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Andrea Rahn-Farr

"Wir sind entsetzt und enttäuscht"

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Wetteraukreis(hed/pm). Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) muss sich derzeit viel Kritik wegen ihres "Agrarpakets" anhören. Es sieht unter anderem ein Glyphosat-Verbot für bestimmte Flächen und weitere Schutzmaßnahmen für Nutztiere und Insekten vor. Für den Regionalbauernverband Wetterau/Frankfurt bedeutet der Gesetzesentwurf eine "kalte Enteignung", wie es in einem offenen Brief an die Ministerin heißt. "Wir sind entsetzt und enttäuscht."

Laut dem Papier plant Klöckner, den Einsatz von Insektiziden, die die Artenvielfalt beeinträchtigen, in Naturschutzgebieten oder Nationalparks bereits jetzt komplett zu untersagen, ehe es 2023 zum generellen Verbot in der EU kommt.

In der Wetterau, wo es viele Natura-2000-Gebiete (FFH-Gebiete, Vogelschutzgebiete, etc.) gibt, wäre das eine Katastrophe für die Landwirte, ist sich die Vorsitzende des Regionalbauernverbands, Andrea Rahn-Farr, sicher. Laut ihr könnten dann 3500 Hektar Ackerland nicht mehr bewirtschaftet werden. Dies sei eine "Zwangsökologisierung". Die Ausweisung der Schutzgebiete erfolge seit 20 Jahren in Absprache zwischen Behörden, Naturschutz und Landwirtschaft. Immer habe es die Zusage gegeben, dass die Landwirte für nicht genutzte Flächen (wie Lerchenfenster oder Blühstreifen) entschädigt werden. "Mit Ihrer Politik zerstören Sie mit einem Federstrich diese vertrauensvolle Zusammenarbeit vor Ort", schreibt Rahn-Farr an die Ministerin. Ein Acker, der nicht mehr nachhaltig und ertragsbringend bewirtschaftet werden könne, verliere an Wert. "Dies ist eine kalte Enteignung." Eine Pacht im bisherigen Rahmen werde für die betroffenen Flächen nicht mehr gezahlt werden können. Von dieser "Wertvernichtung" betroffen seien sowohl die Landwirte als Flächeneigentümer als auch die Grundbesitzer, die ihre landwirtschaftlichen Nutzflächen verpachtet haben.

Auch der angedachte Mindestabstand zu Gewässern von zehn Metern bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln missfällt den Wetterauer Landwirten. Bisher sind es vier Meter. "Das bedeuten faktisch, dass auf diesem Streifen kein Ackerbau mehr betrieben werden darf. Eine Begrünung von fünf Metern macht den Streifen wertlos - die nächste Enteignung!" Werden des Weiteren artenreiche Wiesen oder Streuobstwiesen zu Biotopen erklärt, wie es das Papier vorsehe, würden diese wohl unverkäuflich, befürchtet die Vorsitzende.

Viele der 1200 Mitglieder ihres Verbands seien von der Politik - egal welcher Couleur - derzeit mehr als enttäuscht und fühlten sich verkauft, schreibt Rahn-Farr. "Ich befürchte, dass viele irgendwann enttäuscht den Hof schließen und wir dann keine nachhaltigen Lebensmittel mehr vor Ort produzieren können." Am Ende blieben ein paar "Alibi-Höfe", auf denen die Politiker schöne Fotos machen könnten. Doch gebe es keine heimische Lebensmittelproduktion mehr, müssten Nahrungsmittel von dort importiert werden, wo die Umweltauswirkungen keinen interessierten. Oder wie es Rahn-Farr plakativ ausdrückt: "Blühwiese in der Wetterau, Brandrodung in Amazonien."

Besitzer landwirtschaftlicher Flächen würde es hart treffen - und das alles ohne gesicherte Faktenlage zur tatsächlichen Entwicklung der Insektenpopulationen und zu den Ursachen dieser Entwicklung. (Foto: pm)

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