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ZUM NACHDENKEN

Gewalt

  • vonred Redaktion
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Es war wohl ein Jahr nach der großen Rede Martin Luther Kings. Ich war acht Jahre alt. Da kam ein Junge in unsere Klasse, der Kaltofen hieß. Er rannte bei einem Ausflug einfach weg, bespuckte uns, roch schlecht. Und eines Tages begann er nachmittags auf der Wiese vor der Wohnung meiner Großeltern, meine Kreise zu stören. Erst ärgerte er mich am Sandkasten, nahm mir meine Spielsachen weg. Irgendwann begann er, auf mich einzuschlagen. Ich weinte und er machte sich lustig über meine Angst und mein Gehampel.

Dann kam meine Oma ins Spiel. Wie ein Erzengel stand sie auf dem Balkon. Ich dachte, sie ist meine Rettung und tröstet mich. Stattdessen schimpfte sie und rief - aber nicht, um diesen Kaltofen zu vertreiben, sondern zu mir: "Wenn du dich jetzt nicht wehrst, dann komme mir nur rein!" Meine Großmutter war für mich wie eine gute Mutter. Nur dieses eine Mal war sie hart und unerbittlich. "Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel", das Gedicht Rudolf Otto Wiemers fällt mir dazu ein. Ich habe Kaltofen aus Angst vor meiner Oma so vermöbelt, dass er sich nie wieder auf meine Wiese traute. Ich sehe ihn noch, wie er davonlief vor über 55 Jahren - und ich muss gestehen: Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Aber ich weiß, diese Situation lässt sich nicht verallgemeinern. Gewalt kann keine Lösung sein.

Aber ohne Nachdruck und Gewalt wären die Händler noch im Tempel und die Nazis in Berlin. Ich sehe daraus: Wir alle sind irgendwie in Gewaltverhältnisse verstrickt. Gewalt hat viele Ausdrucksformen: Es kann der falsche Nachdruck sein, mit dem wir unseren Kindern begegnen. Unsere nicht kontrollierten sadistischen Wesenszüge und die Lust, Schwächere kleinzuhalten. Auf der anderen Seite meint Gewalt für mich aber auch die Notwendigkeit, in Schule oder Kindergarten den Schwächeren beizustehen. Es sind die Lebensverhältnisse in kleinen Wohnungen ohne Grünflächen, ohne ausreichende Versorgung, Bildung, ein eigenes Zimmer. Das nennt man strukturelle Gewalt. Frieden zu stiften hat viele Aspekte. Wohl auch den, beherzt gegen Gewalt - in all ihren Formen - vorzugehen.

Rainer Böhm, Pfarrer in Bad Nauheim

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