den oberen linken Teil des Fensters. Aus dem "Ständebuch" von 1568 stammen das große Bild (Mitte) von Jost Amman und der dazugehörige Text über den Brillenmacher von dem Nürnberger Poeten Hans Sachs.

Mit Schnüren festgebunden

Die wichtigsten Entwicklungsstufen der Brille dokumentierte Kutscher durch die Jahreszahlen 1270, 1473, 1775, 1810, 1842 und 1850 sowie durch historische Holzschnittmotive. 1450 wurde im Frankfurter Gerichtsbuch "meister Johan brelnmecher" erwähnt, und im Marktrechtbuch der Stadt wird 1472 "der mit den brellen am Romerdore" genannt. Das Gewerbe der Brillenmacher fand schließlich im Nürnberger Raum seine Blüte.

Den Namen hat die Brille vom Beryll, einem Halbedelstein, mit dem die Gläser gefertigt wurden. Denn Glas konnte man noch nicht blasenfrei herstellen. Die Gestelle waren plump aus Holz oder Leder und wurden mit Schnüren hinter dem Kopf zusammengebunden. Später erst kamen Fassungen aus Stahl, Gold oder Horn, oft reich verziert und in kostbaren Etuis aufbewahrt. 1746 fertigte der Pariser Optiker Thomin das erste Brillengestell mit zwei seitlich angebrachten Bügeln aus Draht - der Vorläufer unserer heutigen Fassungen.

Um 1810 folgte das Monokel, dann der Kneifer oder Zwicker. Auch die Gläser veränderten sich: Lange gab es nur stärkere für die älteren und schwächere für die jüngeren Leute.

1780 entwickelte der Naturwissenschaftler und US-Politiker Benjamin Franklin die bifokale Linse.

War die Brille seit dem 15. Jahrhundert bis zu Wilhelm Busch in häufig ironischen Darstellungen eine typische Beigabe von Klerikern und Gelehrten, gilt sie bis heute als Symbol der Gelehrigkeit. Otto Franz Kutscher betrachtete die Welt wohl mehr durch die Linse der Kunst, denn er war offenbar kein Brillenträger.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare