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Zerrbild des modernen Menschen

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Von: Gerhard Kollmer

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Clownin »Frida« gibt bei »Usinger und der Clown« ein Violinsolo zum Besten, Clown »Hrtlicka« hört zu - und kann nicht glauben, dass zum Schluss doch noch etwas gelingt. ARCHIVFOTO: NIC © Nicole Merz

Friedberg (gk). »Alle Clowns sind anscheinend von dem ewigen Traum erfüllt, ein Konzert zu geben. Nur einmal ein Konzert geben, vor einem begeisterten Publikum die Seele ungestört in Musik ergießen! Aber die Tragik des Clowns ist es, dass es zu diesem Konzert niemals kommt.« - doch. Manchmal schon.

Entgegen der apodiktischen Behauptung des Friedberger Schriftstellers Fritz Usinger in seinem Essay »Zur Metaphysik des Clowns« aus dem Jahr 1952 endet die szenische Lesung mit den Clowns am vergangenen Donnerstagabend im Großen Saal des Alten Hallenbads mit einem wunderbar-schlichten Violinsolo. Vorgetragen nach einigen vergeblichen Anläufen von Elisa Friedrich als Clownin »Frida«.

Kampf gegen Klopapierrollen

Ihr Partner Ulrich Fey alias »Hrtlicka« schaut verwundert zu und scheint gar nicht glauben zu können, dass zum guten Schluss doch etwas gelingt - wenn auch nicht ihm, der wenige Minuten zuvor noch vergeblich gegen ein sich selbstständig machendes Dutzend Klopapierrollen »gekämpft« hatte. Gleichsam als Kommentar zu diesem originellen Slapstick-Auftritt Ulrich Feys rezitiert Sprecherin Uta Eckhardt folgende Worte aus Usingers Clown-Aufsatz: »Gibt es etwas Geduldigeres als einen Clown? Wann wird er einmal böse? Wann wird er zornig? Eigentlich nie.« Liegt das vielleicht, fragt sich Usinger, daran, dass der Clown gar kein Bewusstsein von sich selbst hat, also nicht weiß, dass er ein Clown ist, dem (fast) alles misslingt, was er anpackt? Denn wenn er’s wüsste, wäre er ja keiner.

Dem Trio Eckhardt-Friedrich-Fey gelingt - unter der Regie von Veronika Brendel - das Kunststück, Usingers gedankensprühenden Essay neben einigen weiteren kurzen Texten zum Thema so zu präsentieren, dass nüchternes Wort und das komisch-tragische Clownsuniversum sich nicht »ins Gehege« kommen, sondern »auf Augenhöhe« ergänzen - womit der Anspruch einer szenischen Lesung voll eingelöst ist. Was unterscheidet den Clown vom Artisten? Hören wir Usinger: »Das Wesen der Artistik besteht darin, schwierige Dinge leicht zu machen bzw. erscheinen zu lassen (...) Beim Clown ist es gerade umgekehrt. Ihm wird das Leichteste kompliziert. Das Einfachste ist gepanzert mit Schwierigkeiten (...) Bei ihm ist das ganze Leben eine einzige, nie abreißende Pechsträhne.«

Clowns sprechen nicht - und wenn doch, dann in meist schwer verständlichen Satzfetzen. Dieses »Manko« gleichen sie u.a. durch wildes Gestikulieren aus - wie auch bei »Frida« und »Hrtlicka« sehr schön zu sehen war. Sie treten häufig an den Bühnenrand und verbeugen sich vor dem Publikum - für eine nicht erbrachte, immer wieder an der Tücke des Objekts gescheiterte, Leistung.

Der Clown ist einerseits, sagt Usinger, »der wunderbare Mensch, der durch die ewigen Widerstände der Welt nicht verhärtet und böse wird.« Andererseits sieht der Friedberger Autor in ihm »das komische Zerrbild des modernen Menschen, der in dem Clown sich selbst belacht und vielleicht auch beweint.«

Für Clown Hrtlicka und Clownin Frida gilt letzteres auf keinen Fall. Beide haben - auch durch ihr Aussehen - die Zuschauer im Großen Saal in ein poetisch-zauberisches Gespinst eingewoben und dafür, mit Sprecherin Eckhardt, dankbaren Applaus des zahlreich erschienenen Publikums erhalten. Andrej Seuss als spiritus rector der Lesung gebührt Dank dafür, dass er Fritz Usinger ausführlich selbst zu Wort kommen ließ. In den vergangenen Jahren war dies in Friedberg leider nur selten der Fall.

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