Zeugen mit auffälligen Gedächtnislücken

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Friedberg/Gießen(sax). Vor dem Landgericht Gießen ist ein 33-jährigen Eritreer angeklagt. Er soll mit Drogen gehandelt und einen damals 15-jährigen Dealer bedroht haben. Am zweiten Verhandlungstag wurden das vermeintliche Opfer und sechs junge Männer, die sich bei einer zufälligen Kontrolle mit anschließender Durchsuchung in der Wohnung des Angeklagten aufhielten, gehört. Allen Aussagen gemeinsam waren bemerkenswerte angebliche Gedächtnislücken.

Schenkt man den Zeugenaussagen Glauben, dürfte sich der Angeklagte entspannt zurücklehnen. Denn trotz des vorgeblichen Erinnerungsverlustes, weil die Ereignisse bereits bis zu drei Jahre zurückliegen, schildern die Zeugen immer wieder Dinge, die sie scheinbar ganz genau wissen und die Darstellung des Angeklagten bestätigen. Dazu gehört, dass der 33-Jährige die verschiedenen Waffen, die er in der Nähe der Drogen in seiner Wohnung lagerte, als Requisiten für Musikvideos gebraucht habe. Ein Zeuge spielt dem Gericht sogar ein mittelmäßiges Gangsta-Rap-Video auf seinem Handy vor.

Die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen untergraben die Angeklagten dabei selber. Teilweise widersprechen sie Angaben, die sie zuvor bei der Polizei gemacht haben. Dazukommen Widersprüche zu den Aussagen der übrigen Zeugen. Die größte Kehrtwende kommt dabei ausgerechnet von einem früheren Hauptbelastungszeugen.

2017 war der damals 15-Jährige mit seiner Mutter zur Polizei gegangen, um den Angeklagten anzuzeigen. Ausführlich schilderte er, wie der Mann aus Eritrea ihn aufgefordert habe, Mariuhana zu verkaufen. Weil ihm ein Teil der Drogen aus einem Depot an der Friedberger Seewiese gestohlen worden sei, habe er dem Angeklagten nicht den vereinbarten Preis für das in Kommission überlassene Mariuhana zahlen können, erklärte der Zeuge damals den Beamten. Daraufhin habe ihn der 33-Jährige bedroht. Selbst nachdem er das Geld vom Konto seiner Mutter abgehoben und gezahlt hatte, habe dieser immer weiter Geld gefordert. Die Abhebung des Geldes ist auf einem Kontoauszug der Mutter dokumentiert.

Zwei Tüten mit Marihuana

"Das, was ich als Aussage gemacht habe, stimmt nicht, das war gelogen", behauptet das vermeintliche Opfer im Widerspruch zu den Fakten, die seine ursprüngliche Version belegen, jetzt vor Gericht. "Das ist lange her, ich kann mich nicht erinnern", versucht der Zeuge sich wiederholt seiner Aussagepflicht zu entziehen. Wenn er auf hartnäckige Nachfragen des Gerichts doch etwas zur Sache aussagt, stützt er die Darstellung des Angeklagten.

Der Jugendliche bestätigt zwar, dass der Angeklagte Geld zurückgefordert habe. Doch bei der Höhe des Betrags und der Frage, ob das Geld auf einmal oder nach und nach zurückgezahlt worden sei, zeigen sich Widersprüche zwischen den Versionen des Zeugen und des Angeklagten.

"Wenn Ihre Aussage überhaupt nicht zu dem passt, was er sagt, dann liegt für mich nahe, dass Sie hier lügen", stellt der Vorsitzende Richter Dr. Dominik Balzer fest. Doch auch als er den Zeugen mit dem Protokoll des immer aggressiveren Chats, den er mit dem Angeklagten wegen der Geldforderung hatte, konfrontiert, ändert der Jugendliche seine Aussage nicht. Seine Mutter berichtet jedoch, dass ihr Sohn damals, als sie mit ihm zur Polizei gegangen war, große Angst vor dem Angeklagten gehabt habe.

Ob aus Angst oder anderen Motiven, die anderen Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten berufen sich ebenfalls auf Gedächtnislücken. Nicht einmal daran, ob der diesbezüglich bei der Polizei einschlägig bekannte Angeklagte selbst Drogen konsumiert habe, wollten sie sich erinnern. Dafür bestätigten zwei Zeugen dessen Version, dass die große Menge Mariuhana, die in zwei Tüten verpackt bei der Durchsuchung der Wohnung gefunden wurde, ihnen gehört habe.

Sie hätten die über 600 Gramm gemeinsam in Frankfurt bei einem Unbekannten bezahlt und von einem anderen Unbekannten bekommen. Danach seien sie nach Friedberg gefahren, um die Ware in der Wohnung des Angeklagten aufzuteilen. Doch schon bei der Frage, ob der 33-Jährige bei ihrem Eintreffen in der Wohnung gewesen sei, widersprechen sich die Aussagen der beiden Zeugen.

Sie bieten nicht einmal den Ansatz einer Erklärung, wie die DNA des Angeklagten an die Knoten der beiden Mariuhana-Tüten gelangt sein könne, wenn er angeblich nicht einmal in der Wohnung gewesen sei.

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