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Zeitzeugenbericht zum Zarenbesuch: »...einmal kam der Moment des Schreckens«

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Friedberg (WZ). Der kommende Montag ist der 100. Jahrestag des Besuchs der Zarenfamilie in Friedberg. Die WZ wird auf einer Sonderseite auf die Geschehnisse damals zurückblicken. Vorab auszugsweise ein Zeitzeugenbericht des damals zehnjährigen Juden Heinrich Buxbaum (1900-1979), den Hans-Helmut Hoss in seinem Buch »Scherben der Erinnerung - Memoiren des Wetterauer Juden Heinrich Buxbaum« veröffentlicht hat.

Friedberg (WZ). Der kommende Montag ist der 100. Jahrestag des Besuchs der Zarenfamilie in Friedberg. Die WZ wird auf einer Sonderseite auf die Geschehnisse damals zurückblicken. Vorab auszugsweise ein Zeitzeugenbericht des damals zehnjährigen Juden Heinrich Buxbaum (1900-1979), den Hans-Helmut Hoss in seinem Buch »Scherben der Erinnerung - Memoiren des Wetterauer Juden Heinrich Buxbaum« veröffentlicht hat. Es ist der einzige bislang veröffentlichte Augenzeugenbericht eines Friedbergers zu diesem Ereignis.

»Der Sommer von 1910 war denkwürdig aus vielen Gründen... Es war der heißeste Sommer seit ewigen Zeiten, mit brütender Hitze bis zum späten September, mit einer brennenden Sonne, die Tag für Tag von einem strahlend blauen Himmel schien und einen der großartigsten Weine des Jahrhunderts erzeugte. Was ihn aber wirklich denkwürdig machte, war ein Ereignis, das im gleichen Sommer in unserer kleinen Stadt stattfand... Die außergewöhnliche Aufregung, die es in unsere Sommerferien brachte, bedeutete einen vollkommenen Gegensatz zu der Hitze und der Langeweile jener heißen Tage...

Wann passierte es jemals, dass gewöhnliche kleine Kinder eine überdachte Tribüne um einen großen Hof haben, wo Könige und Prinzen Europas Tag für Tag erscheinen, um ihre Rolle auf der Bühne - wie Schauspieler in einem Schauspiel - zu spielen? Aber hier waren sie: Kaiser und Könige, Zar von Rußland mit seiner Zarin, Prinzen und Prinzessinnen... Bei Tagesanbruch schon ließ das meine Füße zu dem Platz rennen, wo die Stadtkinder, Mädchen und Jungen, sich in Trauben versammelten und nicht weichen wollten, bis die Dunkelheit kam und begann, die Schauspieler auf der Bühne zu verhüllen. Wir beobachten sie aus der Nähe, den ganzen langen Tag... Das Wunderschönste von allem waren die Kinder. Es gab viele von ihnen, alle schön und aufregend...

Wir warteten immer an dem großen Tor darauf, dass sie herauskommen würden, und wenn man im richtigenMoment da war, war man glücklich,wenn sie kamen. Dann schloss sie der ganze Schwarm der Stadtkinder in sich ein.

.. Der große russische Seemann, der, wo immer wir hingingen, den kleinen, blaß aussehenden Zarewitsch auf seine breiten Schultern trug und nie von der Hand ließ, verscheuchte uns nie, egal, von wie nahe wir auf die empfindliche Last auf seinem Rücken starrten. Er ließ ihn nie los, außer einmal - und dieses eine Mal war eine schreckliche Geschichte. Der kleine Junge trug die gleiche Seemanns-Uniform wie sein starker Beschützer. Es war eine große Liebe zwischen dem kräftigen Seemann, der eine runde, weiß-blaue Seemannsmütze trug, und dem furchtsamen kleinen Prinzen. Es zeigte sich in der Behutsamkeit, mit der dieser sanfte Riese seine Last trug, wie er nach der Hand des Jungen griff, wie er ihn absetzte! Und der Junge ritt auf diesem Thron so sicher und so glücklich, wie ein Ritter auf seinem stärksten Pferd...

Aber einmal kam der Moment der Angst, des Schreckens. Und er kam so schnell, dass sogar der große starke Mann ihn nicht davor schützen konnte. Es passierte auf folgende Weise: Die anderen Prinzen in unserer täglichen Parade vom Schloss hinaus in die Felder und Wiesen um die Stadt herum waren die beiden kleinen Söhne unseres Großherzogs... Sie waren Cousins 1. Grades, weil die Zarin die Schwester des Großherzogs von Hessen war. Aber so kränklich der kleine Alexej war, so gesund und wild waren die beiden Burschen. Ihre Gouvernante, oder was immer sie war, konnte sie nie unter Kontrolle halten. Sie waren zu schnell für sie, und egal, wie oft sie sie auch schalt, sie lachten und rannten davon... Die zwei Cousins waren ungefähr in dem gleichen Alter wie der Zarewitsch, zwischen fünf und sechs Jahre alt. An diesem einen heißen Nachtmittag waren wir wieder auf unserer tägliche Promenade. Wir waren draußen auf der großen Wiese in Richtung Bad Nauheim, der ganze Schwarm von uns, mit dem Seemann und seiner kostbaren Ladung auf seinen Schultern, die hessischen Prinzen, die wild um ihn herumtanzten und ihn aufforderten, von seinem Thron herunterzukommen...

Der heiße trockene Sommer dieses Jahres hatte etwas für die Vermehrung der Mäuse getan... Wir waren alle auf der Wiese und jagten Mäuse, fingen sie, zum Vergnügen unserer herrschaftlichen Gäste. Die zwei hessischen Prinzen waren ganz wild beim Spiel der Jagd. Die Mäuse ... quietschten vor Angst, die Prinzen schrien vor Freude, und nach und nach wurde unser kleiner Zarewitsch - ängstlich wie er war - von der Aufregung angesteckt und bat seinen Seemann, ihn herunterzulassen. Er mochte gewünscht haben, eine Maus zu fangen oder vielleicht zu halten und sie ein wenig zu streicheln.

Aber kaum hatten seine Füße den Boden berührt, als seine zwei Cousins wie auf Kommando nach ihm griffen und jeder von ihnen eine sich windende Maus in seinen Kragen und in die Taschen seiner Jacken steckte. Er gab einen unheimlichen Schreckensschrei von sich, erschüttert durch die Berührung der zappelnden Wesen, und schreiend versuchte er, auf seinen Seemann zu klettern. Ich sah den Matrosen ihn von seinen Quälgeistern wegnehmen und hochheben auf die sicheren Schultern, außerhalb ihrer Reichweite. Und die ganze Zeit heulten und tanzten die Prinzen um ihn herum vor Freude...«

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Aus: Hans-Helmut Hoos (Herausgeber) »Scherben der Erinnerung Memoiren des Wetterauer Juden Heinrich Buxbaum«, Friedberg/H. 1994 S. 201-206, Auszüge.

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