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ZUM NACHDENKEN

Gegen das Vergessen

  • vonred Redaktion
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Das Foto abgewetzt. Kaum noch erkennbar das kleine Mädchen darauf: akkurater Mittelscheitel, Zöpfchen, dunkles Kleid, eine Bluse mit Blümchen, eine Schleife, die von einer Brosche zusammengehalten wird. Es zeigt meine Großmutter mit etwa acht Jahren.

Das Foto hat mein Urgroßvater als Soldat im Ersten Weltkrieg in der Brusttasche seiner Uniform bei sich getragen. Als mein Großvater heimgekommen war, saß er arbeitsunfähig da, starrte ins Leere und rang nach Luft. Er hatte offenbar die schrecklichen Bilder des Erlebten bis zuletzt vor Augen.

Nach zwei Kriegen begann in Deutschland die Erziehung zur Demokratie. Historisch lagen die Gründe dafür auf der Hand. Aber jenseits dessen, liegt die wichtigste Begründung dafür in der Würde des Menschen. Unser Grundgesetz greift in Artikel 1 dieses universale Verständnis als Grundbotschaft auf: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Wer heute Menschen aus Syrien oder aus Armenien und Bergkarabach zuhört, der kann hören, was unsere eigene Geschichte uns zeigt: Hoffnung, stabiler Friede, Menschenrechte und Wohlstand - das alles ist mit Krieg nicht zu schaffen.

Wir brauchen diese Mahnung, um nachzudenken und immer wieder neu zu suchen, was wir heute für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit aktiv tun müssen. Denn wo die Vorherrschaft einer Nation, einer Religion oder einer korrupten "Elite" mit gewaltsamen und kriegerischen Mitteln eine neue Weltordnung nach ihren eigenen Vorstellungen von Macht, Recht und Gerechtigkeit anstrebt, da bedarf es jeder moralischen Anstrengung der Gebildeten und der Anständigen. Das ist die große Aufgabe einer Gesellschaft, die Krieg mehrheitlich nicht mehr als eigene Erfahrung einbringen kann. Ob Sie sich einem Gott gegenüber verantwortlich verstehen oder nicht, sein "Ja zum Leben" stellt fest, dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar sein muss. Und das ist die Grundlage für jeden Frieden. Am Sonntag begehen wir den Volkstrauertag. Dieser Tag zeigt auch, wie sehr die christlichen Vorstellungen von Besinnung, Ende, Tod und der Hoffnung auf neues Leben mit dem Gedenken an die Kriegstoten verbunden worden ist.

Wenn es also in diesem Jahr vielerorts kein öffentliches Gedenken geben kann, dient der Volkstrauertag heute doch dem Gedenken gegen das Vergessen, und gegen die Selbstverständlichkeit eines 75 Jahre andauernden Friedens bei uns.

Deshalb ist mir dieses alte, abgegriffene Bild aus dem Nachlass meines Urgroßvaters auch das wichtigste aller alten Fotos unserer Familie.

Volkhard Guth, Pfarrer und Dekan des evangelischen Dekanats Wetterau

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