Bis die Menschen dorthin kommen, wo das Fläschchen mit Corona-Impfstoff wartet, ist es ein beschwerlicher Weg. Stunden in der Telefon-Hotline, Stunden am Computer: Nicht jeder hat es geschafft, einen Impftermin im Zentrum in Heuchelheim bei Gießen zu ergattern. Von ihrem persönlichen Impftermin-Horrortrip erzählt die Friedbergerin Uta Jeide-Stengel.	FOTOS: DPA
+
Bis die Menschen dorthin kommen, wo das Fläschchen mit Corona-Impfstoff wartet, ist es ein beschwerlicher Weg. Stunden in der Telefon-Hotline, Stunden am Computer: Nicht jeder hat es geschafft, einen Impftermin im Zentrum in Heuchelheim bei Gießen zu ergattern. Von ihrem persönlichen Impftermin-Horrortrip erzählt die Friedbergerin Uta Jeide-Stengel. FOTOS: DPA

Coronavirus

Erfahrungsbericht: Jagd nach Impftermin wird für Friedbergerin Horrortrip

  • vonRedaktion
    schließen

Die Jagd nach dem Impftermin sorgt für Staunen, Frust, Ärger, Wut - und manchmal doch ein Happy End. Die Friedbergerin Uta Jeide-Stengel schildert ihre Erfahrungen und zeigt Leidensfähigkeit.

  • Uta Jeide-Stengel aus Friedberg schildert ihre Erfahrungen mit der Buchung eines Impftermins.
  • Die Leitungen der Hotline waren ständig besetzt, das Online-Portal stürzte dauernd ab.
  • Mit Glück konnte sie vor Ausbuchung der regionalen Impfzentren Fulda und Heuchelheim einen Termin ergattern.

Friedberg - Aufgrund seines Alters und seiner Vorerkrankungen gehört mein Mann zur ersten Gruppe der Impfberechtigten, und so war es auch mir ein wichtiges Anliegen, für ihn einen Impftermin zu erstreiten. Zwei unserer Freunde, die sich dem Prozedere nicht mehr gewachsen fühlten, hatten mich ebenfalls gebeten, einen Termin für sie zu buchen.

Impftermin: Uta Jeide-Stengel aus Friedberg schildert Erfahrungen

Tag 1. Am Dienstag, dem 12. Januar, starte ich 10 Minuten vor Öffnung um 7.50 Uhr die Terminsuche parallel sowohl im Online-Portal als auch über die Telefonleitungen der beiden angegebenen Nummern 116 117 und 06 11/ 50 59 28 88. Bis 8 Uhr sind alle Verbindungen gesperrt, ab Punkt 8 alle besetzt. Das Online-Portal erscheint nur kurzzeitig auf dem Bildschirm, es bleibt hängen, stürzt dann ab. Die 116 117 ermöglicht für etwa 20 Sekunden ein eher entspanntes Hörvergnügen - höfliche Ansage, Drücken von Taste 1, Drücken von Taste 2, 10 Sekunden musikalische Einlage und dann die höflich Aussage: »Alle Leitungen sind leider besetzt.«

Gegen Nachmittag der erste Hoffnungsschimmer: Nach 10 Minuten Wartezeit kommt es zu einem ersten Gespräch mit einer Serviceangestellten in Wiesbaden. Aber: Ein Zugriff aufs System ist nicht möglich, rufen Sie später wieder an! Wann bzw. ob überhaupt Termine zur Verfügung stehen, kann mir die freundliche Dame am Telefon auch nicht sagen. So geht es den ganzen Dienstagnachmittag weiter. Erschöpft versuche ich gegen 18 Uhr noch mal mein Glück, und siehe da: Die Situation hat sich deutlich verbessert: Das Online-Portal reagiert wieder, ich kann die Daten für meinen Mann eingeben, aber schon beim ersten Klick für die Folgeseite erhalte ich die Rückmeldung: »Die Authentizität der Person ist nicht feststellbar, bitte geben Sie die Daten nach den Angaben des Personalausweises ein.«

Impftermin: Online-Portal stürzt ab, Telefonleitungen belegt

Abgesehen vom zweiten Vornamen meines Mannes sind keine Abweichungen feststellbar, aber auch der Eintrag des zweiten Vornamens rettet das Unterfangen nicht. Anschließend ein zweiter Treffer: Ich erreiche erneut das Wiesbadener Callcenter, die nette Dame am anderen Ende bietet mir pro Person als Zugangsdaten einen achtstelligen Code an. Natürlich ist damit kein Recht auf einen Impftermin verbunden, aber die Daten der angemeldeten Personen sind jetzt im zentralen System hinterlegt und brauchen bei einer Anmeldung nicht wiederholt zu werden.

Nach diesem Teilerfolg erhalte ich einen Anruf: Meine Schwägerin ist ebenfalls erfolglos geblieben. Außerdem warnt sie mich vor der Benutzung der Service-Nummer 116 117. Einmal sei sie durchgekommen, man habe ihr mitgeteilt, dass unter dieser Nummer für unsere Region keine Termine ausgegeben werden.

Impftermin: Nicht genügend Impfstoff vorhanden, daher keine Termine

Tag 2 . Mittwoch, der 13. Januar, beginnt vielversprechender: Das Online-Portal funktioniert, erstaunlicherweise reichen die Daten jetzt für eine Authentifizierung aus, ich erhalte einen Code auf meinen E-Mail-Account und kann von dort über einen Link meinen Mann anmelden. Ja, ich darf sogar auswählen, ob ich sonntags oder werktags, am Vormittag oder am Nachmittag einen Termin haben möchte. Die Anmeldung wird gesendet, allerdings auch postwendend die Antwort: Impftermine können nicht vergeben werden, da nicht ausreichend Impfstoff vorhanden ist. 20- bis 30-mal wiederhole ich meine Anfrage und erhalte stets dieselbe stereotype Auskunft. Auch die Telefonleitung nach Wiesbaden ist jetzt häufiger nach einer 6- bis 10-minütigen Wartezeit erreichbar, ich glaube, dort schon mit den meisten Servicekräften gesprochen zu haben, die teils freundlich, teils genervt, teils mit guten und teils mit stark limitierten deutschen Sprachkenntnissen die stets gleichen ablehnenden Bescheide aussprechen, immer aber mit der aufmunternden Bemerkung, man könne später noch mal anrufen.

Tag 3. Am Donnerstag, dem 14. Januar, erlaube ich mir auszuschlafen und gemütlich zu frühstücken, bevor ich den Kampf wiederaufzunehmen gedenke. Doch noch während des Frühstücks erreicht mich ein Anruf von einer Freundin. Ihre Tochter habe gerade über das Online-Portal für sie die beiden Impftermine erhalten. Sie habe vor Glück geweint.

Diese Nachricht gibt neuen Elan. Meine Versuche aber sind auf beiden Wegen wiederum zum Scheitern verurteilt. Dazu kommt, dass in der Mittagszeit meine Freundin anruft und sich erkundigt, ob ich nun einen Impftermin für sie habe ausmachen können. Etwas gereizt nenne ich ihr Telefonnummer und ihren Zugangscode und fordere sie auf, auf eigene Faust ihr Glück zu versuchen. Zur Mittagszeit geschieht das Unglaubliche: Erfreut berichtet sie mir, sie sei nach mehreren Versuchen nach Wiesbaden durchgekommen und man habe ihr dort auch ihre beiden Impftermine zugeteilt. Als gut gemeinten Tipp empfiehlt sie mir, die Tasten des Telefons schneller zu drücken.

Impftermin: Regionale Impfzentren in Heuchelheim und Fulda ausgebucht

Das Mittagessen bleibt stehen, ich hänge erneut am Telefon. Und wieder dasselbe Spiel. Kein Termin buchbar. Beim letzten Anruf gibt mir eine nette Dame den Hinweis, gegen 16 Uhr gebe es noch einmal neue Termine. Versprechen könne sie nichts.

Neue Hoffnung ab 15.45 Uhr. Aber Misserfolg auf ganzer Linie. Gegen 17 Uhr gebe ich auf. Mein Mann bekundet seine Unzufriedenheit. Wie bei meiner Freundin drücke ich jetzt ihm Telefonhörer und Zugangscode in die Hand mit der Aufforderung zur Selbsttätigkeit. Ich höre die Wiederholungstaste und das Besetztzeichen in Endlosschleife, plötzlich sein hoffnungsvoller Blick. Er reicht mir den Telefonhörer, die Dame am anderen Ende beglückwünscht mich zu zwei Terminen für meinen Mann, und es gelingt mir im Anschluss, auch für unseren Bekannten den Impftermin festzumachen. Umgehend benachrichtigen wir meine Schwägerin in Rodheim, der es tatsächlich im Anschluss ebenfalls gelingt, für sich und andere alte Menschen in ihrem Umkreis Termine auszuhandeln.

Das war tatsächlich Glück auf den letzten Drücker. Am Freitagmorgen steht als Thema auf der Titelseite der WZ zu lesen: »Ausgebucht: In Heuchelheim und Fulda alle Termine vergeben

Nachwort: Trotz Stress und Ärger bei der Terminvergabe empfinde ich doch auch tiefe Dankbarkeit. Denn gerade in der Krise erleben wir bewusst einen Sozialstaat, der seine Solidarität mit den Alten und Kranken auch darin zum Ausdruck bringt, dass er ihnen bei der Vergabe des knappen Impfstoffs Priorität einräumt und so tatkräftig einen Einsatz leistet für den Schutz ihres Lebens.

Das ist nicht selbstverständlich: China verschwendet für diese »nutzlosen« Personen keinen Tropfen des begehrten, knappen Impfstoffs. Er bleibt zunächst jungen, gesunden Menschen vorbehalten, die das Wirtschaftsaufkommen des Staates erarbeiten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare