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Zwei Bretter zur Bienenrettung an der Burgmauer

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Die Imker Ernst Ruppel und Simone Parbel schrauben in schwindelerregender Höhe Holzbretter um einen Bienenstock. Vor zwei Monaten noch hätten sie ihn abnehmen und so alle Tiere retten können. Nun bleibt abzuwarten, wie viele überleben.
Die Imker Ernst Ruppel und Simone Parbel schrauben in schwindelerregender Höhe Holzbretter um einen Bienenstock. Vor zwei Monaten noch hätten sie ihn abnehmen und so alle Tiere retten können. Nun bleibt abzuwarten, wie viele überleben. © Valerie Pfitzner

Friedberg (vpf). Hängt ein Bienenstamm im Winter ohne Schutz vor Nässe und Wind im Freien, gehen die Überlebenschancen der Tiere gegen null. Nachdem eine Friedbergerin einen solchen an der Burgmauer entdeckt hatte, versuchte sie gemeinsam mit dem Imkerverein alles, um ihn zu retten. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.« Schon Albert Einstein warnte vor den fatalen Folgen des Bienensterbens. Jedes Jahr sterben weltweit ganze Stämme aus, besonders im Winter sind die Verlustraten enorm. US-Forscher haben berechnet: Sterben die Bienen vollständig aus, würden Ernteausfälle zum Tod von 1,42 Millionen Menschen führen. Jedes Jahr. Klar, dass da Bienen – besonders wildlebende – geschützt und vor dem Aussterben bewahrt werden müssen. Oder etwa nicht?

Anfang Oktober entdeckte Heidelinde Obermann an der Außenmauer der Friedberger Burganlage einen Bienenschwarm. »Ich habe mir Gedanken gemacht, denn die Tiere hängen da oben ohne eine Möglichkeit, sich zu verkriechen.« Sie schickte ihrem Cousin, der sich mit den nützlichen Insekten auskennt, ein Foto. Der antwortete sofort: »Ein Imker muss das Volk so schnell wie möglich abnehmen, damit es sicher durch den Winter kommt.« Gesagt, getan: Obermann griff zum Hörer und wählte die Nummer des Imkerverein-Vorsitzenden Ernst Ruppel. Der bestätigte: Die Bienen brauchen Hilfe.

Ruppel kannte die Thematik aber schon allzu gut. Seit Mitte September hatten die Mitglieder des Imkervereins das Bienenvolk bereits beobachtet. Ruppel hatte sich schon mehrfach den Kopf zerbrochen, was man tun könnte, um die Bienen zu retten. Das Problem: Der Stock hing so weit oben, dass es ohne Hebebühne oder Drehleiter keinerlei Möglichkeit gab, an ihn heran zu kommen.

Ruppel versuchte alles, um eine Lösung zu finden, wochenlang ohne Erfolg: »Über die Stadt war keinerlei Unterstützung möglich.« Das Fachamt Naturschutz und Landschaftspflege habe keine Erfordernis gesehen, das Bienenvolk von dieser Stelle zu entfernen, da keine Gefährdungslage vorhanden sei. »Für den Menschen wohlgemerkt, um das Wohl der Bienen geht es dabei nicht. Wozu das Amt dann den Begriff ›Naturschutz» im Namen trägt, weiß ich nicht«, sagt Heidelinde Obermann.

Mit der Hebebühne im Burggraben

Auf Ruppels Anfrage, ob die Feuerwehr helfen könne, habe man ihm gesagt, die dürfe nicht tätig werden, da es sich um eine Gefälligkeit handeln würde. Wenn der Eigentümer, in diesem Fall die Hessische Verwaltung für Burgen und Schlösser, die Beseitigung wünsche, müsse er auch für die Kosten aufkommen. Trotz wiederholter Anfrage der WZ beim Friedberger Fachamt Naturschutz und Landschaftspflege gab es von dort keine Reaktion. Auf Nachfrage bei der Burgen- und Schlösser-Verwaltung erklärte Mitarbeiterin Anja Dötsch, das Thema Naturschutz sei bei ihnen gang und gäbe. »Wir nehmen darauf Rücksicht, wo wir können, geben dafür teilweise horrende Summen aus.« Von dem Bienenschwarm, der sich an der Burgmauer angesiedelt hat, wisse sie nichts, aber: »Ich kann versichern, dass wir naturschutzrechtliche Belange in der Regel immer berücksichtigen. Wir wollen ja auch, dass unsere denkmalschutzrechtlichen Belange berücksichtigt werden.«

Ernst Ruppels Bemühungen kosteten Zeit – Zeit, die die Bienen ihr Leben kosten könnte: »Inzwischen ist es schon so kalt, dass wir das Volk nicht mehr abpflücken können. Die einzige Chance, die wir haben, ist, das Nest dort, wo es ist, so gut wie möglich vor der Kälte zu schützen.« Würde er den Stock abnehmen, würden die Bienen hinaus fliegen und in der Kälte erstarren und sterben.

Ruppel gab nicht auf. Er überlegte sich eine neue Lösung: »Ich hatte die Idee, links und rechts des Stocks zwei Bretter anzuschrauben, um die Bienen so vor Wind und Wetter zu schützen.« Das sei zwar keine Lehrbuch-Lösung, aber immerhin einen Versuch wert.

Nur: Wie an das Nest herankommen? Imker-Kollegin Simone Parbel hatte eine Idee: »Mir fiel ein, dass die Ovag immer mit solchen Fahrzeugen mit Hebebühne unterwegs ist.« Diesmal sollte Ernst Ruppel nicht auf taube Ohren stoßen. Kurz nach seinem Anruf bei dem Energieversorger traf man sich zur Ortsbesichtigung. Nur wenige Tage später dann die langersehnte Nachricht: Die Ovag kann helfen, stellt einen Unimog mit Hebebühne zur Verfügung, damit Ruppel an die Bienen heran kommt.

Am Dienstag war es soweit: Jörg Jakobi von der Ovag kam mit seinem Fahrzeug in den Burggraben, Ruppel und Parbel kamen mit ihren Imkeranzügen dazu. Es dauerte einen Moment, bis Jakobi das Fahrzeug auf dem matschigen Untergrund so weit stabilisiert hatte, dass das Ausfahren der Hebebühne möglich war. Währenddessen unterhielten sich die Imker mit einem Anwohner der dort ansässigen Studentenverbindung – und erlebten die nächste Überraschung. Der erklärte nämlich, in den Gemäuern lebten schon seit Jahren Bienen. Sollte der Stamm an der Mauer ein Ableger von ihnen sein, könnte das eine Sensation sein, erklärte Ruppel anschließend. Denn wildlebende Honigbienen, die selbstständig und ohne Hilfe eines Imkers der Bedrohung der sogenannten Varroamilbe standhalten, gebe es kaum noch. »Wenn das bei diesem Stamm der Fall wäre, wäre er für die Forschung höchst interessant.«

»Ich wünschte, es wäre Ende September statt Ende November«, sagte Ruppel, bevor er mit seiner Kollegin in den Korb stieg. Vor zwei Monaten hätte er den Stamm noch problemlos abnehmen und so alle Bienen retten können. Nun schraubte er also zwei Holzplatten an, nach zehn Minuten war der Einsatz beendet. »Alle Bienen können wir so sicherlich nicht retten. Aber wenn wir gar nichts getan hätten, hätte der Stamm gar keine Überlebenschance mehr gehabt.«

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