Der Hauptfriedhof von Friedberg ist ein idyllischer Ort mit hohen Bäumen, Rosen - und vielen leeren Grabstellen. Neue Bestattungsformen von der Baum- bis zur Wiesenbestattung sollen nun angeboten werden. FOTO: NICI MERZ
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Der Hauptfriedhof von Friedberg ist ein idyllischer Ort mit hohen Bäumen, Rosen - und vielen leeren Grabstellen. Neue Bestattungsformen von der Baum- bis zur Wiesenbestattung sollen nun angeboten werden. FOTO: NICI MERZ

Reaktion auf leere Friedhöfe

Friedberger Politiker beschließen neue Bestattungsformen

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Neue Bestattungsformen wie Wiesengräber oder ein Gräberfeld für "Sternenkinder" sollen die Friedhöfe in Friedberg wieder füllen. Aber nicht alles, was neu klingt, ist auch neu.

Wer aufmerksam über den städtischen Hauptfriedhof spaziert und nicht nur die Baumriesen im Auge hat, sondern auch das, was darunter liegt, stellt fest: An Platz mangelt es hier nicht. Seit einigen Jahren erlebt die Bestattungsbranche einen Umbruch: Die Urne verdrängt den Sarg, die letzte Ruhestätte liegt ist in vielen Fällen im Wald, ganz ohne Pflegeaufwand für das Grab.

Das hat Folgen. Die Einnahmen der Friedhofsverwaltung gehen zurück. Die Friedberger Kommunalpolitiker wollen gegensteuern. Neben einem Waldfriedhof, der bald in privater Regie im Ossenheimer Wäldchen entstehen soll, sind auch für die kommunalen Friedhöfe Neuerungen geplant. Zwei davon gehen auf Anträge der CDU in der jüngsten Stadtverordnetenversammlung zurück.

Gräberfelder für "Sternenkinder"

So schlug die CDU vor, auf den städtischen Friedhöfen Wiesengräber für Sargbestattungen anzubieten. Nach der Beisetzung des Sarges wird bei dieser Bestattungsform eine Wiese mit heimischen Blumenmischungen eingesät. Sybille Wodarz-Frank (CDU) erinnerte daran, dass sich die Familienstrukturen gewandelt haben. Familienmitglieder lebten heute oft weit voneinander entfernt. Das Grab kann nicht mehr von den Hinterbliebenen gepflegt werden. Das Wiesengrab sei eine Alternative zum klassischen Reihengrab. Die Grabpflege übernimmt die Stadt, die Kosten hierfür werden beim Erwerb der Grabstätte gezahlt.

Neu werden auf den Friedberger Friedhöfen auch Gräberfelder für "Sternenkinder" sein. Dies sind "Kinder, die gestorben sind auf dem Weg ins Leben", tot- oder fehlgeborene Kinder unter 500 Gramm. Für Eltern seien die Gräber eine Erleichterung im Prozess des Trauerns, sagte Wodarz-Frank

Beide Anträge wurden im Stadtparlament einstimmig beschlossen. Achim Güssgen-Ackva (FDP) forderte eine Bestandsaufnahme für alle Friedhöfe, um festzustellen, wo welcher Bedarf vorliegt. Florian Uebelacker (Grüne) bemängelte, dass es keine zumindest grobe Schätzung der Kosten gebe. Zum Gräberfeld für Sternenkinder sagte Erste Stadträtin Marin Götz (SPD), das Amt für Liegenschaften habe auf dem Hauptfriedhof bereits ein Gräberfeld ausgesucht und ermittle die Kosten. Dies soll in die neue Friedhofssatzung einfließen.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus-Dieter Rack schreibt in einer Pressemitteilung, dass sich die CDU für neue Bestattungsformen stark mache, sei innovativ, aber nur auf den ersten Blick beeindruckend.

Rack (SPD): Alles bereits beschlossen

Rack: "Bereits am 17. Oktober 2019 hat die Stadtverordnetenversammlung einstimmig, also auch mit Stimmen der CDU, neue Bestattungsformen auf den Friedhöfen beschlossen - und hier waren ausdrücklich Bestattungen auf Wiesen und unter Bäumen gemeint. In den Stadtteilfriedhöfen waren bereits entsprechende Flächen vorgemerkt."

Schon damals sei klar gewesen, dass bisherige Bestattungsformen in Reihengräbern und mit Grabsteinen nicht mehr dem Bedürfnis der Zeit entsprechen. Der Anteil der Feuerbestattungen liegt in Friedberg bei 80 Prozent, derjenige der Erdbestattungen bei 20 Prozent. Rack: "Viele Menschen wollen ihre Angehörigen unter Bäumen, auf Wiesen oder gar im Wald bestatten, ohne besondere Ausschmückung und Gestaltung von Grabanlagen."

Rack weiter: "Was die CDU nun pressewirksam ›fordert‹, ist mehr oder weniger Beschlusslage. Nur: Es mangelt an der Umsetzung durch das zuständige Dezernat, geführt von Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU)." Die SPD habe sich mehrfach nach dem Stand der aktualisierten Friedhof- und Gebührensatzung erkundigt. Ohne Satzung würden die neuen Bestattungsformen nicht realisiert, obwohl die Bevölkerung immer wieder danach frage.

Rack: "Zuletzt teilte Bürgermeister Antkowiak im Haupt- und Finanzausschuss mit, dass ein aktualisierter Satzungsentwurf samt Gebührenordnung in der Dezember-Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vorgelegt wird - 14 Monate nach dem bereits mehrfach genannten Beschluss. Es ist mehr als an der Zeit."

Leere Friedhöfe allerorten

Laut Experten wird rund die Hälfte der Friedhofsflächen in Deutschland nicht mehr für Bestattungen benötigt. Grund: Steigende Zahlen bei kleineren Urnengräbern, Beisetzungen im Bestattungswald oder auf See. Wie die Verbraucherinitiative Aeternitas aus Königswinter 2019 mitteilte, würden Nutzungsrechte an großen Familiengrabstätten selten verlängert. Die Kosten für Pflege und Unterhaltung der Friedhöfe tragen die Gebührenzahler. Um diese Kosten zu senken, "versuchten Friedhofsträger diese zu veräußern oder anderen Zwecken zuzuführen." Das berge Konfliktpotenzial. "Viele Menschen hingen an ihrem Friedhof, weshalb besonders eine vollständige Schließung umstritten sei", berichtete das Internetportal "Kirche und Leben".

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