Lebendige Diskussionen über den Weg der katholischen Kirche wünschen sich (v. l.): Dekanatsreferent Andreas Münster, Dekan Stefan Wanske, Heike Mühlenbruch vom Projektteam und Dr. Wolfgang Fritzen vom Bistum Mainz. FOTO: JÜRGEN WAGNER
+
Lebendige Diskussionen über den Weg der katholischen Kirche wünschen sich (v. l.): Dekanatsreferent Andreas Münster, Dekan Stefan Wanske, Heike Mühlenbruch vom Projektteam und Dr. Wolfgang Fritzen vom Bistum Mainz. FOTO: JÜRGEN WAGNER

"Pastoraler Weg"

So wird sich die katholische Kirche in der Wetterau verändern

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
    schließen

Weniger Pfarrer, weniger Gemeindemitglieder, weniger Kirchensteuern: Die katholische Kirche hat ein Problem. Und eine Idee, wie man dem beikommt. Die Katholiken im Bistum Mainz machen sich auf den "Pastoralen Weg".

Pfarrer reden im Gottesdienst gerne in Bildern. Auch Dr. Wolfgang Fritzen, Koordinator für den Pastoralen Weg im Bistum Mainz, zieht einen bildhaften Vergleich heran, um zu erläutern, warum Reformen nötig sind. "Das ist wie bei einem Kleingarten." Viele Gärten liegen nebeneinander, irgendwann werden einige davon nicht mehr gepflegt, sie verwildern. Die Lösung: Die Kleingärtner reißen ihre Zäune ein, tun sich zusammen, erhalten, was zu erhalten ist und haben nebenbei viel neuen Raum gewonnen.

"Wie wollen und können wir heute und 2030 unser Christsein leben?" Das ist eine der Kernfragen des Pastoralen Wegs. Mehrere Gremien mit Pfarrern, weiteren Hauptamtlichen und Laien haben sich in den vergangenen Monaten Gedanken über die Zukunft der Kirche gemacht. Jetzt sollen auch die erreicht werden, die zwar Kirchenmitglied sind, aber nicht so oft den Gottesdienst besuchen oder am Gemeindeleben teilhaben.

Dekan Stefan Wanske (Friedberg), Dekanatsreferent Andreas Münster, Dr. Wolfgang Fritzen von der Bistumsverwaltung und Heike Mühlenbruch vom Projektteam haben am Dienstag im Friedberger Albert-Stohr-Haus einen Flyer vorgestellt, der die wichtigsten Fragen beantworten und allen katholischen Christen den Stand der Dinge erläutern soll.

Die Wetterau hat eine Sonderrolle im Bistum eingeschlagen. Anders als in anderen Dekanaten wurde zuerst über die Flächenstruktur gesprochen; die inhaltliche Diskussion soll folgen. Herausgekommen ist eine Landkarte der westlichen Wetterau mit drei Gebieten, "Nord", "Süd" und "Mitte". In einigen Jahren wird es nur noch diese drei Pfarreien geben. Aktuell sind es 23, allerdings sind einige jetzt schon in Pfarrgruppen mit einem gemeinsamen Pfarrer eingeteilt (siehe Kasten).

Eigenständig, aber mehr Angebote

Was Wanske deutlich machte: Es wird zwar drei große Verwaltungseinheiten mit jeweils einem leitenden Pfarrer (und weiteren Pfarren, Diakonen, Gemeindereferentinnen). geben. Die Gemeinden vor Ort sollen von diesem Schrumpfungsprozess aber profitieren. Sie sollen ihre Eigenständigkeit behalten, darüberhinaus aber auf das Angebot eines größeren Verbundes zurückgreifen können.

Ein Beispiel, das Heike Mühlenbruch anführte: In einer Gemeinde mit sehr hohem Altersdurchschnitt wurden Kindergottesdienste angeboten, zuletzt mit drei Betreuern und nur einem Kind. "Jetzt fahren die Eltern mit dem Nachwuchs zum Kindergottesdienst in die Nachbargemeinde, wo mehr Kinder teilnehmen." Andererseits dürften jene Menschen nicht vergessen werden, die nicht mobil sind. Mit Bussen etwa, die eigens gechartert werden, sollen sie zum Gottesdienst kommen. Linienbusse helfen da nicht: Mühlenbruch: "Wenn ich sonntags nach Bad Nauheim in den Gottesdienst will, muss ich vorher ein Hotelzimmer buchen." So früh fahren keine Busse. Zur Pressekonferenz hatte Mühlenbruch ein Paar Wanderschuhe mitgebracht. Sie stehen symbolisch für den nicht gerade einfachen Weg, den die Kirche gehen muss, will sie nicht noch mehr Mitglieder verlieren.

"Wer teilt, bekommt meistens das Doppelte", sagte Wanske. Andererseits gibt es kaum Alternativen für die katholische Kirche. Es fehlt an Priesternachwuchs.

Der Pastorale Weg ist ein weiter Weg, das Ziel noch lange nicht in Sicht. Als nächstes folgen inhaltliche Diskussionen. Neben Fragen wie jener, welche Angebote vor Ort bestehen bleiben und was zusammengelegt wird, geht es um Glaubensfragen. Was ist unverzichtbar für ein christliches Leben? Was hat sich überlebt? Wo wird Christentum außerhalb der Kirchen-Strukturen gelebt?

Die Verantwortlichen sind zuversichtlich, dass auch zu diesen Fragen ein lebendiger Austausch unter den Katholiken in der Wetterau stattfindet. Wie Fritzen sagte, sind gewöhnlich ein Viertel der Kirchenmitglieder in der Gemeinde aktiv, ein Viertel distanziere sich. "Die große Mehrheit hat eine freundliche Halbdistanz eingenommen." Sie besuchen den Weihnachtsgottesdienst, lassen ihre Kinder taufen, aber sonst Gott einen lieben Mann sein. Bei 50 000 Katholiken in der westlichen Wetterau sind dies rund 25 000 Menschen, die es neu für die Kirche zu begeistern gilt.

Aus 23 Pfarreien werden drei Groß-Pfarreien

Öffnet man die Internetseite des katholischen Dekanats Wetterau-West, erscheint das Foto einer Baustelle. Aus den Fundamenten für ein großes Haus ragen die Verschalungen aus Draht heraus; sie sollen das Haus einmal tragen. Doch wer trägt die katholische Kirche? Antwort: Nicht alleine die Priester, alle Gläubigen. Laien sollen in der Kirche mehr mitreden, mehr entscheiden. Das ist ein Leitgedanke des "Pastoralen Wegs". Zu diesem Weg gehört auch eine Verwaltungsreform. Die bislang 23 Pfarreien in der westlichen Wetterau mit insgesamt rund 50 000 Katholiken in 35 770 Haushalten werden zu drei Pfarreien zusammengefasst. Sie werden "Nord" (rund 16 000 Katholiken), "Mitte" (18 500) und "Süd" (15 500) genannt. Dazu gehören: Pfarrgruppe Rockenberg (Gambach, Münzenberg, Oppershofen, Rockenberg), Pfarrei Butzbach, Pfarrgruppe Mörlen (Ober-Mörlen, Bad Nauheim-Nieder-Mörlen) und die Pfarrei Bad Nauheim im Norden; dann die Pfarrgruppen Ockstadt (Rosbach, Ockstadt) und Karben (Karben, Kloppenheim, Petterweil), der Pfarreienverbund Friedberg (Friedberg, Rodheim, Ober- und Nieder-Wöllstadt) sowie die Pfarreien Heldenbergen und Ilbenstadt in der Mitte; sowie im Süden der Pfarreienverbund Erlenbach-Eschbach (Burgholzhausen, Ober- und Nieder-Erlenbach, Ober- und Nieder-Eschbach, Harheim) und die Pfarrgruppe Bad Vilbel (Bad Vilbel mit Heilsberg). Diese Aufteilung wurde, wie betont wird, nicht "von oben herab" entschieden, sondern von der Basis. Bischoff Peter Kohlgraf habe dem Vorschlag zugestimmt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare