+

Gezeichnete Geschichte

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
    schließen

Mit einem Rosinenbomber fing alles an. Genauer gesagt mit einer Postkarte, die einen Rosinenbomber zeigt. Diese Postkarte hat Luise Bornkessel, die ursprünglich aus Assenheim stammt, an ihren Opa geschickt. Sie war zum Studium nach Berlin gegangen - genau dorthin, wo schon ihr Großvater studierte. Aus dem Briefwechsel der beiden und daraus entstandenen Zeichnungen hat Bornkessel ein künstlerisches Bilderbuch gemacht. Eine illustrierte Zeitreise zurück ins Berlin der 50er-Jahre.

Mitten in der Großstadt kamen die Gedanken an den Großvater. Luise Bornkessel stammt ursprünglich aus Niddatal-Assenheim. 2014 ging sie nach Berlin, um dort an der Kunsthochschule Weißensee zu studieren. Auf der Suche nach einem WG-Zimmer entdeckte sie am Alexanderplatz zufällig eine Postkarte, die einen Rosinenbomber zeigt.

Da erinnerte sie sich, dass ihr Großvater auch in Berlin studiert hat. Das war 1953. Sie kaufte die Karte und schrieb darauf ein paar Zeilen nach Hessen: "Wie war es eigentlich zu Deiner Zeit, als du in Berlin warst?"

Vier Tage später kam ein langer, liebevoller Brief vom Großvater nach Berlin. Mit eindrucksvollen Erinnerungen - gelebte deutsch-deutsche Geschichte. Daraus hat Luise Bornkessel mit eigenen großformatigen Zeichnungen eine bebilderte autobiografische Erzählung erschaffen. Sie trägt den Titel "Im Osten der Senf, im Westen die Kohle" und ist jetzt exklusiv bei der Buchhandlung Bindernagel in Friedberg zu haben.

Uniformierte stürmen einen Hörsaal, Studenten geraten unter Druck. "Wir brechen euch alle Knochen", schreien die Uniformierten. Das ist eine Szene an die sich Luise Bornkessels Großvater erinnert. Er studierte in den 50er Jahren Veterinärmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin, im damaligen sozialistischen Sektor. Zu Anfang seines Studiums hatte der Opa nach dem überstandenen Krieg ein eher unbeschwertes Studentenleben. "Er war ein frecher junger Mann, ging mit seinem Kommilitonen durch dick und dünn." Zum unbeschwerten Leben gehörte es, ins Kino in den West-Sektor zu fahren oder in einen Jazz-Keller der Amerikaner zu gehen.

Mit Opas Fahrrad durch Berlin

Später verschärfte sich die politische Lage zusehends. Der Druck auf die Studenten wuchs, sie wurden bespitzelt. Der Großvater erzählt von Ernteeinsätzen, zu denen Studenten in den Ferien verpflichtet wurden. Dazu gehörte es, Kartoffelkäfer vom schlammigen Boden zu sammeln. Die Studenten bekamen kein Geld dafür.

Die Situation der Studenten in Ost-Berlin hat Luise Bornkessel in ihrer theoretischen Abschlussarbeit analysiert. Dafür hat sie Zeitungen in Berliner Archiven gesichtet und die Inhalte mit den Erlebnissen des Großvaters verglichen. Mit eklatanten Unterschieden und klarer politischer Färbung seitens der Ost-Medien: "Die Zeitungen im Osten hatten eine SED-Brille auf", sagt Bornkessel.

In der sozialistischen Studentenzeitschrift "Das Forum" fand sie einen Artikel, in dem genau über den Aufmarsch im Hörsaal berichtet wurde. In der Zeitung war von einer friedlichen Diskussion und zufriedenen Studenten zu lesen. Was der Opa erlebte, war komplett anders.

Luise Bornkessel hat durch die vielen Erzählungen des Großvaters und durch ihre eigenen Recherchen viele Bilder im Kopf gehabt, die sie alle zu Papier brachte. Als sie ihre Abschlussarbeit mit den Zeichnungen an der Kunsthochschule Berlin Weißensee vorstellte, gab es so viel positive Resonanz, dass sich die Künstlerin zu einer Veröffentlichung entschied. Zunächst veröffentlichte sie Postkarten mit Motiven aus ihrem Buch, um in Berliner Buchläden auf ihre entstehende Arbeit aufmerksam zu machen. Das künstlerische Bilderbuch sollte eigentlich "nur" ein Geschenk für ihren Opa sein. Mit ihren eigenen Illustrationen, Erzählungen des Großvaters und einem großformatigen Stadtplan von Berlin - bunt und ausklappbar.

Crowdfunding macht es möglich

Der Buchdruck und die Herstellung ist durch Crowfunding finanziert worden und als limitierter großformatiger Erstdruck von 50 Exemplaren erschienen. Friederike Herrmann, Geschäftsführerin und Inhaberin der Buchhandlung Bindernagel in Friedberg war von dem Buch so begeistert, dass sie es sofort bei sich im Laden aufgenommen hat und dort derzeit exklusiv vertreibt.

Ihr Großvater vererbte ihr sein damals neu gekauftes Studentenfahrrad, was Bornkessel zurück nach Berlin brachte. Nach Wegbeschreibungen aus den Briefen ihres Großvaters stellte die Autorin fest, dass sie sogar ein und dieselben Strecken in ihrem Berliner Alltag zurücklegte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare