Im Friedberger Caritaszentrum St. Bardo dürfen aktuell zwei Menschen zeitgleich einen Bewohner besuchen - vorausgesetzt, die beiden Besucher kommen aus demselben Haushalt.	FOTOS: NICI MERZ
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Im Friedberger Caritaszentrum St. Bardo dürfen aktuell zwei Menschen zeitgleich einen Bewohner besuchen - vorausgesetzt, die beiden Besucher kommen aus demselben Haushalt. FOTOS: NICI MERZ

Pandemie-Herausforderungen

Wetterauer Seniorenheime: Zwischen Schutz und Einsamkeit

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Die Zahl der Corona-Infektionen schnellt auch in der Wetterau in die Höhe. Alte Menschen sind besonders gefährdet. Wie meistern Heime das Spagat zwischen sozialen Kontakten und Infektionsrisiko?

Man hat den Einrichtungen die Verantwortung zugeschoben«, sagt Wigbert Dönni, Leiter des Caritaszentrums St. Bardo in Friedberg. Er kann die Lockerung der Besuchsregeln in Seniorenheimen - vor wenigen Wochen seitens des Landes Hessen vorgenommen - nicht nachvollziehen. Nun dürften mehrere Besucher gleichzeitig kommen, sagt Dönni. Doch was bedeute mehrere Besucher? »Sind das zwei oder die Großfamilie?«

Nächstes Problem: Weiterhin müsse ein Besuchstermin vereinbart werden. Das jedoch gestalte sich schwierig. Da man als Seniorenheim-Mitarbeiter weder wisse, wie viele Besucher pro Bewohner kämen, noch wie lange sie blieben, gebe es ein Problem. »Wie sollen Sie denn dann Termine vereinbaren?«

Kreis gibt Empfehlung, macht keine Anordnung

Der St.-Bardo-Leiter kann der Lockerung an sich nichts abgewinnen: »Überall knallen die Infektionen durch die Decke, und bei der größten Gruppe, die am meisten gefährdet ist, da lockern wir jetzt alles Mögliche.« Am Dienstag hat der Wetteraukreis zahlreiche Anordnungen und Empfehlungen herausgegeben, weil der Kreis die nächste Eskalationsstufe überschritten hat (mehr als 35 Neuinfizierte pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche). Bei Seniorenheimen allerdings gibt es lediglich eine Empfehlung, keine Anordnung.

Wie sind Besuche in dem Seniorenheim an der Seewiese geregelt? Nach Rücksprache mit der Heimaufsicht gelte die Maßgabe, dass pro Bewohner zeitgleich zwei Personen zu Besuch kommen könnten - sofern sie aus demselben Haushalt stammten, sagt Dönni. Als Richtzeit gelte eine Stunde - aber: »Ausnahmen gibt es immer.« Man achte darauf, dass sich pro Etage nicht zu viele Besucher gleichzeitig aufhielten. Um die Lage etwas zu entspannen, habe er ein zusätzliches Besucherzimmer einrichten lassen, teilt Dönni mit. So müssten die Besucher nicht mehr durch das ganze Gebäude laufen, um zum Zimmer des Bewohners zu gelangen.

Besuchsverbot für Menschen aus Corona-Risikogebiet?

Was das Einhalten der Regeln betrifft, zeigt sich Dönni ein Stück weit enttäuscht. Auch wenn es sich bei denen, die sich nicht daran hielten, um Einzelfälle handele. »Immer dieses Rumdiskutieren, das sind wir alle satt.« Das Regelwerk könnte noch ausgeweitet werden: Man denke darüber nach, ein Besuchsverbot für Menschen aus einem Corona-Risikogebiet zu verhängen.

Andreas Lorz, Stiftsdirektor des KWA Parkstifts Aeskulap in Bad Nauheim, bemüht sich um Schnelltests, um ein möglichst hohes Maß an Sicherheit zu erreichen. Wenn Senioren aus dem Krankenhaus zurück ins Aeskulap kommen, müssen sie wegen der Pandemie sieben Tage lang auf ihrem Zimmer versorgt werden - ein negativer Schnelltest könnte dies verkürzen. Außerdem könnte man mit einem Test bei einem erkrankten Mitarbeiter feststellen, ob er sich mit Corona infiziert hat oder nicht. Ein Schnelltest könnte auch dann zum Einsatz kommen, wenn ein Bewohner aus dem Urlaub zurückkehre.

Gemeinsam mit den Bewohnern entschieden

Im KWA Parkstift Aeskulap leben insgesamt 270 Menschen in der stationären Pflege beziehungsweise in Wohnungen. Gemeinsam mit den Bewohnern habe man sich für ein Besuchssystem entschieden, sagt Lorz. »Wir haben festgelegt, was wir gerne für Herbst und Winter durchhalten wollen, ohne immer wieder eine Rolle rückwärts und vorwärts zu machen.« Pro Bewohner dürfen jetzt am Tag zwei Besucher kommen. Diese müssen nicht aus dem selben Haushalt stammen. Eine zeitliche Einschränkung pro Besuch gibt es nicht. Die Termine müssen vorher vereinbart werden.

»Ich bin zwiegespalten«, sagt Samirah Pöpel, Leiterin der Bad Nauheimer Seniorenresidenz »Am Kaiserberg«, im Hinblick auf den Spagat zwischen der Sicherheit der Bewohner und deren Bedürfnis nach sozialen Kontakten. Auch sie werde wieder Einschränkungen einführen müssen, einen kompletten Besuchsstopp dürfe es aber nicht mehr geben, sagt Pöpel. Das wäre für die Bewohner zu belastend. Gerade für Demenzkranke bringe auch die digitale Alternative nichts: »Wenn die Besuche plötzlich wegfallen, nutzt ihnen auch kein Tablet.«

Gemeinschaftsräume tabu

Aktuell müssen sich in die Seniorenresidenzen »Im Park« und »Am Kaiserberg« Angehörige und Freunde, die zu Besuch kommen wollen, anmelden und registrieren. »Wir möchten gleichzeitig nicht mehr als 16 Besucher im Haus haben«, sagt Pöpel. In diesem Rahmen komme man mit dem Desinfizieren noch hinterher.

Die allermeisten Besucher halten sich an die Regeln, sagt Pöpel, aber »es gibt leider immer wieder unbelehrbare Menschen«. Zum Beispiel verstehe nicht jeder, dass er direkt ins Bewohnerzimmer gehen müsse - »Gemeinschaftsräume sind tabu.«

Pöpel setzt auf klare Regeln, um soziale Kontakte zu ermöglichen und das Virus aus der Seniorenresidenz herauszuhalten. »Ich bin so dankbar, dass wir bis heute noch keinen Fall hatten.«

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