Opfer von häuslicher Gewalt melden Vorfälle eher, wenn sie allein zu Hause sind. Doch dies ist in Zeiten von Homeoffice womöglich seltener der Fall. (Symbolfoto)
+
Opfer von häuslicher Gewalt melden Vorfälle eher, wenn sie allein zu Hause sind. Doch dies ist in Zeiten von Homeoffice womöglich seltener der Fall. (Symbolfoto)

Kriminalität

Wetteraukreis: Einfluss der Corona-Pandemie auf häusliche Gewalt

  • VonSophie Mahr
    schließen

Die Fälle von häuslicher Gewalt sind 2020 im Wetteraukreis gestiegen. Die Zahl der Inobhutnahmen zum Wohle des Kindes jedoch konstant geblieben. Woran liegt das?

Telefon und Tür klingeln zur selben Zeit. Nebenbei die Frage nach den Hausaufgaben. Und dann ertönt auch noch der Staubsauger im Nebenzimmer. Arbeit, Schule und Haushalt finden zur Zeit bei vielen in den selben vier Wänden statt. Da liegen schnell die Nerven blank. Seit Beginn der Pandemie wurde spekuliert, ob es durch diese vermehrt zu Fällen von häuslicher Gewalt oder Kindesmissbrauch kommen würde.

Wider Erwarten ist die Zahl der Inobhutnahmen zum Kindeswohl im Kreis nach Aussagen des Wetteraukreises konstant geblieben. Aus den Zahlen der Kriminalstatistik 2020 des Polizeipräsidiums Mittelhessen geht zwar ein Anstieg von häuslicher Gewalt im Wetteraukreis hervor, jedoch ist dieser nicht so hoch wie im Vorjahr. Gründe für den geringeren Anstieg könnten in der Dunkelziffer zu finden sein.

Gewalt durch Überlastung

Für einen Anstieg von häuslicher Gewalt durch Corona wurden in der Kriminalstatistik verschiedene Faktoren benannt: »Belastungsfaktoren können die häusliche Isolation oder die Sorgen um Gesundheit und Beruf während der Pandemie sein. Ebenso fehlende Kinderbetreuung und das Fehlen von sozialer Unterstützung.« Während 2019 noch 392 Fälle registriert wurden, waren es 2020 bereits 423 Fälle. Rein statistisch betrachtet, ist der Anstieg von 2018 mit 290 Fällen auf 389 Fälle in 2019 höher ausgefallen. Demzufolge scheint die Pandemie keinen größeren Einfluss auf das Aufkommen von häuslicher Gewalt zu haben.

Was man jedoch nicht außer Acht lassen sollte, ist die Dunkelziffer. »Die Dunkelziffer ist hier aus verschiedenen Gründen immer sehr hoch. Da spielen Scham und Abhängigkeiten eine große Rolle«, sagt Corina Weisbrod, Pressesprecherin der Wetterauer Polizei. »Der Lockdown erschwerte möglicherweise die Kontaktaufnahme von Hilfsangeboten für die Opfer.« Viele Opfer würden einen Vorfall melden, wenn der Täter nicht zu Hause sei. Dies könne in Zeiten von Homeoffice jedoch seltener der Fall sein. »Die Pandemie belastete Familien und Paare häufig auch finanziell, weshalb zusätzliche Abhängigkeiten entstanden, die den Weg aus der Beziehung schwierig erscheinen lassen«, sagt Weisbrod. Gegebenenfalls würden durch die coronabedingte Lage mehr Hürden gesehen, sich Hilfe zu holen.

Meistens Männer als Tatverdächtige

Auch wenn die Polizei bei Fällen von häuslicher Gewalt vor Ort erscheine, komme es nicht immer zu einer Verurteilung der Täter, sagt Weisbrod. Häusliche Gewalt ist ein Offizialdelikt, das heißt, es wird automatisch eine Strafanzeige gestellt. Doch viele Opfer würden entweder keine Zeugenaussage machen oder sie nach dem Einsatz wieder zurückziehen. Ohne Zeugenaussage - keine Verurteilung.

»Die meisten registrierten Tatverdächtigen sind Männer, die Opfer meist die Frauen«, sagt Weisbrod. 2020 habe der Anteil der männlichen Tatverdächtigen bei 291 gelegen, der der weiblichen bei 77. »Es bleibt zu berücksichtigen, dass aus Gründen der Scham Männer vermutlich weniger häufig Anzeige erstatten«, sagt Weisbrod. Es sei davon auszugehen, dass die Dunkelziffer der Taten zum Nachteil von Männern hoch sei.

Keine Auswirkung auf Inobhutnahmen

»Sind Kinder direkt als Opfer betroffen - zum Beispiel durch Schläge - so sprechen wir nicht mehr von häuslicher Gewalt, sondern von Kindesmissbrauch«, sagt Weisbrod. »Aber immer, wenn Gewalt direkt gegen Kinder angewandt wird oder sie indirekt Gewalt in der häuslichen Gemeinschaft erleben, wird aus Fürsorge und Transparenzgründen das Jugendamt in Kenntnis gesetzt.«

Aus einer Mitteilung des Wetteraukreises geht hervor, dass die Zahlen für Inobhutnahmen trotz der Pandemie konstant geblieben sind. 2020 kam es zu 127 Inobhutnahmen, das sind zwar mehr als im Vorjahr mit 109 Inobhutnahmen, aber weniger als 2018 mit 131 Fällen. Bei diesen Zahlen handele es sich um eine normale Varianz und einen moderaten Anstieg und nicht um eine Auswirkung der Pandemie, wie der Pressesprecher des Wetteraukreises mitteilte.

Es sei zu keinem coronabedingten Anstieg der Dunkelziffer gekommen. »Wir haben durch enge Kontakte zu den Familien, über aufsuchende Sozialarbeit in Schulen und durch sozialpädagogische Familienhilfen die Dunkelziffer aus Sicht des Jugendamtes minimieren können«, sagt Kreispressesprecher Michael Elsaß. Ein Anstieg der Inobhutnahmen durch einen Anstieg der häuslichen Gewalt sei nicht erkennbar: »Wir beobachten die Situation, können zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch noch nicht von einem Anstieg sprechen.«

Definitionen

  • Häusliche Gewalt : »Ist die Bezeichnung für Straftaten, die sich im Zusammenleben von häuslichen Partnerschaften begründet. Sie ist kein konkreter Straftatbestand«, sagt Corina Weisbrod, Pressesprecherin der Wetterauer Polizei. »Dabei können verschiedene Delikte in Erscheinung treten. Im häufigsten Fall sind dies Körperverletzungen bis hin zu Tötungsdelikten, aber auch Freiheitsberaubung.«
  • Inobhutnahme : Kinder werden vom Jugendamt in Obhut genommen, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Gründe für Inobhutnahmen sind Vernachlässigung, körperliche und psychische Misshandlung sowie sexuelle Gewalt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare