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Sylvia Kerbel möchte auch ihrer Gemeinde, der »Verklärung Christi« in Bad Vilbel-Heilsberg, den »Synodalen Weg« näherbringen.

»Synodaler Weg«

„Mehr Vielfalt zulassen“: Zwei Wetterauer kämpfen für Reformen in der katholischen Kirche

In der katholischen Kirche brodelt es. Die Wetterauer Vertreter des Katholikenrats, Dr. Sylvia Kerbel und Andreas Wilmers, engagieren sich für den »Synodalen Weg«, wollen den Dialog.

Die katholische Kirche verzeichnet Rekord-Austritte. Um dem entgegenzuwirken und zu zeigen, dass die laute Kritik gehört wird, ist der »Synodale Weg« ins Leben gerufen worden - eine Initiative, bei der Laien und hauptamtliche Geistliche auf Augenhöhe mögliche Reformen der katholischen Kirche diskutieren, um deren Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Dr. Sylvia Kerbel aus Bad Vilbel und Andreas Wilmers aus Friedberg wurden als Laien des Dekanats Wetterau-West in den Katholikenrat des Bistums Mainz gewählt und engagieren sich im Sachausschuss für den »Synodalen Weg«. Bei dem auf zwei Jahre angelegten Reformprozess konferieren Delegierte regelmäßig, um über die Macht der Kirche, ihre Sexualmoral, Zölibat der Priester sowie die Position der Frauen zu sprechen und Vorschläge für Reformen zu erarbeiten.

Seit eine Studie im September 2018 zahlreiche Missbrauchsfälle und deren Vertuschung in der katholischen Kirche offengelegt hat, wird die Kritik vieler gläubiger Katholiken immer lauter. Der am 1. Advent 2019 ins Leben gerufene »Synodale Weg« solle Mut machen, die Situation nicht schweigend hinzunehmen, sagt Sylvia Kerbel. Sie glaubt, dass das Aufbrechen des gesamten Machtgefüges der erste Schritt in die richtige Richtung sei. »Diese Männergesellschaft agiert mit Angst, Druck und Gewalt. Die Missbrauchsfälle sind nur ein Symptom dafür, dass der Umgang der Kirche mit Macht grundlegend überdacht werden muss.«

Katholische Kirche in der Wetterau: Warum sind Frauen von Ämtern ausgeschlossen?

Ein großes Ziel sei es, die Missbrauchsfälle der vergangenen Jahrzehnte transparent aufzuarbeiten. »Auch wir Gläubigen haben zu lange geschwiegen«, sagt Andreas Wilmers. »Uns hätte viel früher klar sein müssen, dass unsere Kirche ein systemisches Problem hat, das Missbrauch fördert.« Bei der jüngsten Konferenz des »Synodalen Weges« Anfang Februar seien diesbezüglich große Fortschritte gemacht worden. »Jetzt wird nicht mehr nur über die Missbrauchsopfer gesprochen, sondern mit ihnen«, sagt Kerbel.

Die Position der Frauen, die zwar als Ehrenamtliche einen Großteil der Arbeit in der Kirche verrichten, aber keinerlei Amt bekleiden dürfen, soll ebenfalls diskutiert werden. Theologische Begründungen für das Ausschließen der Frau von Ämtern können Wilmers nicht überzeugen. »In der Vergangenheit hat man gesagt, die Frau sei minderwertig. Als man das nicht mehr sagen konnte, hat man sich an anderen Begründungen versucht, die alle nicht glaubwürdig sind.«

Katholische Kirche: Zölibat galt nicht immer

Viele Dinge seien zwar Tradition, jedoch nicht Kern des Glaubens. Diese Themen müssten daher diskutiert und zeitgemäß interpretiert werden - so auch der Zölibat der Priester. »Immer weniger junge Männer entscheiden sich wegen der verpflichtenden Ehelosigkeit für ein Theologiestudium. Es gibt also kaum Personal mehr. Man könnte ja dann auf die Idee kommen«, sagt Kerbel, »wie in der evangelischen Kirche Frauen für diese Position einzusetzen. Vielleicht wäre die Zahl der Priester auch höher, wenn man den Zwangszölibat nicht mehr hätte - aber das geht ja angeblich nicht.«

Erst im 12. Jahrhundert wurde der Zölibat Pflicht für alle christlichen Priester, vorher hatten auch sie heiraten dürfen. »Jesus hat seine Jünger nicht danach ausgesucht, ob sie ledig waren oder nicht«, sagt Kerbel. »Diese Pflicht wurde von Menschen eingeführt. Man könnte jetzt zynisch fragen: Sind die Geistlichen bis zu diesem Beschluss also Gottes Willen nicht nachgekommen? Das ist doch eigenartig.« Wilmers fügt hinzu, dass es in der katholischen Kirche durchaus einmal mehr Vielfalt gegeben habe. »Die absolute Machtfülle Roms gibt es noch gar nicht so lange - vieles wurde erst vor circa 150 Jahren zementiert«, sagt er. Es gebe viele Traditionen, in denen man Vielfalt in der katholischen Kirche finden könne, man müsse sie nur wiederbeleben. »Wir müssen nicht unbedingt alles einheitlich in der Weltkirche machen. Wir können mehr Vielfalt zulassen.«

Katholische Kirche in der Wetterau: Die Gemeinde mitnehmen

Um in der Wetterau etwas am aktuellen Stand der katholischen Kirche zu ändern und ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, wollen die beiden Vertreter des Katholikenrats an die Basis, also die Gemeinden, herantreten und den »Synodalen Weg« bekannt machen. »Wir müssen alles dafür tun, dass die Diskussionen, die wir im Rahmen des ›Synodalen Weges‹ führen, die Öffentlichkeit und die Gläubigen erreichen«, sagt Kerbel. Als Vertreter bräuchten sie dazu den Freiraum, in der eigenen Kirche zu Wort kommen zu können. »Es muss einfach ein Dialog stattfinden. Sinnvoll wäre es natürlich, auch in Gottesdiensten im Detail über den Reformprozess zu informieren. Wir müssen die Gläubigen mitnehmen, aber das ist in Corona-Zeiten sehr schwer«, sagt Wilmers. Über Online-Konferenzen könne man die Gemeinden nur schwer erreichen und sie davon überzeugen, sich für die Bewegung zu engagieren.

Kerbel und Wilmers sind davon überzeugt, dass der Austritt aus der Kirche der falsche Weg ist. Sie wollen für die ihrer Meinung nach dringend benötigten Reformen kämpfen. Kerbel sagt: »Wer nicht kämpft, hat schon verloren.«

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