Wenig Geld im Portemonnaie - in der Corona-Krise kommt dies häufiger vor, Im Zuge der wirtschaftlichen Talfahrt stehen Existenzen auf dem Spiel, Verschuldung droht. SYMBOLFOTO: NICI MERZ
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Wenig Geld im Portemonnaie - in der Corona-Krise kommt dies häufiger vor, Im Zuge der wirtschaftlichen Talfahrt stehen Existenzen auf dem Spiel, Verschuldung droht. SYMBOLFOTO: NICI MERZ

Corona-Schulden-Sog

Wetterauer Schuldnerberater blickt in düstere Zukunft

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Corona richtet enorme wirtschaftliche Schäden an. Die Gefahr, dass sich Unternehmer und Privatleute verschulden, ist groß. Was sagen Wetterauer Schuldnerberater dazu?

Wer sich mit dem Coronavirus infiziert, hat eine Inkubationszeit von einer bis zwei Wochen, bis die Krankheit ausbricht. Überträgt man das auf den Job von Hartmut Goeb, dann dauert es etwas länger. Die Zeitspanne zwischen dem Wegbrechen von Einnahmen und dem Antrag auf ein Insolvenzverfahren zieht sich länger, Goeb arbeitet bei der Caritas, ist neben der Kreisstadt auch zuständig für Wöllstadt, Niddatal und Rosbach. 66 Klienten hatte er 2019 allein in Sachen Schuldnerberatung in seiner Kartei stehen.

Goeb kümmert sich in diesem Bereich ausschließlich um Menschen, die mit ihren privaten Finanzen in Schieflage geraten sind. Es sei denn, er hat Zeit übrig, dann berät er auch Geschäftsleute, die von Schulden geplagt sind. Hartz-IV-Empfänger allerdings sind außen vor, für sie sind die Schuldnerberatung ADN in Bad Nauheim (für den Westkreis) und die FAB in Büdingen (für den Ostkreis) Anlaufstellen.

Zweite Jahreshälfte könnte bitter werden

Seit Beginn der Corona-Maßnahmen habe er zwar keine Zunahme an Insolvenzverfahren erlebt, sagt Goeb, doch sein Blick in die Zukunft fällt negativ aus: Alle Insider würden davon ausgehen, dass in der zweiten Jahreshälfte beziehungsweise Anfang 2021 die Zahlen steigen - bei Privatinsolvenzen um 10 bis 20 Prozent, bei geschäftlichen voraussichtlich um 20 bis 30 Prozent. "Dann werden wir vor Ort mehr gefragt und gefordert werden", sagt Goeb. Er wünscht sich, dass Schuldnerberatung ausgebaut wird, damit mehr Menschen von solchen Angeboten Gebrauch machen können.

Auch bei der ADN Schuldnerberatung in Bad Nauheim blickt man eher negativ in die Zukunft: "Wir gehen davon aus, dass es in der zweiten Jahreshälfte 2020 eine deutliche Zunahme der Verschuldung privater Haushalte geben wird", sagt Hartwig Rüdiger. In den vergangenen Monaten habe die Nachfrage nach Beratungsgesprächen stark abgenommen - beispielsweise wegen Kontaktbeschränkungen, Unsicherheit, Ängsten.

Dennoch: Neben den sonstigen Gründen für Verschuldung, die von der gescheiterten Immobilienfinanzierung über Scheidung bis hin zur unwirtschaftlichen Haushaltsführung reichen, kämen aktuell Einkommensverluste wegen Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Dies "bedingt durch Einsparmaßnahmen auf der Personalkostenseite bzw. Firmen-Insolvenzen".

Schutzmechanismus auf dem Konto

Gerät man in den Schuldenstrudel, dann ist unter anderem das Thema Pfändungsschutzkonten wichtig. In den vergangenen rund zwei Monaten habe er vermehrt diesbezüglich beraten, teilt Goeb mit. Ein Girokonto kann komplett gepfändet werden, ein Pfändungsschutzkonto lässt dem Schuldner einen Freibetrag, der vor dem Zugriff sicher ist - mindestens rund 1180 Euro. Eine wichtige Regelung, wie Goeb anhand eines Beispiels erklärt: Vor einigen Jahren, als es diese Möglichkeit noch nicht gab, habe ein verschuldeter Familienvater einen Herzinfarkt erlitten. Seine Frau sei nicht ans Geld gekommen, der Gläubiger habe die Pfändung nicht aufgehoben - ohne Rücksicht auf die Lage der Familie, die sich dann tagelang von Bekannten Geld habe leihen müssen.

Zurück zum Hier und Jetzt: Auch eine Investition kann negative Folgen haben. Niedrige Zinsen, der Wunsch nach einem Eigenheim - in den vergangenen Jahren wurde viel gebaut. Kommt zum Kredit coronabedingte Kurzarbeit oder gar die Entlassung hinzu, kann man womöglich entweder nicht mehr die Raten bezahlen oder aber man muss sich bei den Lebenshaltungskosten enorm einschränken. "Dann bricht das ganze Bezahlungssystem für das Häuslebauen in sich zusammen", sagt Goeb.

Ein Licht am Ende des Tunnels

Bei allen Sorgen sieht er aber auch Licht am Ende des Tunnels - und zwar beim sogenannten Restschuldbefreiungsverfahren: Die maximale Zeitspanne zwischen dem Beginn eines Insolvenzverfahrens und der Schuldenfreiheit sei Anfang Juli von sechs auf drei Jahre gesenkt worden. Diese Neuregelung gelte für alle Insolvenzverfahren, die ab dem 1. Oktober 2020 beantragt werden. "Das ist eine wesentliche Verbesserung für alle Schuldner, ob privat oder geschäftlich."

ADN in Bad Nauheim

Die ADN Schuldner- und Insolvenzberatung gGmbH kümmert sich um die soziale Schuldnerberatung im Westen der Wetterau. Zu den Klienten zählen Bezieher von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II und SGB XII, zudem Arbeitnehmer, Bezieher von Arbeitslosengeld I, Rentner und Studenten. Sowohl die Schuldnerberatung bei ADN in Bad Nauheim, als auch die bei der Caritas in Friedberg ist kostenfrei.

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