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Eine Übung aus dem Lesekurs, die auch für Menschen, die lesen können, nicht ohne zu überlegen zu lösen sein dürfte. Die Aufgabe: Markieren Sie Wörter in den einzelnen Zeilen.

Grundbildungszentrum

Wo Erwachsene lesen lernen

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Ich kann nicht lesen - kaum ein Erwachsener würde das ohne Scham zugeben. Doch zahlreiche Menschen können trotz Schulabschluss nicht richtig lesen und schreiben. Im Grundbildungszentrum Wetterau werden Kurse angeboten, in denen sie es lernen können.

Viele kommen irgendwie damit durch. Ich habe meine Brille vergessen, sagen sie, wenn sie etwas lesen sollen. Andere verbinden sich die Hand, wenn sie schreiben müssen. Hauptsache, sie müssen nicht zugeben, dass sie es nicht können.

6,2 Millionen Menschen sind in Deutschland laut einer Erhebung betroffen. Die meisten davon haben das Schulsystem durchlaufen und einen Abschluss, sagt Dorothee Schätzle. Sie ist die Koordinatorin des Grundbildungszentrums Wetterau in Friedberg. Dort werden Kurse angeboten, in denen Erwachsene lesen und schreiben lernen.

Drei Teilnehmerinnen kommen in den Dienstagskurs, der vergangenen August angefangen hat. Damals quasi bei null. »Ich bin hergekommen, weil ich nicht lesen und nicht schreiben kann«, sagt eine der Frauen. Zumindest konnte sie es nicht, als der Kurs begann. Heute ist das anders. Sie und ihre zwei Kurskolleginnen sitzen in dem Unterrichtsraum, vor ihnen liegen Hefte, Blöcke, Mäppchen. »Wir sind hier in der Schule«, sagt eine der Teilnehmerinnen lächelnd. Die Fortschritte der vergangenen Monate sind in ihrem Heft dokumentiert. Angefangen mit elementaren Leseübungen (Silben: ka, le, ro…) über Wörter hin zu Sätzen und Texten, wie E-Mails.

Die Friedbergerin, die aus der Türkei stammt, ist Mutter und Oma. Zu Hause habe sie nie lesen und schreiben müssen, später, als die Kinder in der Schule gewesen seien, hätten sie ihr geholfen. Wenn die Mutter zum Beispiel etwas ausfüllen musste oder Post bekam. Nun, sagt sie, sind die Kinder aus dem Haus. Sie habe von dem Kurs erfahren und ohnehin Zeit. »Am Anfang habe ich sehr viele Fehler gemacht. Jetzt geht es.« Das Beste seien die Fortschritte - dass sie nun die Wörter entziffern kann, die ihr im Alltag begegnen. »Ich weiß jetzt immer, in welcher Straße ich bin.« Oder das Gebäude, an dem sie auf dem Weg zum Kurs vorbeikommt. »Erst wusste ich nur, dass es eine Schule ist.« Jetzt kann sie den Schriftzug an der Front lesen: »Musterschule«.

Cora Monceyron unterrichtet den Kurs. Eigentlich gibt sie hauptsächlich Integrationskurse für Geflüchtete, doch, sagt sie: »Die Probleme gibt es auch bei Deutschsprachigen.« Vor einiger Zeit hat sie eine Fortbildung zur »Alpha«-Lehrerin gemacht für Alphabetisierungskurse. Die Lernziele sind individuell - je nach Vorkenntnissen und Geschwindigkeit der Teilnehmer. »Wir arbeiten hier einfach zusammen. Ich mag es nicht, wenn künstliche Hemmnisse aufgebaut werden. Die gibt es beim Fußball auch nicht.«

Aus Scham selbst verletzt

Für heute hatten die Teilnehmerinnen als Hausaufgabe ein Grüne-Soße-Rezept bekommen. Die Aufgabe: Die Sätze in den Imperativ, die Befehlsform, umformulieren. Aus »Eier hart kochen« wird: »Kochen Sie die Eier hart!« Gäbe es keine Corona-Maßnahmen, könnten die Kursteilnehmer die Rezepte vor Ort nachkochen, sagt die Lehrerin: So wäre auch die sinnliche Komponente als Lernfaktor dabei. So aber bleibt es beim Lesen und Schreiben übers Essen.

Die Ursachen, warum jemand nicht lesen und schreiben kann, sind oft komplex, sagt Koordinatorin Schätzle. »Es kann eine nicht festgestellte Lese-Rechtschreib-Schwäche sein.« Oder: »Früher waren die Klassen oft größer« - manche Schüler, die es nicht richtig gelernt hätten, seien untergegangen. Und irgendwie durchgerutscht. »Es gibt nicht die eine Ursache.« Die meisten betroffenen seien im Alter zwischen 35 und 64.

»Wir leben in einem Land, in dem Schriftsprache dazugehört«, sagt Schätzle. Wer damit keine Probleme habe, nehme es nicht wahr, doch im Alltag wird es ständig gefordert: Formulare ausfüllen, Handy-nachrichten lesen. Scheinbar einfache Dinge sind nicht möglich - »ein Online-Ticket fürs Schwimmbad kaufen.«

Die fehlende Fähigkeit wird von Betroffenen oft als Defizit wahrgenommen, verbunden mit Scham, sagt Schätzle. In einem Seminar habe der Referent ein drastisches Beispiel dafür gebracht: eine Frau, die in einer Küche beschäftigt war und ihre Arbeit ausüben konnte, ohne lesen und schreiben zu müssen. Doch dann sollte sie etwas an eine Tafel schreiben. Bevor sie zugeben musste, dass sie es nicht kann, schnitt sie sich in den Finger. Als sie später in die gleiche Situation kam, geriet sie in Panik. Sie steckte ihre Hand in die Friteuse mit heißem Fett. »Es ist erschreckend, dass es für manche leichter ist, sich selbst zu verletzen, als sich zu erkennen zu geben.«

Dass es nie zu spät ist, noch einmal »in die Schule zu gehen«, das Lesen und Schreiben zu lernen, beweisen die drei Dienstagskurs-Teilnehmerinnen. Sie haben Spaß, lachen miteinander, helfen sich gegenseitig. Und werden immer besser. »Wenn ich früher eine Zeitung in der Hand hatte, habe ich sie gleich weggelegt, weil ich nichts verstanden habe. Jetzt lese ich.«

In ihrem Heft zeigt eine der Frauen, was sie in den vergangenen Monaten gelernt hat.

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