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Auch in Ossenheim leben Waschbären, wie dieses Exemplar aus einer Auffangstation. Kann man so einem drolligen Wesen ein Leid antun? (Archivfoto)

Tierschutzverband übt Kritik

Widerstand gegen Waschbär-Abschuss in der Wetterau wächst

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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In einer Wetterauer Stadt soll ein Waschbär-Management dem Tier Einhalt gebieten. Dabei ist bislang nur vom Abschuss die Rede. Das kritisiert der Landestierschutzverband.

Friedberg – Der Antrag, in Friedberg ein Waschbär-Management einzurichten, geht auf eine Initiative der CDU-Fraktion zurück, die auf Beschwerden von Bürgern reagierte. Im Ausschuss für Stadtentwicklung referierte kürzlich ein Jagdpächter, das Gremium gab grünes Licht. Zustimmung gab es nun auch im Stadtparlament, bei Nein-Stimmen der Linken und einigen Enthaltungen bei den Grünen. Sven Weiberg (Linke) sagte, seine Fraktion könne dem Antrag nicht mehr zustimmen. Er griff Argumente des Landestierschutzverbandes auf und sagte, es gebe erhebliche Zweifel, ob eine Bejagung der Tiere sinnvoll sei und wirklich zu einem Rückgang der Population führe. »Es wurde sich zu wenig mit anderen Maßnahmen auseinandergesetzt«, sagte Weiberg und nannte die Kastration, die andernorts an den Tieren vorgenommen werde.

Wetterau: Waschbär steht nicht auf Liste der invasiven Tiere

Auch Dr. Klaus-Dieter Rack (SPD) meldete Zweifel an der Sinnhaftigkeit der bisherigen Beratungen an. »Wir sollten tatsächlich auch andere Möglichkeiten der Bekämpfung in den Blick nehmen und nicht alleine auf das Töten setzen.« Rack hatte im Ausschuss einen Runden Tisch angeregt, an dem neben Jägern auch Vertreter des Natur- und Tierschutzes teilnehmen sollten. Das Problem mit den Waschbären sei nicht wegzudiskutieren, das erlebe er selbst jede Nacht. »Da gibt es noch viel Gesprächsbedarf.« Das soll nun auch erfolgen, wenn das Waschbär-Management in Angriff genommen wird. Der Landestierschutzverband hatte in einem Schreiben an die Stadt kritisiert, es habe »von jeher System«, wenn man sich »störender Mitgeschöpfe entledigt, indem man sie für alles Mögliche verantwortlich macht«. Die Öffentlichkeit nehme solche Vorurteile dann als gegeben hin.

Die Antragsteller stützten sich auf eine von der EU veröffentlichten Liste der »100 schlimmsten invasiven Tierarten des Kontinents«. Nur: Der Waschbär tauche auf dieser Liste gar nicht auf, im Gegensatz zu Hund oder Katze.

Wetterauer betreuen elternlose Waschbärwelpen

Auch das Argument, Waschbären seien Überträger des Spulwurms, greift laut Landestierschutzverband nicht. »Zieht man den Aspekt heran, dass in hochentwickelten Industrieländern wie unserem bei noch nicht einmal einem Prozent der Menschen ein Spulwurmbefall nachgewiesen werden konnte, erschließt sich die Vordergründigkeit auch dieses Arguments.«

Dani Müller (Ranstadt) und Vicky Schneider (Ossenheim), die beide elternlose Waschbärwelpen betreuen, verfolgten die Parlamentsdebatte in der Stadthalle. »Gut, dass die Fachleute zu Rate gezogen werden und die wissenschaftliche Seite nicht außen vor bleibt«, sagte Müller. Und Schneider ergänzte: »Das hätte aber auch schon vor eineinhalb Jahren passieren können.«

Wetterau: Tierschützer nennen Argumente gegen das Töten der Waschbären

Die Tierschützer listen in ihrem Schreiben an die Stadt eine ganze Reihe Argumente auf, die gegen das Töten von Waschbären sprechen. Eines lautet: In Kassel, Marburg oder Berlin, alles Städte mit einer wesentlich höheren Waschbär-Dichte als Friedberg, habe man realisiert, »dass der Waschbär als Habitatfolger aus menschlichen Siedlungsgebieten nicht mehr wegzudenken ist«. Erschieße man Tiere, rückten andere in das frei gewordene Revier nach. Und: Mit drei Fallen lasse sich das Problem ohnehin nicht lösen.

Der Berliner Senat hat eine Infobroschüre über Waschbären herausgegeben, in der Vorurteile und Fakten gegeneinander abgewogen werden. Falsch sei, dass Waschbären Bremsleitungen zerbeißen; das machen Steinmarder. Waschbären fressen Vögel, allerdings machen diese nur etwa 3,1 Prozent der Gesamtnahrung aus. Amphibien machen 5,7 Prozent aus, Reptilien nur 0,11 Prozent - was zeige, dass die Behauptung, Waschbären bedrohten geschützte Amphibien und Reptilien, nur teilweise richtig sei. Waschbären sind Allesfresser. Mit Hilfe ihrer sehr sensiblen Vorderpfoten nähmen sie bei der Nahrungssuche eine ökologische Nische ein, die vorher nicht besetzt war. »Sie stellen somit keine Nahrungskonkurrenz zu anderen, ›heimischen‹ Arten dar«, heißt es in der Broschüre.

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