Für die vorgeschriebene zweite Leichenschau haben Jürgen Kröll (l.) und Werner Hornof die entsprechenden Särge aus den Kühlboxen im Hintergrund herausgeholt.	FOTOS: HARALD SCHUCHARDT
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Für die vorgeschriebene zweite Leichenschau haben Jürgen Kröll (l.) und Werner Hornof die entsprechenden Särge aus den Kühlboxen im Hintergrund herausgeholt. FOTOS: HARALD SCHUCHARDT

Kein »Stau«

So wird im Krematorium in Friedberg gearbeitet

  • vonHarald Schuchardt
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Bilder von überfüllten Kühlhäusern und Lagern in Krematorien sind in den vergangenen Wochen in den Medien gezeigt worden. Wie sieht es im Krematorium auf dem Friedhof in Friedberg aus?

Werner Hornof, technischer Leiter des 1917 in Betrieb genommenen Krematoriums auf dem Friedberger Friedhof, ist ein ausgewiesener Spezialist in Sachen Einäscherung. Seit 23 Jahren ist der nun 56-Jährige in diesem Bereich tätig. Mit der Übernahme des Krematoriumbetriebs durch die ESO Offenbacher Dienstleistungsgesellschaft, ein Unternehmen der Stadtwerke Offenbach, im November 2008 kam der gelernte Betriebsschlosser nach Friedberg. Bereits 2001 wurde er technischer Betriebsleiter des Offenbacher Krematoriums, das er weiterhin im Verbund mit Friedberg leitet. »Hierher komme ich im Schnitt nur noch einmal die Woche, denn ich habe hier ein tolles Team, das passt einfach«, sagt Hornof. »Bei uns macht halt jeder alles«, erläutert Mitarbeiterin Elke Dulecki, die mit Ehemann Uwe und mit Jürgen Kröll die Stammbesatzung in Friedberg bildet. Je nach Bedarf unterstützen bis zu drei weitere Aushilfen das erfahrene Trio, das maximal 21 Einäscherungen am Tag vornehmen kann.

Sonderschicht am zweiten Weihnachtsfeiertag

»Bei uns gab es bisher keinen Rückstau, und es wird auch keinen geben, denn wir arbeiten immer der Lage nach angepasst«, erklärt Hornof. Durch die Corona-Pandemie habe es zwar ab November einige Einäscherungen mehr gegeben, doch »Dezember bis März sind ohnehin die stärksten Monate bei uns«. Im Gegensatz zu manch anderen Krematorien wurde in Offenbach und Friedberg auch zwischen den Jahren weitergearbeitet. »Am zweiten Weihnachtsfeiertag haben wir in Friedberg eine Sonderschicht gefahren«, berichtet der Betriebsleiter. »Im Großen und Ganzen sind die Zahlen bei uns stabil.«

Im Schnitt wurden in den vergangenen Jahren im Friedberger Krematorium 2500 Einäscherungen vorgenommen - so auch im vergangenen Jahr. Ansonsten wird flexibel - derzeit meist in zwei Schichten - gearbeitet. »Und wenn wir merken, dass der Platz in den 40 Kühlzellen knapp wird, fahren wir auch schon mal in drei Schichten«, sagt Hornof.

Leichenschau ist vorgeschrieben

Für die schrecklichen Bilder überfüllter Krematorien vor allem in Sachsen sieht er mehrere Gründe: Zum einen sei in den betroffenen Betrieben - trotz der ansteigenden Nachfrage an Feuerbestattungen - die oft übliche alljährliche Betriebspause über Weihnachten und Silvester gemacht worden. Zum anderen seien die Feuerbestattungen im benachbarten - von den Gebühren her wesentlich günstigeren - Tschechien weggefallen, da die Grenzen geschlossen worden seien.

»Für unsere Arbeit werden wir immer wieder gelobt«, sagt Hornof, der regelmäßig den Kontakt mit den Bestattern und den Pietäten vor Ort sucht. Seine Einschätzung bestätigen auch Ernst und Sascha Henrici aus Usingen. Die beiden Bestatter bringen während des WZ-Besuchs einen Sarg zur Einäscherung. »Wir fahren nur nach Friedberg,« sagt »Seniorchef« Ernst Henrici. Sohn Sascha erklärt warum: »Das läuft hier immer völlig reibungslos und schnell. Dadurch können wir die Beerdigungstermine zeitnah vereinbaren.« Diese Einschätzung freut Hornof und Elke Dudecki, die den beiden Bestattern gerade eine Urne übergibt. Derweil hat Mitarbeiter Jürgen Kröll im Untergeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes einige Särge aus den Kühlzellen geholt. Auf den Särgen liegt ein Blatt, das nach der zweiten Leichenschau vom Beschauer ausgefüllt wird. Diese Beschauung vor der Einäscherung ist gesetzlich vorgeschrieben und wird in Friedberg von Mitarbeitern aus der Rechtsmedizin der Universität Gießen erledigt. Die Särge mit an Covid-19 Verstorbenen müssen besonders gekennzeichnet sein, ebenso die entsprechenden Papiere. »Die meisten Verstorbenen haben FFP2-Masken auf und befinden sich in besonderen Transporthüllen«, erläutert Hornof.

Nach der Leichenschau und der Freigabe zur Einäscherung kommen die Särge zurück in die Kühlzellen, in denen eine konstante Temperatur von fünf Grad herrscht. Erst unmittelbar vor dem Einäscherungstermin werden sie wieder herausgeholt und zum Mehr-Zonen-Ofen in einem der ältesten Krematorien Deutschlands gefahren.

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