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Ziffernblatt defekt: Extremkletterer entern den Kirchturm

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Von: Jürgen Wagner

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Viele Passanten beobachten am Mittwochmorgen, wie Extremkletterer den südlichen Turm der Stadtkirche erklimmen, um das ramponierte Ziffernblatt abzubauen. Die Farbe ist abgeblättert, es wird nun restauriert. © Jürgen Wagner

Angst? »Gar nicht«, lächelt Domenik Duris. »Das ist unser Job.« Aber ein extremer Job. Industriekletterer haben am Turm der Friedberger Stadtkirche das marode Ziffernblatt demontiert.

Eigentlich geht es ja nur darum, ein zweiteiliges, großes Metallblech und zwei Metallstangen abzuschrauben. Mit dem passenden Schraubenschlüssel kein Problem. Die Crux an der Sache: Es handelt sich um das nach Westen ausgerichtete Ziffernblatt der Stadtkirchenturmuhr. Der südliche Turm, in dem Glocken und Uhrwerk der Friedberger Stadtkirche untergebracht sind, ist 62 Meter hoch, gekrönt von einer Steinkreuzblume. Das Ziffernblatt der Turmuhr liegt geschätzt in 40 Metern Höhe, und da müssen die Industriekletterer jetzt rauf.

Arbeiten in luftiger Höhe sind nicht ungefährlich. Deshalb ist eine sorgfältige Vorbereitung nötig. Domenik Duris und seine Kollegen Gabriel Tuca und Vladimir Zihal von der Firma Pigo-Extremtechnik beginnen gut zwei Stunden vor dem spektakulärsten Teil ihrer Arbeit damit, Schutzkleidung und Kletterausrüstung an- sowie alle Werkzeuge bereitzulegen. Karabinerhaken mit Kletterseilen baumeln an ihren Hosen, Handschuhe und Helm sind Pflicht. Es ist kalt und windig dort droben.

Dann geht alles doch viel schneller als gedacht. Kurz nach 9 Uhr hängen Duris und Tuca in den Seilen, baumeln direkt vor dem Ziffernblatt, während Zihal die Kollegen von der Ballustrade aus absichert und über eine Seilwinde Werkzeuge nach oben zieht.

Mit dem Elektroschrauber werden die Schrauben der Zeiger und des Ziffernblattes gelöst. Der Stundenzeiger ist nach dem Rattern der Nuss und ein paar Handgriffen lose und wird abgeseilt. Der Minutenzeiger aber sitzt fest und bleibt es auch, da helfen nicht einmal Hammerschläge.

»Beim Ziffernblatt, das nach Süden weist und 2013 erneuert wurde, war das genauso«, sagt Prof. Peter Schubert. Der Vorsitzende des Stadtkirchen-Fördervereins beobachtet die Arbeiten zusammen mit Ingrid Schäfer vom Kirchenvorstand und den beiden Magistratsmitgliedern Evelyn Weiß und Norbert Simmer von der Wolfengasse aus. 10 000 Euro wird die Restauration des Ziffernblattes kosten, sagt Schäfer. »Es gibt halt immer was zu tun.« An der nach Süden weisenden Uhr bewegen sich die Zeiger nicht, obwohl das Uhrwerk läuft. Das ist die nächste Baustelle. Immer wieder bleiben Passanten stehen, recken die Hälse. »Ach, du lieber Gott!«, ruft eine Dame. Falsch, es sind nur die Mitarbeiter einer Fremdfirma, Gott hat die Uhren-Demontage outgesourct. Eine ältere Dame mit Rollator schaut nach oben, schüttelt den Kopf und sagt: »Nie im Leben würde ich da raufgehen.« Mit Rollator wäre das auch kompliziert geworden.

Auch Christiane Kunz-Weiß schaut bei der Demontage des Ziffernblattes vorbei. Die Restauratorin aus Niddatal-Assenheim wird die in zwei Teile zerlegte Metallscheibe in ihrer Werkstatt wieder auf Vordermann bringen. Wieviel Arbeit das wird, weiß sie nicht. »Ich war noch nicht oben«, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Ist nur die Farbe abgeblättert? Oder ist auch das Metall korrodiert? Das wird man sehen. In diesem Jahr werde das Ziffernblatt nicht mehr montiert. »Im Winter ist es zu kalt dafür.«

Der große Zeiger lässt sich nicht lösen

Der Minutenzeiger klemmt, er bleibt hängen und muss bei der Montage des restaurierten Ziffernblattes dann eben in luftiger Höhe gestrichen werden, wie schon 2013 die Zeiger gen Süden. Die Extremkletterer lösen die Schrauben des Ziffernblattes und seilen es ab. Stadtkirchen-Küsterin Silke Heimann steht unten vor den mit einem rot-weißen Band abgesperrten Türmen und nimmt das Ziffernblatt entgegen. Als der Fahrer eines Paketdienstes seinen Kleinbus direkt vor den Türmen parken will, kann Heimann das mit deutlichen Worten verhindern. Der Fahrer ist einigermaßen uneinsichtig, fährt aber trotzdem weg. Die Passanten führen derweil mehr oder weniger erhellende Fachgespräche. Gab es 1410, als die Stadtkirche gebaut wurde, schon metrische Schrauben? Sicher ist: Ausgebildete Extremkletterer gab es damals nicht. Alle drei sind am Ende wohlbehalten wieder vom Stadtkirchenturm gestiegen.

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