Rund ein Drittel des Fichtenbestands wurden im Friedberger Stadtwald durch Stürme, trockene Sommer und die Borkenkäferplage vernichtet.
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Rund ein Drittel des Fichtenbestands wurden im Friedberger Stadtwald durch Stürme, trockene Sommer und die Borkenkäferplage vernichtet.

Nach Borkenkäferbefall

Winterstein: Rodungen erinnern an kasachische Steppe

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Der Winterstein ist ein Ausflugsgebiet. Derzeit ist er für Spaziergänger und Radfahrer aber nicht zu empfehlen. Durch die Rodungen haben die Waldwege gelitten, wie eine Tour auf dem E-Bike zeigt.

Alle Veranstaltungen sind abgesagt. »Wir brauchen Geschichten«, sagt mein Chef. »Hinaus ins wirkliche Leben mit dir! Aber halt Abstand zu den Menschen.« Wegen Corona. Kein Problem, mache ich eben eine Radtour über den Winterstein. Radfahren ist ein gutes Mittel, um »soziale Distanz« zu halten. Was ich im Friedberger Stadtwald zu sehen bekomme, verschlägt mir dann aber die Sprache.

Die Sonne scheint, ein mildes Lüftchen weht. Ideale Bedingungen für eine Radtour. Die Strecke: Von Friedberg über Ockstadt zum Wintersteinturm hoch, von dort runter zum Forsthaus, unter der Autobahn durch und über den Bad Nauheimer Hochwald zurück in die Kreisstadt. 23 Kilometer, mit dem E-Bike machbar in einer guten Stunde, inklusive einiger Stopps, um Fotos von den Rodungen zu machen. Der Borkenkäfer und die heißen Sommer sollen Schneisen der Verwüstung in den Stadtwald geschlagen haben.

An der frischen Luft, haben sie im Fernsehen gesagt, ist die Ansteckungsgefahr für Corona gleich Null. Das denken sich offenbar viele. Auf der Seewiese spielen Väter und Söhne Fußball, auf dem Äppelwoiweg kommen mir Mütter mit Bollerwagen und kleinen Kindern entgegen, viele Radfahrer sind unterwegs. Einer grüßt schon von weitem. Ein Pensionär, früher im Staatsdienst, er müsste also ziemlich reich sein und kann sich vermutlich drei Sportwagen in die Garage stellen. Und was macht er? Er fährt Rad! Das ist umweltbewusst, gesundheitsfördernd und Corona-kompatibel. Trotz gelegentlicher Rudelbildungen von Radfahrern, wird Abstand gehalten. Letztlich kämpft jeder Radfahrer nur mit einem »Erreger«, dem inneren Schweinehund.

Mitten im Wald begegnen mir zwei Schüler, die ihr Mountainbike den steilen Berg hochschieben. Alternativer Sportunterricht. Sie wollen zu den Moutainbike-Trails »Ebbelwoi« und »Handkääs«, die direkt unterm Fernmeldeturm beginnen. Die Strecken sind bei Radsportlern so beliebt, dass sich der Aufstieg lohnt.

Rodungen Winterstein: Waldwege derzeit nicht zu empfehlen

Ich kann eine Radtour über den Winterstein derzeit nicht empfehlen. Die Wege sind nass, matschig, teils kaum befahrbar. Die Reifen der Harvester haben tiefe Furchen gegraben, man wird durchgeschüttelt. Als der Weg immer steiler und beschwerlicher wird, bin ich kurz davor, die Heilige Corona anzurufen. Die gibt es wirklich. Sie starb im Jahr 177 n. Chr., wird als Schutzpatronin der Holzfäller und Waldarbeiter verehrt. Doch ich stoppe die Fahrt, weil es mir den Atem verschlägt.

Wo ist der Wald hin? Auf einer unterm Wintersteinturm gelegenen Fläche, auf die zehn oder mehr Fußballplätze passen, steht kein einziger Baum mehr. Am Rande ein paar dünne Fichten, ein paar Büsche und kurz überm Erdreich abgeschnittene Baumstümpfe. Sonst ist nichts übriggeblieben. Große Baumstümpfe sind umgefallen, die Wurzeln ragen wie Tentakeln in die Luft. Manche Hänge, hunderte Meter lang und breit, erinnern an die kasachische Steppe. Oder an eine Mondlandschaft. Wo sind die Bäume hin? Am Rande des Weges stapeln sich auf Länge gesägte Baumstämme. Von fern röhrt die Motorsäge.

»Dramatisch und einschneidend« nennt Bernd Müller, Leiter des Forstamts Weilburg, was mehrere Stürme, zwei viel zu heiße Sommer und der Borkenkäfer im Friedberger Stadtwald angerichtet haben. Der Stadtwald hat (bzw. hatte!) mit 36 Prozent einen relativen hohen Fichtenbestand. »Rund ein Drittel wurde vernichtet«, sagt Müller später am Telefon. Mehrfach habe es Wellen von Massenvermehrungen der Borkenkäfer gegeben. Dann kamen wieder Stürme, die Bäume vertrockneten, fielen um und zerbarsten.

Rodungen Winterstein: Der Borkenkäfer kommt wieder

Die Waldarbeiter mussten auf Zack sein. Die gefällten Bäume sitzen voller Käfer. Wird das Holz nicht schnell aufgearbeitet, geht die Plage von vorne los. Müller: »Folgen weitere Trockenjahre, geht das so weiter.« Es gebe nach wie vor einen hohen Grundbestand an Borkenkäfern. »Die sitzen im Boden und teils in den Bäumen. Wir bekommen wieder Befall. Dann aber hoffentlich nicht so schlimm.«

Die Freiflächen sollen aufgeforstet werden, mit Douglasien und anderen Bäumen, die dem Borkenkäfer Stand halten. Das Holz konnte verkauft werden, sagt der Forstamtsleiter. Ein Teil freilich zu »unbefriedigenden Preisen nach China«, weil der deutsche Holzmarkt überlastet ist. Müller: »Ist das Holz abtransportiert, bringen wir die Waldwege wieder in einen ordentlichen Zustand. Momentan müssen wir die Besucher des Waldes um Verständnis bitten.«

Die Entschädigung für die teils holprigen, teils matschigen Wege zum Wintersteinturm hoch folgt bei der Abfahrt übers Forsthaus runter nach Bad Nauheim. Ich sage nicht, wie schnell man dort fährt, sonst schimpft jemand mit mir. Aber es ist so schnell, dass es den Aufstieg lohnt.

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