Chemical Revolution

Gießener Anwalt Alexander Hauer: Ein Mann für spektakuläre Fälle

Bald beginnt der Prozess gegen die Köpfe von Deutschlands größten Online-Drogen-Handel "Chemical Revolution". Mit dabei ist Anwalt Alexander Hauer. Ein Porträt.

Als Handballspieler war Alexander Hauer ein ziemlich unangenehmer Gegenspieler: Sehr körperbetont sei er gewesen, erinnert sich einer, der ihn aus gemeinsamen Sportzeiten kennt. Hauer habe auf halbrechter oder -linker Position weder sich, noch seine Gegner geschont. Als Nebenmann habe er die Mitspieler "mit vollem Herzen und Rieseneinsatz" abgesichert. "Ich habe austeilen, aber auch einstecken können", sagt Hauer über seine Spielweise und lächelt. Beides Fähigkeiten, die der 41-Jährige als Strafverteidiger gut gebrauchen kann. Wer aber glaubt, der Anwalt sei im Gerichtsaal ein Haudrauf mit Gesetzbuch, der irrt sich.

Wer Hauer während eines Prozesses beobachtet, erlebt einen konzentrierten Juristen, dem der öffentlichkeitswirksame Auftritt im Gerichtsaal fernliegt. Er poltert nicht, spielt nicht mit falschen Karten und hält seine Plädoyers in einem sachlichen und fachlichen Ton, dem man als Nichtjurist manchmal nicht immer leicht folgen kann. Gleichzeitig kann er außerhalb des Gerichtsaals juristische Feinheiten so erklären, dass selbst Laien sie verstehen.

Vielleicht ist es diese Mischung aus Fachlichkeit und Offenheit, weshalb Hauer mittlerweile bundesweit in spektakulären Prozessen als Strafverteidiger oder Nebenkläger auftritt. Der Jurist vertritt einen Angeklagten im Prozess gegen die Köpfe von Deutschlands größtem Onlinehandel für Drogen: Das Verfahren gegen Chemical Revolution findet ab Mittwoch in der Gießener Kongresshalle statt. In Frankfurt ist er am Prozess gegen die Macher der Darknet-Plattform "Wall Street Market" beteiligt. In München vertrat er die Nebenklage im Stromschlagprozess, bei dem ein Mann zahlreiche Frauen dazu verleitet hatte, lebensgefährliche Experimente an sich vorzunehmen. Beteiligt ist er am Burbach-Prozess in Siegen, bei dem es um Misshandlungen an Geflüchteten durch Sicherheitsleute in einer Flüchtlingsunterkunft geht. In Gießen ist Hauer Stammgast im Amts- und Landgericht.

Hauer ist ein heimatverbundener Typ - vor allem wegen des Handballs. Geboren im Kunstgebilde Stadt Lahn, spielte er unter anderem in Mainzlar und Hüttenberg auf gehobenem Niveau. Beruflich trat er in die Fußstapfen seines Vaters. Der hatte in Staufenberg eine Kanzlei. Ein Allrounder, von denen es heute in Zeiten der Spezialisierung immer weniger gibt. Dass Hauer hier unterschiedliche Rechtsgebiete kennenlernte, hilft ihm bis heute auch als Strafverteidiger. Der Blick über den Tellerrand kann nie schaden. 2007 machte er das Zweite Staatsexamen, 2011 den Fachanwalt für Strafrecht. Seit 2014 arbeitet er in einer Bürogemeinschaft mit Dagmar Nautscher und Peter Wagner am Kanzleiberg. Außerdem ist er Vorsitzender des Oberhessischen Anwaltvereins.

Fragt man ihn, warum er Strafverteidiger geworden ist, könnte Hauer lange von der Faszination seiner Arbeit sprechen. "Man verteidigt nicht die Straftat", betont er, "sondern den Menschen, dem eine Straftat vorgeworfen wird." Die im Grundgesetz verankerte Menschenwürde gelte auch für mutmaßliche Täter. Diese vertrete er, um ihnen ein faires Verfahren zu ermöglichen. "Dass am Ende des Tages ein Urteil steht, macht den Rechtsstaat aus", betont Hauer, der gleichzeitig unterstreicht: "Es ist besser, bei Zweifeln einen Menschen freizusprechen, als einen Unschuldigen zu einer Haftstrafe zu verurteilen."

Dass seine Arbeit nicht bei jedem auf Gegenliebe stößt, akzeptiert Hauer. "Es gibt 80 Millionen Bundestrainer, 80 Millionen Virologen und 80 Millionen Juristen", sagt er mit einem Augenzwinkern. Viele fordern zum Beispiel höhere Strafen, aber die rechtsstaatlichen Spielregeln würden sie nicht kennen. "Für Strafverteidiger gibt es kein Schwarz und Weiß, sondern vor allem ganz viel Grau", sagt Hauer. Gleichzeitig liegt es ihm fern, sich mit seinen Mandanten zu solidarisieren. Abstand und Seriosität sind die Zauberworte - sonst könne er einen Angeklagten nicht gut vertreten. Im Gespräch lässt Hauer einmal das Wort "Rechtsdienstleister" fallen. Dies beschreibt seine Arbeitseinstellung sehr gut. Es hilft Hauer auch dabei, die mitunter nicht einfach zu verarbeitenden Sachverhalte wie bei Sexualstraftaten nicht zu nah an sich heranzulassen. Hauer sagt, würde er sich zu sehr mit einem Fall identifizieren, würde er ihn vermutlich lieber abgeben.

Hauer hat keine Berührungsängste, was die Präsenz in den Sozialen Medien angeht. Er ist auf Instagram, Facebook oder Twitter aktiv und veröffentlicht dort kurze Beiträge über seine Arbeit. Einen Masterplan verfolgt er damit nicht; es habe sich eben so entwickelt, sagt der verheiratete Familienvater. Die Resonanz sei positiv, obwohl ihn manche Kollegen dafür belächeln würden. "Das ist okay für mich", sagt Hauer und schmunzelt. Seine Aktivitäten hätten mit medialer Präsenz und nichts mit Kundenakquise zu tun, betont er. Dies braucht er auch gar nicht. Denn die meisten Mandanten kommen zu ihm über Empfehlungen anderer.

In Gießen: Prozess gegen Chemical Revolution beginnt

Am Mittwoch, 5. August, beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Köpfe von Deutschlands größtem Drogenversandhandel "Chemical Revolution". Wegen der vielen Angeklagten und den Vorgaben im Zuge der Corona-Pandemie finden die Verhandlungen in der Kongresshalle in Gießen statt. Ein Urteil wird im November erwartet.

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