ZUM NACHDENKEN

Was geht mich das an?

  • vonred Redaktion
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"Gott, ein Ausländer hat Probleme. Was geht mich das an? Ein Türke hängt hier durch. Was geht mich das an? Im Libanon ist der Teufel los. Was geht mich das an? So rede ich oft auch schon. Gott, was geht mich das an, wenn in Chile die Menschen auf die Kochtöpfe trommeln? Was geht mich das an, wenn einer krepiert neben mir?

Hier nimmt alles seinen Lauf: Haus 1, 2, 3. Dann stehe ich vor der Tür, entlassen in die Freiheit. Und das interessiert, sonst nichts. Ja, so sind wir geworden: gleichgültig, auf uns bedacht, funktionstüchtig. Wir regen uns höchstens auf, wenn UNS jemand auf die Zehen tritt.

Gott, versteh doch, wie schwer es ist, hier durchzuhalten, gegen das Misstrauen, gegen die Kälte, gegen den Neid und gegen unsere Hackordnung, in der es nur Starke und Schwache, Sieger und Verlierer gibt.

Gott, manchmal stinkt es mir, dass ich das alles mitmache. Ich will nicht länger gleichgültig dahinleben, misstrauen, andere verdächtigen, meine Überlegenheit auskosten, cool sein und angepasst. Ich will aufhören zu funktionieren. Gott, schenke mir den Mut und die Kraft, hier gegen den Strom zu schwimmen, Sand im Getriebe zu sein." Dieses Gebet eines Inhaftierten aus dem Buch "Gott im Gefängnis" ist mir eingefallen, als ich mich mit dem kommenden Wochenspruch beschäftigt habe: "Heile du mich Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen", aus Jeremia 17 Vers 14. Vieles erlebe ich als unheilig, zerbrochen, zerstört, voller Angst und verzweifelt.

Vieles erschreckt uns, vieles, was wir nicht ändern können, lässt uns abstumpfen und wir nehmen es teilnahmslos hin. Je mehr wir verändern und beeinflussen können, umso komplizierter wird unsere Welt.

Was heilt? Was fügt zusammen, was zerbrochen ist? Wie kommen wir wieder ins Gespräch - auch wenn mein Gegenüber - meiner Meinung nach - eine völlig unangebrachte Position oder Meinung vertritt. Wie gehe ich um mit Menschenverachtung und offenem Rassismus? Durch eigene Missachtung? Indem ich ihn links liegen lasse oder beschimpfe? Wohin soll das führen?

Dialogbereitschaft braucht Kraft. Ich brauche diese Kraft, jeden Tag neu. Das Gebet des Gefangenen berührt mich, lässt mich nachdenklich werden. Der Vers aus Jeremia erinnert und stärkt mich. Wohlan, eine neue Woche kommt auf uns zu.

Uwe Wießner

ev. Pfarrer bei den JVA Rockenberg und Limburg

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