Mit dem Rücken zum Publikum sitzen die Musiker (v. l.) Till Martin, Werner Küspert, Bastian Jütte und Dietmar Fuhr. Das machen sie, damit sie zu den Szenen der Stummfilme auf der Leinwand vor ihnen die passenden Töne spielen können. 	 FOTOS: LOD
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Mit dem Rücken zum Publikum sitzen die Musiker (v. l.) Till Martin, Werner Küspert, Bastian Jütte und Dietmar Fuhr. Das machen sie, damit sie zu den Szenen der Stummfilme auf der Leinwand vor ihnen die passenden Töne spielen können. FOTOS: LOD

Ziemlich laute Stummfilme

  • vonHarald Schuchardt
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Friedberg (har). Vor über 100 Jahren wurde das Friedberger Hallenbad eröffnet. In dieser Zeit begannen auch die Bilder, laufen zu lernen. Stummfilme lockten die Bevölkerung in die Kinos. Aus dem einstigen Hallenbad wurde inzwischen die Spielstätte »Theater Altes Hallenbad«, und Stummfilme gehören längst zum Kulturgut, dessen Aufführungen von verschiedenen Ensembles begleitet werden.

Eine dieser Gruppen ist die Formation »Küspert & Kollegen«, die am Samstagabend bereits zum zweiten Mal zu Gast in der sehr gut gefüllten einstigen Schwimmhalle war. »Wir beamen uns heute zurück in die Zeit, in der dieses Gebäude entstand«, meinte denn Andrej Seuss, Mitgestalter des Kulturtaucher-Programms bei der Begrüßung, die »trotz der Viren, die gerade herumschwirren« (Seuss), gekommen waren.

Das Besondere an den Stummfilmaufführungen mit »Küspert & Kollegen«: Die vier Musiker sitzen seitlich vor, aber mit dem Rücken zum Publikum, um so die Leinwand immer im Blick zu haben, damit sie auf jede Szene im Film reagieren können.

»99 Prozent ist Improvisation. Nur die Stücke zu Beginn und am Ende sind durchkomponiert«, erzählt Werner Küspert vor der Aufführung, die dem Veitshöchheimer und seinen drei hochkarätigen Mitstreitern einiges abverlangt.

Der erste Film, der Klassiker »Safety Last« - zu Deutsch »Ausgerechnet Wolkenkratzer« - aus dem Jahre 1923 mit Stummfilmikone Harold Lloyd, flimmert 73 Minuten über die Leinwand. Und die vier Musiker hauchen der Filmkomödie mit ihrer Musik Leben ein.

Ob Liebes- oder Abschiedsszene, Dialoge oder eine Verfolgungsjagd - all dies wird von dem Quartett geradezu genial und jederzeit passend begleitet. Dabei übernehmen Gitarrist Werner Küspert und Saxofonist Till Martin abwechselnd das Leitmotiv, wobei Martin mit Alt- und Sopransaxofon sowie Klarinette und Bassklarinette gleich vier Instrumente einsetzt, was für zusätzliche Abwechslung sorgt.

Improvisation ist alles

Nicht minder wichtig sind die Rollen von Schlagzeuger Bastian Jütte und Bassist Dietmar Fuhr, der als Dozent unter anderem am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt tätig ist. Jütte spielt leise mit Besen, um blitzschnell auf Drum-Sticks zu wechseln. So untermalt er jeden Schritt bei der Kletterei Lloyds entlang der Hochhausfassade bis hin zur berühmten Szene, an der Lloyd am Uhrzeiger hängt.

Fuhr zieht alle Register, die der Kontrabass bietet, bis hin zum gefühlvollen Spiel mit dem Bogen. Die vier Musiker, die allesamt Größen in der deutschen Jazzszene sind, bleiben bis zum »Happy End« des Films hoch konzentriert, und nach dem letzten Ton gibt es schon vor der Pause Bravorufe der begeisterten Besucher.

»Unser Spiel ist schon anstrengend, aber es macht großen Spaß, gerade hier in diesem passenden Ambiente«, meint Till Martin in der Pause. Kürzer ist dann der zweite Teil, in dem der Film »Finishing touch - Das unfertige Fertighaus« mit Laurel und Hardy - in Deutschland auch als Dick und Doof bekannt - gezeigt wurde. Turbulent geht es in der Komödie um die Fertigstellung eines Hauses zu.

Dementsprechend fröhlicher und dynamischer ist die Musik dazu. Ob Verfolgungsjagden, Schlägereien oder Stürze, das alles findet sich im furiosen Spiel des Quartetts wieder. Der Film dauerte gerade mal 20 Minuten, doch auch hier war wieder konzentriertes Spiel der Musiker gefordert.

Die erhielten nach dem Finale nicht enden wollenden Beifall der Besucher, die einen besonders unterhaltsamen, fröhlichen und nostalgischen Abend verbracht hatten.

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