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Sie tragen gemeinsam das Lied »Wir gehen hinauf nach Jerusalem« vor: Ulrich Seeger am Klavier sowie Christina Klöppel und Sabine Wagner von der evangelischen Kantorei.

Wortloser Trost in der Musik

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). »Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut: »Eli, eli lema sabachtani?« Das heißt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er seinen Geist aus.« Mit diesen nüchternen Worten berichtet das Matthäusevangelium in Kap.

27, Vers 45 ff. vom erbärmlichen, selbst gewählten Kreuzestod Jesu nach Stunden unsäglicher Schmerzen.

Der leidende Mensch Jesus wird - so die Verheißung - nach seiner Auferstehung dereinst als göttlicher Erlöser die Menschen von Leid und Schuld befreien.

Vom Opfer zum Erlöser, vom Leid zum Licht: Die zweite musikalische Passionsandacht am vergangenen Donnerstagabend in der Burgkirche kreiste um dieses Zentralgeheimnis des Glaubens, diese ungeheuere »Zumutung«. Bevor Pfarrer Ernst Rohleder in seiner theologischen Betrachtung - unter dem Motto »Der Angst ins Gesicht schauen« - einen ungeschönten Blick auf die zahlreichen Facetten menschlichen Leids warf, leiteten Ulrich und Andrea Seeger an Orgel und Violine die Andacht mit einer meditativen musikalischen Weise des 1848 in Stralsund geborenen Kapellmeisters und Komponisten Georg Riemenschneider (er leitete unter anderem das Philharmonische Orchester der Stadt Breslau) ein.

Kraft liegt in der Schwäche

»Um die neunte Stunde sind wir ihm wie aus dem Gesicht geschnitten«: Im Angesicht der ausgestellten Bilder von Karsten Kraft, die den verstümmelten Leib des ermordeten Jesus in brutaler Realistik zur Schau stellen, sprach Pfarrer Rohleder von Angst, Neid und Hass als »todbringendem Kreuz«. In unzähligen Ländern werden Menschen in großer Zahl eingekerkert, gequält, gefoltert, ermordet. Hungersnöten und Seuchen fallen Zehntausende zum Opfer. Sie alle sind dem - auf einem von Krafts Bildern kopflos dargestellten - am Kreuz gestorbenen Jesus »wie aus dem Gesicht geschnitten«.

Das von Christina Klöppel und Sabine Wagner vorgetragene Lied: »Wir gehen hinauf nach Jerusalem« richtete den Blick ebenfalls auf den leidenden Menschen Jesus. »Jesu Kraft liegt in seiner Schwäche«: Nur als Leidender könne der Gottmensch zum dereinstigen Befreier werden, die Fenster in eine immerwährende Unendlichkeit ohne Leid, Gewalt und Tod aufstoßen.

Dieser tröstlichen Gewissheit gibt das Largo aus J. S. Bachs wunderbarer Sonate Nr. 4 in c-Moll - von Ulrich Seeger am Flügel angestimmt - Ausdruck. Auf das Gebet für die Leidenden und Unterdrückten in der Welt und das Vaterunser folgten das ermutigende Lied »In einer fernen Zeit« und Georg Riemenschneiders bewegende »Kanzone« für Violine und Orgel.

Die Beschwörung menschlichen Leids in Pfarrer Rohleders starken Worten - eingebunden in den wortlosen Trost der Musik: Aus dieser Spannung, diesem Gegensatz bezog die zweite Passionsandacht in der Burgkirche ihre bewegende, trotz allem Mut machende Intensität.

»Der Angst ins Gesicht schauen«: Dazu und zu diesem Bild von Karsten Kraft spricht Pfarrer Ernst Rohleder.

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