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Michael Schneller

Zwischen Freude und Enttäuschung

  • Ines Dauernheim
    VonInes Dauernheim
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Wetteraukreis (kai). »Totgesagte leben länger«, sagt Stephanie Becker-Bösch. Siegesgewiss gibt sich die Erste Kreisbeigeordnete von der SPD. Als sie das im Kreishaus von sich gibt, sind gerade mal die ersten Hochrechnungen zur Bundestagswahl bekannt und langsam trudeln die Ergebnisse aus den Wetterauer Wahlbezirken ein. Viel los ist nicht im Plenarsaal, wo aktuell die Wahlergebnisse der beiden Wetterauer Wahlkreise auf der Leinwand zu sehen sind.

An einem Tisch haben sich einige Aktive der Antifa BI versammelt. Deren Sprecher Andreas Balser schaut die Wetterauer Ergebnisse an und checkt auf seinem Handy die Tendenz im Bund. »Was mich etwas beruhigt, ist dass die AfD nicht stärker geworden ist«, analysiert er. Allerdings hätten fast 13 Prozent der Wähler in der Region ihr Kreuz bei einer Partei mit rechter Ideologie gemacht, dazu zählt er neben AfD und NPD auch die Partei »Die Basis«. »Alles, was unter 20 Prozent für die Rechten ist, ist ein positives Signal.« Die Bildungsarbeit, die er und seine Unterstützer anbieten, zeige Wirkung.

Einer, der interessiert auf die Hochrechnungen vor allem im Bund schaut, ist Kreislandwirt Michael Schneller, der seit dem Frühjahr auch für die CDU im Kreistag sitzt. »Ich bin froh, dass die Linke deutlich verloren hat. Wir Landwirte haben alle Eigentum, da ist es gut zu sehen, dass die Mehrheit zu einer bürgerlichen Mitte tendiert.« Für die Landwirtschaft sei eine verlässliche Politik wichtig. »Wir brauchen Planungssicherheit.« Die Landwirtschaft sei im Wandel, da sei es wichtig, dass eine künftige Bundesregierung ein klares Bekenntnis zum Agrarstandort Deutschland gebe. »Es muss auch weiter sichergestellt sein, dass eine Grundversorgung von Lebensmitteln hier produziert werden kann.« Wichtig ist ihm, dass Entscheidungen auf wissenschaftlichen Grundlagen und nicht aus ideologischen Gesichtspunkten getroffen werden.

Später sitzt Schneller mit gut einem Dutzend CDU-Kommunalpolitikern im Büro von Landrat Jan Weckler. Hier ist die Stimmung deutlich angespannt. Zu einem kurzen Gespräch ist erstmal niemand mehr bereit. Es wird auf die Pressekonferenz verwiesen.

»Da müssen wir durch«, sagt Alexander Kartmann, der gemeinsam mit seinem Vater Norbert die eintrudelnden Wahlergebnisse für den Wetterauer Wahlkreis betrachtet. »Das Persönliche tut einem weh, gerade für Armin Häuser«, geben die beiden zu. »Irgendwann gewinnen wir wieder«, erklärt Kartmann-Senior.

Gelöst ist hingegen die Stimmung im Büro von Stephanie Becker-Bösch, wo Natalie Pawlik mit ihrem jungen Team vom Bildschirm sitzt. Der älteste im Raum ist Gerhard Weber, der Wölfersheimer ist Schatzmeister der Wetterauer SPD. An diesem Abend wird er wohl ein wenig Geld mehr für Getränke ausgeben müssen, mit denen angestoßen wird. »Ich bin schon sehr lange dabei, habe Kohl, Schröder und nun Merkel erlebt, nun ist es wieder an der Zeit, dass Deutschland umschwenkt. Das sind die Aufs und Abs in der Demokratie.«

»Wir haben vier Jahre für diese Ergebnis gearbeitet«, sagt Lukas Dittrich. Der 24-jährige Wetterauer Juso-Vorsitzende hat Natalie Pawlik in den vergangenen Monaten zu 90 Terminen begleitet, ihren Wahlkampf gemanagt. »Seit Mai sind das bestimmt 1000 Stunden ehrenamtlicher Einsatz gewesen.« Er habe dabei viel gelernt, viele tolle Orte und wunderbares Engagement gesehen. Es sei schön zu sehen, dass sich das gelohnt habe.

Michael Rückl, Thomas Zebunke und Grünen-Kandidation Michaela Coletti blicken immer wieder auf die Hochrechnungen und Zwischenergebnisse. »Es ist unser historisch bestes Ergebnis«, sagt Rückl. Richtige Freude kommt bei ihm aber nicht auf. »Noch im März sahen die Umfragen für uns ganz anders aus, da kommen wir gefühlt von ganz anderen Ergebnissen.« Der Klimawandel habe sich verschärft. »Es braucht mehr Wums, das heutige Ergebnis ist ernüchternd«, sagt der Fraktionssprecher der Grünen im Kreistag.

Enttäuscht ist auch Julian Eder von den Linken. Dass seine Partei auf fünf Prozent absackt, damit habe er nicht gerechnet. »Wir sind im Wahlkampf zerrieben worden.«

Einer der von der Stimmung im Kreishaus an diesem Abend nichts mitbekommt, ist Cenk Gönül, der Bundestagskandidat der Freien Wähler. Er verbringt den Wahlabend mit allen hessischen FW-Kandidaten auf einem Schiff in Assmanshausen.

»Wir haben ein tolles Ergebnis für die FW geholt. Es ist nicht das geworden, was wir wollten. Wir haben die fünf Prozent nicht erreicht«, gibt der Reichelsheimer zu. »Aber wir haben unseren Stimmenanteil verdoppelt, das ist Aufbauarbeit für die Zukunft.« Denn die Freien Wähler wollen weiter landes- und bundespolitisch mitmischen. »Bei der letzten Wahl haben wir nicht ganz ein Prozent der Stimmen geholt, nun sind es fast zwei Prozent, das ist eine Verdopplung«, analysiert er. Das sei ein stetiges Wachsen und ergänzt er: »Nach der Wahl ist vor der Wahl.« FOTOS: NICI MERZ

Lukas Dittrich
Michael Rückl
Cenk Gönüll
Stephanie Becker-Bösch

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