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Wetterauer Schausteller kämpfen um ihre Existenz

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Von: Bernd Klühs

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Das Karussell von Alexander Köhler steht zurzeit auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt. Doch die Einnahmen, die er dort erzielt, sind nur ein Tropfen auf einen völlig ausgetrockneten Stein. ARCHIVFOTOS: CORINNA WEIGELT/OLIVER POTENGOWSKI © Corinna Weigelt

2020 ging gar nichts, in diesem Jahr ein bisschen. Die Schausteller in der Wetterau sind durch Corona arg gebeutelt. Nur dank staatlicher Finanzhilfen können sie sich gerade so über Wasser halten.

Alexander Köhler aus Ober-Florstadt leidet nicht nur wirtschaftlich unter der Pandemie - auch emotional. »Seit ich denken kann, bin ich mit dem Wohnwagen unterwegs. 2020 war das erste Jahr in meinem Leben ohne diese Reisen«, sagt der 51-Jährige, der den 1884 gegründeten Schausteller-Betrieb in vierter Generation leitet. Im März vergangenen Jahres, kurz bevor Corona die Regie übernahm, hatte Köhler den Barbarossa-Markt in Gelnhausen besucht. Danach war Schluss.

Das »Berufsverbot«, wie Köhler es nennt, dauerte bis Ende September 2021. Dann durfte der Familienbetrieb das Herbstmarkt-Ersatzprogramm namens »Herbstfeeling« in Friedberg mitgestalten.

Enttäuscht von »Berufsverbot«

Zurzeit ist der Mann aus Ober-Florstadt sogar an zwei Orten engagiert: In der Kreisstadt hat er seine Eisbahn aufgebaut, auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt das Karussell. »Beides läuft gut, auch wenn die Besucherzahlen deutlich niedriger sind als vor der Pandemie. Fast alle halten sich an die Regeln.«

In Friedberg kontrollieren Mitarbeiter beim Ticketverkauf für die Eisbahn, ob der Besucher geimpft, genesen oder getestet ist. Dort, wo Essen und Glühwein angeboten werden, haben Getestete keinen Zutritt. Nur einer von hundert Gästen beschwere sich. Auch in Frankfurt laufe auf dem dezentralisierten Markt alles reibungslos, zumal Stände mit Alkoholverkauf, für die 2 G gelte, separiert seien. Köhler ist froh, nicht in Bayern oder Sachsen zu arbeiten, wo alles abgesagt wurde.

Wie sein Kollege Peter Roie aus Altenstadt gibt Köhler den Umsatzverlust in 2021 im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten mit etwa 70 Prozent an. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben. »Unser Betrieb würde noch so ein Jahr überleben. Dann müssten Reparaturen und andere Investitionen zurückgestellt werden«, sagt der 51-Jährige. 2021 musste er einen KfW-Kredit aufnehmen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die staatlichen Überbrückungshilfen seien zügig geflossen, deckten aber nur Betriebskosten ab. Danach, wie er seinen Lebensunterhalt finanziere, frage niemand.

50 statt 180 Einsatztage

Auch Peter Roie stammt aus einer alten, 1903 erstmals urkundlich erwähnten Schausteller-Dynastie. Seine drei Kinder haben denselben Beruf ergriffen. Der Betrieb aus Altenstadt ist ebenfalls auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt im Einsatz - mit Karussell und Essensstand. Die großen Fahrgeschäfte wie Taumler oder Disco-Express hat Roie seit 2019 nicht mehr bewegt, höchstens zur TÜV-Abnahme.

»Normalerweise verdienen wir in der Adventszeit das Geld für Investitionen und um die Zeit bis Ende März zu überbrücken. Davon kann diesmal keine Rede sein«, betont Roie. Wie Köhler ist er froh, überhaupt etwas tun zu können, beide fürchten allerdings, dass Großveranstaltungen wie in Frankfurt abgebrochen werden. 2021 bringt es der Altenstädter auf 50 Einsatztage, normal sind 150 bis 180.

Kerb-Absage Schlag ins Kontor

Für die beiden Schausteller war nicht zuletzt die Absage der Bad Nauheimer Straßenkerb ein Schlag ins Kontor. Köhler und Roie sind seit Jahrzehnten dabei, schätzen die traditionsreiche Veranstaltung. Der Florstädter Betrieb besucht dieses Volksfest seit mehr als 90 Jahren, sein Chef ist seit 2021 für die Planung verantwortlich. Ende August habe man sich schweren Herzens zur Absage entschieden.

Wie geht es weiter mit der Schausteller-Branche? »Mein Auftragsbuch für 2022 ist völlig leer«, sagt Roie. Das ist ungewöhnlich, normalerweise werden im November und Dezember erste Verträge zugeschickt. Sie enthalten eine Corona-Klausel, die Schadenersatz bei Absage ausschließt. Ohne Aufträge braucht Roie bei seiner Bank gar nicht nach Krediten zu fragen.

Trotzdem blicken Roie und Köhler mit einem Rest von Zuversicht voraus. Wichtig ist es laut Roie, flexibel reagieren zu können und zu schauen, in welchem Bundesland etwas geht. Er bleibt Optimist, kämpft weiter - auch für die nächste Generation.

Erste Betriebe haben aufgegeben

Die ersten hessischen Schausteller-Betriebe haben bereits aufgegeben. »Die Lage ist katastrophal«, sagt Roger Simak, Geschäftsführer des Landesverbandes der Markthändler und Schausteller. Das Aus komme bei Familienbetrieben oft ohne Insolvenz, falle nicht auf. Allerdings gebe es in Hessen auch ein Überangebot an Betrieben. Alexander Köhler kennt zwei Kollegen, die seit 2021 nicht mehr aktiv sind. »Einer hat auf Lkw-Fahrer umgesattelt«, sagt er.

Nach Ansicht von Simak sind die aktuellen Veranstaltungen aus wirtschaftlicher Sicht fast bedeutungslos. »Das ist der letzte Notnagel, bringt wirtschaftlich gar nichts.« Zudem sei eine kurzfristige Absage zu befürchten.

Aktuell könnten Schausteller nicht planen, hätten keine Zukunftsperspektive, obwohl die Lage in Hessen besser sei als anderswo. Hier gebe es nur wenige Feste mit großen Zelten und viel Alkohol, die in Corona-Zeiten das größte Problem seien. Peter Roie rechnet sogar mit einem »Zurück zu den Wurzeln« nach der Pandemie. Weniger Technik, kleinere Fahrgeschäfte, ausgerichtet auf Familien.

Daran glaubt Simak, der selbst zehn Jahre lang als Schausteller tätig war, nicht. Wenn die Angst vor Corona verschwunden sei, könne die Branche wieder aufblühen . »Idealismus ist auch ein Virus. Ich bleibe optimistisch. Wir können ja nicht das ganze Land dichtmachen.«

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