Mississippi-Blues

Zwölf Takte bis zum Glück

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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»Diese Musik ist nicht dafür da, Euch Freude zu machen.« Von wegen. Der Auftritt des Duos Black Patti im Alten Hallenbad in Friedberg bereitete den Zuhörern große Freude.

Knapp 60 Zuhörer waren am Freitagabend ins Alte Hallenbad gekommen. Es hätten ein paar mehr sein können, darauf kommen wir zurück. Zuerst zur Musik. Die war klasse. Black Patti spielen urwüchsigen, erdigen Mississippi-Blues, mal raubeinig und draufgängerisch, mal einfühlsam und verträumt. Der stampfende Rhythmus einer Dampf-Lokomotive bahnte sich beim »Morning Train« seinen Weg quer durch die ehemalige Badeanstalt, beim Jimmy Rodgers-Klassiker »T for Texas« kamen die Zuhörer in den Genuss des »Blue-Yodeling«, der amerikanischen Variante des Jodelns, die deutlich mehr Drive hat als die bajuwarische.

Vor zwei Jahren gastierte das Duo aus München schon einmal in Ockstadt, begeisterte das Publikum im »Gerippte«. Black Patti, das sind Peter Crow C alias Peter Krause und Ferdinand »Jelly Roll« Kraemer, nach Auskunft seines Kompagnons Münchens bestfrisierter Mandolinenspieler und wohl auch technisch einer der herausragenden Könner seines Fachs.

Fast wie im Mississippi-Delta

Die filigranen Tremolo und Triolen, mit denen er den an einen geprügelten Kojoten erinnernden Gesang seines Kollegen untermalte, war Genuss pur.

Das gilt auch für das Spiel von Krause, der seiner Resonatorgitarre einen warmen, handgemachten Sound entlockte, dem alles Spitze, Überdrehte fremd ist. County-Waltz, mitreißender Boogie-Woogie und herzzerreißende Spirituals gehören ebenfalls zum Programm, schließlich bestand das Repertoire der frühen Bluesmusiker eben nicht nur aus dem, was heute als »Blues« tituliert wird, sondern vor allem aus Unterhaltungsmusik quer durch alle Genres. Schloss man die Augen, wähnte man sich im Süden der USA, wo der Wind mal sanft über die Baumwollfelder streift und mal ruppig über sie hinwegfegt, und wo es Tanzschuppen gab, die einen ähnlich morbiden Charme verströmten wie das immer noch und wohl noch ein paar Jahre lang im Umbau befindliche Alte Hallenbad. Nur dass im Mississippi-Delta keine Heizung nötig war, in Friedberg schon. Die Mitglieder des Hallenbadverein sammeln weiter Spenden, am Ende des Jahres soll die Heizung laufen.Blues ist keine trübsinnige Musik.

Blues ist, wie der Musikjournalist und Bluesmusiker Elijah Wald einmal geschrieben hat, die »verzweifeltste und ursprünglichste amerikanische Musik«, die für die afroamerikanische Bevölkerung des Mississippi-Deltas den »einzig möglichen Ausweg aus den Sorgen und Mühen des tägliche Lebens« darstellte. »So musste die Musik eine nahezu religiöse Funktion einnehmen, nämlich die Zuhörer in eine andere Welt entführen.« Das gelang Black Patti in Friedberg auch dank eines Propheten aus dem eigenen Lande: Klaus »Mojo« Kilian, einer der profiliertesten Bluesharp-Spieler Deutschlands, war eigens mit dem Fahrrad aus Frankfurt angereist. Mit Peter Krause lieferte er sich Bluesharp-Duelle vom Feinsten. Dazu gab es Tanzeinlagen, gepaart mit Mandolinenakrobatik im Stile eines Jimi Hendrix, und gespenstische Balladen in Moll, die so herzzerreißend schön waren, dass es eine Freude war.

Schade nur, dass der Termin mit den gleichzeitig in Bad Nauheim stattfindenden Wetterauer Mundharmonikatagen zusammenfiel, wo es ebenfalls Blues zu hören gab. Wer Black Patti im Alten Hallenbad verpasst hat, hat wirklich etwas verpasst.

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