1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Friedberg

Widerstand gegen AfD-Kundgebung in Friedberg - Vereinzelt Pöbeleien und Drohungen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jürgen Wagner

Kommentare

Rund 200 Gegendemonstranten haben auf die Kundgebung der AfD vor der Friedberger Burg geantwortet. Es kam zu Pöbeleien und Drohungen.

Diesen Bericht hat ein Kranker verfasst. Zumindest aus Sicht der AfD. Am Samstag hatte die rechtspopulistische Partei zur Kundgebung vor der Friedberger Burg aufgerufen. Rund 100 AfD-Anhängern standen doppelt so viele Gegendemonstranten gegenüber. Der Marsch der Rechten durch die Innenstadt wirkte wie »begleitetes Demonstrieren«.

Wir gehen in Reih und Glied auf der rechten Spur«, gab der AfD-Kreisvorsitzende Andreas Lichert die Parole aus, als sich die 100 aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten AfD-Mitglieder vor der Friedberger Burg zum Marsch über die Kaiserstraße formierten. Lichert muss man wörtlich nehmen, findet die DGB-Jugend. »Eine Partei, die einen faschistischen Flügel in ihren Reihen duldet, hat breiten Widerstand verdient«, befand sie und organisierte eine Gegendemonstration. Rund 200 Demonstranten aus dem linksalternativen, gewerkschaftlichen und kirchlichen Spektrum kamen und gingen für Solidarität und ein buntes Friedberg auf die Straße.

Presseschelte von der AfD

Aber Moment mal: Faschisten in der AfD? Wird da nicht übers Ziel hinausgeschossen? Fragen wir einen Wetterauer AfD-Funktionär. »Quatsch, Unfug«, sei das, sagt Karel Marel. »Diese zwölf Jahre dürfen sich nie mehr wiederholen«, mit Nazis habe man nichts am Hut. Aber die unzähligen rassistischen, menschenverachtenden und völkischen Äußerungen von AfD-Funktionären? »Belegen Sie mir die«, sagt Marel. Die Presse berichte eben alles falsch.

Die AfD hatte zur Diesel-Demo eingeladen. »Der Diesel gehört zu Deutschland«, stand auf einem Transparent. »Und das vermutlich schon seit 1000 Jahren«, spottete ein Gegendemonstrant. Nach Ansicht von Julian Eder (DGB-Jugend) setzt die AfD im Landtagswahlkampf aus strategischen Gründen auf Themen wie Diesel oder Windkraft. So fange man Frustrierte ein. Nicht alle AfDler seien Nazis, »aber sie sind offen für eine Zusammenarbeit mit Nazis«. Die AfD, betonten mehrere Redner, habe keine Rezepte für Wohnungsbau, Arbeitnehmerrechte, Rente oder Technologiewandel, stattdessen propagiere sie »den Mief der Fünfzigerjahre«.

Pöbeleien und Drohungen

Es waren vorwiegend ältere Männer, die sich auf Licherts Kommando hin in Bewegung setzten. Die Gegendemonstranten verabschiedeten sie mit einem Trillerpfeifenkonzert. Ein beträchtlicher Teil der linken Szene begleitete den Marsch jedoch, was zur Folge hatte, dass die einen »Nationalismus raus aus den Köpfen« schrien und die anderen mit »Sucht Euch Arbeit« und »Faules Pack« antworteten, woraufhin die Parole »Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda« folgte. Ein älterer Mann im »AfD-Mobil« aus Sachsen warnte mit dem Megafon vor der Gefahr durch »die Kommunisten« und kündigte an, die AfD werde »ins hessische Parlament in Frankfurt« einziehen.

Ärger um »Kopf ab«-Geste

Ein Gruppe Punks, die man gerne mal unter die Dusche geschickt hätte (auch um den Kopf klar zu bekommen), fiel durch Pöbeleien und Rangeleien auf. Die Polizei hatte das Geschehen aber jederzeit im Griff. Befremdend waren kleinere Begebenheiten. Etwa wie der ältere Herr mit Deutschlandfahne in der Hand beim Abmarsch den rechten Arm mit flacher Hand auf Augenhöhe schräg nach oben streckte und der Gegendemo eifrig zuwinkte. Auf dem Rückmarsch kam sich der Mann mit einem Ordner aus den eigenen Reihen ins Gehege. »Idiot«, schrie der Ordner, drohte mit der Faust und schubste den Mann grob zurück in Reih und Glied. »Arschloch«, schrie der Mann zurück. »Der provoziert immer«, schimpfte der Ordner.

Das galt auch für einen anderen älteren Mann, der eine Friedbergerin mit türkischen Wurzeln beleidigt und mit der »Kopf ab«-Geste gedroht haben soll. Die Frau (»Ich habe bloß auf der Trillerpfeife gepfiffen«) informierte die Polizei. Beamte holten den Mann aus der AfD-Kundgebung heraus. Er musste sich bei der Frau entschuldigen.

Die Gegenseite schlug unbarmherzig in Gestalt eines jungen Mannes zurück, der sich ganz frech rauchend in die Nähe der AfD-Kundgebung wagte und starr dastand. Der Versuch eines AfD-Funktionärs (»Der provoziert!«), die Polizei zum Eingreifen zu bewegen, war nicht von Erfolg gekrönt. Aber vielleicht ist das alles gar nicht wahr. Laut Lichert kann man der Presse ohnehin nicht trauen. Die Medien litten an »Organversagen«, diagnostizierte der rechte Vordenker. Also bin auch ich krank und die Wahrheit hat die AfD gepachtet, die auf ihrer Facebookseite schrieb: »Mit über 150 Personen waren wir in der Überzahl.«

Meinung

Biedermänner

Seit zweieinhalb Jahren sitzt die AfD im Wetterauer Kreistag. Die zehn Abgeordneten sind dort noch nicht groß aufgefallen, heben mal die Hand und mal nicht, melden sich mal zu Wort und mal nicht, wirken wie Biedermänner (und -frauen). Sie als Faschisten zu bezeichnen, wäre törricht. Aber sie müssen sich vorhalten lassen, einer Partei anzugehören, deren Funktionäre immer wieder durch rassistische, völkische und menschenverachtende Äußerungen auffallen. Äußerungen, die man verharmlost, wenn man sie als bloße Provokationen betrachtet. Die Übergänge ins rechtsextreme Milieu sind fließend, und das ist lange bekannt. Schon 2015 gestand der AfD-Mitbegründer Hans-Olaf Henkel ein, er habe »ein Monster« geschaffen, eine »NPD light«. Das Fußvolk indes marschiert weiter, es kann einem Angst und Bange werden. Wer wissen will, zu was Biedermänner imstande sind, möge dies bei Max Frisch nachlesen. (jw)

Auch interessant

Kommentare