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Za-Zen als Kunst meditativer Versenkung

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Von: Gerhard Kollmer

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Anschaulich hat Michel Kaufmann die Theorien dargelegt und Bilder gezeigt. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »Wie wenig hat ein Mensch sich selbst, der viele Dinge haben will.« So heißt es in einem japanischen »Haiku«. Ungefähr vergleichbar einem Epigramm im westlichen Kulturkreis, ist das Haiku die Kunst, mit möglichst wenig Worten möglichst viel auszudrücken. Die Kunst des Haiku ist eine von zahlreichen Ausprägungen des »Minimalismus« in der traditionellen japanischen Kultur.

Bei »Kultur auf der Spur« zum Thema »Minimalismus« hatte sich Michel Kaufmann am Montagabend im Bibliothekszentrum Klosterbau die nicht leichte Aufgabe gestellt, den Spuren des »Minimalismus« in der japanischen Kulturgeschichte nachzugehen. In einem äußerst informativen, durch zahlreiche Lichtbilder illustrierten 75-minütigen Referat ist ihm dies sehr gut gelungen. Nach einer knappen landeskundlichen Einführung widmete sich Kaufmann dem um 700 u. Z. aus Indien »importierten« Buddhismus und dessen spezifisch japanischer Ausprägung, dem sogenannten Za-Zen - was etwa so viel wie Kunst der Versenkung bedeutet. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei nicht um die Vermittlung einer Lehre, sondern die meditative Einübung einer spezifischen Einstellung zum Leben in der Gesellschaft. In ihr darf man, so Kaufmann, die »geistige Wiege« des japanischen Minimalismus erblicken.

Von Samurais und Geishas

Im Unterschied zum volkstümlichen Shintoismus mit seinem Ahnenkult und Götterglauben, ist »Za-Zen« als Kunst meditativer Versenkung ein zentrales Merkmal der traditionellen elitären japanischen Hochkultur über einen Zeitraum von weit mehr als tausend Jahren hinweg.

Reichtum nicht zur Schau stellen, Bescheidenheit, keine Überbewertung der eigenen Person, Vorrang ritualisierter Umgangsformen einschließlich der Kommunikation: Ohne solche mentalen Voraussetzungen ist japanischer »Minimalismus« nicht zu verstehen. Der Kreis als Symbol der Leere (bis hin zum Logo der Olympiade in Tokio 1964) bringt das bildlich zum Ausdruck. »Leere«: Paradox ausgedrückt, besteht die Qualität der Leere darin, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Je unscheinbarer Sichtbares (zum Beispiel Teegeschirr, Blumengebinde (»Ikebana« und andere) ist, desto mehr kann es zum Ausdruck bringen. Erkennen kann dies jedoch nur, wer die Kunst der Za-Zen-Meditation erlernt hat.

Auch traditionelle »Berufe« wie Samurai oder Geisha atmen den Geist des Minimalismus. Der Samurai will nicht mit Erfolgen im Kampf prunken; die »Aura« einer Geisha als Gesellschafterin hat nichts mit (künstlich erzeugter) »Schönheit« oder extravaganter Kleidung zu tun. Sie besteht allein in der (ritualisierten) Form ihres Auftretens. All dies ist, so der Referent, Ausdruck einer »Ästhetik des Imperfekten«. Auch die Kunst des traditionellen »No«-Theaters, in dem alle Akteure gleich maskiert auftreten, bewegt sich jenseits des Ideals individueller Selbstverwirklichung, wie es in der westlichen Kunst, Musik, Literatur, Philosophie seit der frühen Neuzeit immer stärker zum Ausdruck kommt.

Marie Kondo und das Wegwerfen

Eine moderne japanische Ausprägung des »Minimalismus« ist die »Kunst des Wegwerfens«, wie sie von der Autorin und erfolgreichen TV-Moderatorin Marie Kondo weltweit propagiert wird. Spätestens hier berühren sich westlicher und ostasiatischer Minimalismus.

Für seinen aufschlussreichen Vortrag erhält Michel Kaufmann starken Applaus.

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