Die Zukunft der Stadt stand "auf des Messers Schneide": Drei Gedenktafeln erinnern in der Friedberger Burg an die dramatischen Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs.
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Die Zukunft der Stadt stand »auf des Messers Schneide«: Drei Gedenktafeln erinnern in der Friedberger Burg an die dramatischen Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Kriegsende vor 75 Jahren

Zweiter Weltkrieg: Als Friedberg die totale Zerstörung drohte

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Am 29. März 1945 wurde Friedberg kampflos an die US-Armee übergeben. Das ist Personen zu verdanken, die sich, wie Altbürgermeister Keller sagt, über verbrecherische Befehle hinwegsetzten.

Am 29. März 1945 ist in Friedberg der Krieg zu Ende. Die Stadt ist von amerikanischen Panzern umstellt. Der in Gefangenschaft geratene Leutnant Gustav Hammann erklärt sich bereit, die US-Offiziere Major Smith und Oberleutnant Tichy zu Hauptmann Heinrich Wölk zu bringen, dem Kampfkommandanten in der Burg. Es folgt eine Film-reife Szene: Mit Hammann und einem Oberfähnrich auf der Kühlerhaube ihres Jeeps gelangen Smith und Tichy unbehelligt durch die Stadt bis in die Burg. Dort droht Smith mit der Zerstörung Friedbergs durch einen Luftangriff, woraufhin Wölk um 8.30 Uhr der Kapitulation zustimmt. Dann rollen endlose Panzerkolonnen über die Kaiserstraße.

Altbürgermeister Michael Keller hat sich als Historiker intensiv mit der jüngeren Vergangenheit beschäftigt. Daraus entstand das Buch »Das mit den Russenweibern ist erledigt«. Es schildert die Ermordung von mehr als 80 Zwangsarbeiterinnen am 26. März 1945 bei Hirzenhain durch SS-Leute. Die WZ sprach mit Keller über die dramatischen Ereignisse in Friedberg.

Der 29. März 1945 ist eine Art zweiter Geburtstag von Friedberg. Die Stadt hätte völlig zerstört werden können. Wie groß war die Bedrohung?

Um Friedberg herum lagen Frankfurt, Hanau und Gießen zu circa 80 Prozent in Trümmern. Die US-Army hat bei ihrem Vormarsch im Frühjahr 1945, wenn die Städte nicht kapituliert haben, immer die Bomber geschickt. Das wäre in Friedberg auch so gekommen. Es gab außerdem den Nero-Befehl von Hitler: Verteidigung bis zur letzten Patrone, der Endkampf hätte in der Burg stattgefunden. Danach wäre Friedberg ein Trümmerberg gewesen.

Wie ordnen Sie diese krisenhaften Ereignisse ein, auch im Hinblick auf die derzeitige Corona-Krise?

Als früherer Bürgermeister sage ich: In diesem Job lebt man von Krise zu Krise. Ich habe die Finanz-, die BSE- und die MKS-Krise miterlebt, als Historiker kenne ich auch diese unglaubliche Lebens- und Todessituation am Ende des Zweiten Weltkriegs, als das Dritte Reich auf alle, die leben wollten, blutrünstig zuging. Man muss jede Krise aus ihrer eigenen Gegenwart verstehen.

Vier Männer fahren auf einem Jeep durch die Stadt und retten diese vor der totalen Zerstörung: Das ist nur das Grundgerüst dieser Geschichte.

Die Akteure haben sich nicht so verhalten, wie man es erwartet hätte. Da ist der amerikanische Offizier Major Smith, der wie ein Cowboy in die befestige Stadt hineinfährt. An der Großen Unterführungen waren noch Soldaten stationiert, er hätte abgeschossen werden können. Dann dieser glückliche Zufall, dass ein anderer amerikanischer Offizier, Oberleutnant Tichy, in Heidelberg Deutsch gelernt hat. Und da gibt es den deutschen Offizier, Hammann, der Englisch kann und die beiden Amerikaner zum Kampfkommandanten Wölk führt. Der Kampfkommandant handelt nach bürgerlichen Maßstäben: Wenn es aussichtslos ist, hat man zu übergeben. Die Nazis hatten den bedingungslosen Kampf propagiert. Was Wölk tat, war gegen alle Regeln der damaligen Zeit, er hat unter höchster Lebensgefahr gehandelt. Das wurde den Handelnden aber erst nachher bewusst. Die beiden deutschen Offiziere wären normalerweise aufgehängt worden, mit einem Schild um den Hals, auf dem stand: »Hier hängt ein Verräter.« Und das ist keine theoretische Aussage. Genau so wurde das damals landauf, landab gehandhabt.

Zu diesen Vieren gesellt sich noch die Apothekerstochter Anneliese Metzger (spätere Ulrich), die tags zuvor, wenn auch nur für einen Moment, die weiße Flagge in der Burg gehisst hat. Auch Sie hat sich über bestehende verbrecherische Befehle hinweggesetzt. Ist es das, was wir daraus lernen können?

Diese Menschen haben nach Maßstäben gehandelt, die alles anderes als selbstverständlich waren, und, das darf man nicht vergessen: Sie haben ihr Leben dafür aufs Spiel gesetzt.

Mit den Jahren verblasst die Erinnerung an diese Ereignisse. Was kann man dagegen tun?

Durch die Corona-Krise sind Vorträge und Gedenkveranstaltungen alle abgesagt worden. Man kann einfach mal in die Burg gehen und die drei Gedenktafeln lesen, wo alles wichtige steht. In meiner Zeit als Bürgermeister haben wir Kontakt zu den Akteuren und zu deren Kindern gehalten. Das waren großartige Erfahrungen. Aber das ist vorbei, die Akteure sind tot. Herfried Münkler hat das Buch »Machtzerfall« über die kampflose Übergabe der Stadt geschrieben, und ich habe das Buch »Das mit den Russenweibern ist erledigt« geschrieben. Das Geschehen ist also notiert und überliefert. Die Bücher sind nach wie vor im Buchhandel lieferbar, sie werden auch gekauft und sie werden in der Fachliteratur zitiert. Was damals in Friedberg geschah, ist nicht vergessen.

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