Ohne Bewährung

Gießener erhält zehn Monate Haft für Selbstjustiz

Ein 55-Jähriger hatte nach einem Diebstahl drei junge Männer eingespert und bedroht, bis der Dieb die entwendete Rolex-Uhr herausrückte. Jetzt gab es dafür vor Gericht die Quittung.

Gießen(ta). Weil seinem Sohn daheim die wertvolle Rolex-Uhr gestohlen worden war, sperrte ein früherer Pizzeria-Betreiber die drei Tatverdächtigen kurzerhand in einem Gießener Bistro ein und bedrohte sie so lange, bis der Dieb schließlich seine Beute herausrückte. Wegen dieser Selbstjustiz soll der 55-Jährige nun für zehn Monate hinter Gitter, ohne Bewährung.

Wie es im Heimatland so Tradition ist, hatte der Italiener seinem Sohn zu dessen 18. Geburtstag die Luxusuhr im Wert von 9000 Euro geschenkt. Das Geld dafür hatte er auch bei Verwandten eingesammelt. Der Junge trug das gute Stück aber nur selten und bewahrte es auf einem Schrank in seinem Zimmer auf.

Dort lag die Uhr auch am Abend des 10. Oktober 2019, einen Tag vor seinem 19. Geburtstag. Der angehende Industriemechaniker traf sich hier zum "Vorglühen" mit drei Freunden, ehe es in die Disco ging. Am nächsten Morgen war die Rolex weg. Als Dieb kam offenkundig nur einer drei Gäste in Betracht. Der in seiner Familienehre gekränkte Vater verzichtete auf das Einschalten der Polizei und bestellte das Trio zu einer vermeintlichen Feier vor der Öffnungszeit in das Bistro eines Freundes. Dessen Inhaber schloss von innen zu und zog den Schlüssel ab; die Videokamera wurde ausgeschaltet. Dann versuchte es der 55-Jährige zunächst im Guten: "Wenn ich die Uhr zurückbekomme, ist die Sache für mich erledigt."

Weil die drei Eingesperrten die Tat leugneten, trat "Stufe 2 "ein. Der Bestohlene baute eine Drohkulisse auf, indem er mehrmals mit einem Baseballschläger auf den Tisch schlug und mit einem Einhandmesser hantierte. Zwischendurch setzte es auch mal eine Ohrfeige. Der Bistrobetreiber stand daneben mit einer Holzlatte in der Hand.

Keine Chance auf Bewährung

Dermaßen eingeschüchtert, gestand der Dieb seine Tat. Er fuhr mit dem Familienvater, der sich dafür eine Schreckschusswaffe in den Bund steckte, und dessen Freund zum Aufbewahrungsort im Heyerweg und übergab die Uhr. Währenddessen blieb Junior mit den beiden anderen Freunden im Lokal.

Dieser Sachverhalt wurden von den drei Angeklagten eingeräumt. Für den Haupttäter ging es vor Gericht vor allem um die Frage, ob er mit einer neuerlichen Bewährungsstrafe davon kommt. Denn der dreifache Familienvater war schon zweimal wegen Kokain-Handels bestraft worden. Die zweite Bewährungszeit lief noch, als er sich zu der Selbstjustiz hinreißen ließ.

Wahlverteidiger Philipp Kleinert kämpfte natürlich gegen eine Strafverbüßung seines Mandanten. Das Gericht müsse die Vorgeschichte mit dem moralisch höchst verwerflichen Eingriff in dessen Privatsphäre berücksichtigen, verlangte er. Zudem hätte er über eine Strafanzeige wohl kaum die Uhr zurück bekommen.

"Das Maß ist voll", widersprach Staatsanwalt Rouven Spieler. Auch Richter Heiko Kriewald unterstrich, dass unsere Rechtsordnung einen solchen Fall von Selbstjustiz nicht akzeptiere: "Es war von Anfang an so geplant, dass ein Geständnis erpresst werden sollte." Eine positive Sozialprognose sei nicht möglich. Das Urteil lautete auf zehn Monate Haft wegen Nötigung, Freiheitsberaubung Körperverletzung und unerlaubtem Führen einer Waffe.

Der Bistrobesitzer wurde zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätze zu je 25 Euro verurteilt. Der nicht aktiv am Geschehen beteiligte Sohn muss 800 Euro an den Weißen Ring zahlen. Den nicht vorbelasteten Tätern war Beihilfe zur Nötigung und Freiheitsberaubung angelastet worden. Beide nahmen das Urteil an, der sich reuig zeigende Haupttäter äußerte sich noch nicht. Das Strafverfahren gegen den jungen Rolex-Dieb war gegen die Auflage gemeinnütziger Arbeitsstunden eingestellt worden.

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