Kriminalhauptkommissarin Sylvia Jacob weiß, dass die Einbruchschäden oft höher liegen als der Wert der Beute. Sie weiß aber auch, dass zu den materiellen die psychischen Folgen kommen. FOTO: NICI MERZ
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Kriminalhauptkommissarin Sylvia Jacob weiß, dass die Einbruchschäden oft höher liegen als der Wert der Beute. Sie weiß aber auch, dass zu den materiellen die psychischen Folgen kommen. FOTO: NICI MERZ

Nicht Opfer werden

Wetterauer Polizistin sagt Einbrechern den Kampf an

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Die dunkle Jahreszeit, die Zeit der Einbrüche hat begonnen. Hauptkommissarin Sylvia Jacob sagt, wie man bei einem Einbruch reagieren sollte, und welchen Weg Täter am liebsten wählen.

Frau Jacob, wegen der Corona-Pandemie ist sowieso jeder zu Hause. Da dürfte doch eigentlich niemand auf die Idee kommen, einzubrechen. Ist das ein Mythos?

Durch Corona sind die Einbrüche deutlich weniger geworden, weil so viele Leute zu Hause sind, aber wir sind ja nicht alle rund um die Uhr zu Hause. Die Leute gehen immer noch einkaufen oder spazieren oder sonst etwas. Eine kurze Abwesenheit reicht schon aus. Einem Einbrecher reichen knapp zehn Minuten.

In den zehn Minuten müssen sich die Einbrecher erst mal orientieren, wo der Schmuck liegt.

Das geht relativ einfach. Sie können davon ausgehen, dass Einbrecher immer als allererstes ins Schlafzimmer gehen, weil der Schmuck meistens tatsächlich im Schlafzimmer ist. Und das Geld wird häufig noch im Schlafzimmerschrank aufbewahrt.

Sind die Täter in den seltensten Fällen Menschen, die die Opfer kennen und deshalb schon vor dem Einbruch wissen, was bei ihnen zu holen ist?

Das kommt natürlich auch vor, wir haben auch Täter aus demselben Ort. Aber das Gros der Einbrecher sind die, die gezielt durch Deutschland reisen, um Einbrüche zu begehen. Sie suchen sich ein Haus einfach danach aus, ob es so aussieht, als wäre jemand zu Hause oder eben nicht. Ein Großteil aller Einbrüche passiert, wenn Sie nicht zu Hause sind.

Gibt es aber auch viele Fälle, bei denen die Bewohner während des Einbruchs zu Hause sind?

Ja, das kommt auch vor, aber wirklich selten. Ich habe gerade zwei Fälle in der Wetterau, bei denen der Täter an der Terrassentür hantiert hat und die Leute zu Hause waren. Als die sich dann bemerkbar machten, gaben die Täter auf.

Gibt es auch öfters Einbrüche, die in Gewalt gegen die Bewohner ausarten?

So gut wie nie. Man muss sagen, in der Regel sind Einbrecher nicht gewalttätig. Sie scheuen eigentlich den Kontakt zum Bewohner. Deswegen sollte man sich bemerkbar machen, wenn man mitbekommt, dass da jemand am Fenster, an der Terrassentür ist. Man sollte aber nicht die Konfrontation mit dem Täter suchen.

Also eher ein lautes Geräusch im Stockwerk darüber machen?

Oder das Fenster aufmachen und schreien: "Ich rufe die Polizei!" Oder die Außenbeleuchtung oder Lichter im Haus anmachen.

Ist bei Einbrüchen in Wohnhäuser nach wie vor die Nähe zur Autobahn ein entscheidendes Kriterium für die Täter?

Ja. Während des ersten Lockdowns Anfang des Jahres waren die Grenzen zu. Da hatten wir hier wirklich total wenige Einbrüche. Die suchen sich in der Regel Gebiete aus, die gute Anschlussstellen haben, sei es die Autobahn, sei es eine gute Schnellstraße. Je abgelegener ein Ort ist, desto weniger wird eingebrochen.

Sind es oft Täter, die aus dem Ausland operieren?

Ja, häufig haben wir das schon: Ausländische Banden, die gezielt durch Deutschland reisen und Einbrüche begehen. Aber natürlich nicht nur. Wie gesagt, es ist auch mal der heimische Täter. Und gerade jetzt vor der Weihnachtszeit wird das Geld mal knapp, und auch wegen Corona wird vielleicht der eine oder andere so klamm, dass er sich denkt, jetzt muss ich mal sehen, dass ich woanders her Geld bekomme.

Erleben Sie als Präventionsberaterin einen großen Ansturm?

Viele wissen tatsächlich immer noch nicht, dass es uns gibt, dass wir kostenlos eine Einbruchschutzberatung anbieten. Jetzt zu Corona-Zeiten fahren wir nur in ganz dringenden Fällen vor Ort, versuchen erst mal, telefonisch oder per E-Mail eine Beratung zu machen, das funktioniert aber auch ganz gut. Man kann das zum Beispiel auch so regeln, dass uns die Leute - nach Rücksprache mit uns - von ihrem Fenster ein Foto schicken, und wir gucken da nach der Verriegelung. Wenn eingebrochen wurde, verweisen die Kollegen, die den Tatort aufnehmen, auf uns und lassen ein Kärtchen da. Und wir fahren auch jetzt zu Corona-Zeiten hin, wenn eingebrochen wurde, wenn nachgesichert werden soll. Für Neubauten bieten wir den Leuten an, mit ihren Bauplänen zu uns zu kommen, und bevor Fenster und Türen bestellt werden, überlegen wir, wo es sinnvoll ist, einbruchsichere Fenster und Türen reinzumachen.

Die Interessenten sind genauso Senioren wie auch die junge Familie, die gebaut hat?

Genau, es sind auch viele junge Leute mittlerweile. Und häufig Senioren, denn es ist natürlich auch eine Kostenfrage, einbruchtechnisch aufzurüsten. Etwas Ältere haben dafür vielleicht eher mehr Geld als die junge Familie, die gerade erst gebaut hat.

Auf welchem Weg kommen Einbrecher eigentlich meistens rein?

Man kann tatsächlich sagen: Am liebsten durch Terrassentüren, weil die meistens im Garten liegen, der auch schön zugewachsen ist, damit die Nachbarn einem nicht auf den Teller gucken können. Je geschützter der Garten ist, desto geschützter ist natürlich auch der Einbrecher.

Dass Einbrecher meistens nachts kommen, ist ein Mythos, oder?

Genau, das ist die Angst, die alle Leute haben. Aber über 80 Prozent aller Einbrecher kommen tagsüber.

Was natürlich jetzt bedeutet: Tagsüber ist es auch teilweise dunkel.

Ja genau, und von Oktober bis April ist ja auch die Haupteinbruchzeit, weil es eben früh dunkel wird und die Einbrecher, wenn sie die Straßenzüge durchgehen und gucken, natürlich gleich am unbeleuchteten Haus erkennen, dass da niemand zu Hause ist.

Gibt es auch oft Fälle, bei denen der Sachschaden, der durch den Einbruch an sich, zum Beispiel durch das Aufbrechen der Tür oder das Zerschlagen des Fensters, entsteht, höher ist als die Beute?

Das ist tatsächlich so, denn in den meisten Fällen klaut der Einbrecher nur Schmuck und Bargeld. Wenn die Leute kein Bargeld und auch keinen großartigen Schmuck zu Hause haben, dann ist der Schaden am aufgebrochenen Fenster weit größer als die Höhe des Diebesgutes. Was man aber natürlich nie unterschätzen darf, ist der Schaden, der in der Psyche angerichtet wird.

Haben Sie auch noch Kontakt zu Leuten, die über die psychischen Folgen sprechen?

Ja, viele Leute haben echt ein Problem - Leute, die sagen: "Ich hätte nie gedacht, dass mich das so belastet, wenn eingebrochen wird und wir nicht zu Hause sind." Das Sicherheitsgefühl im eigenen Haus geht dann einfach verloren. Ich hatte tatsächlich schon Leute, die sind dann ausgezogen, weil sie es nicht mehr in der Wohnung oder im Haus ausgehalten haben.

Kann man nach einem Einbruch so aufrüsten, dass man sich wieder sicher fühlt?

Es bringt den Leuten tatsächlich was, wenn sie dann aufgerüstet haben - auch für sie sichtbar. Wenn sie eine Sicherung angebracht haben, die man direkt sieht, wenn man auf das Fenster schaut.

Zusatzinfos: Im Schnitt fast jeden Tag ein Einbruch in der Wetterau

Laut polizeilicher Kriminalstatistik gab es im Jahr 2019 in der Wetterau 352 Wohnungseinbrüche. Im Gesamtgebiet des Polizeipräsidiums Mittelhessen waren es 924. Dieses Gebiet umfasst neben der Wetterau auch den Lahn-Dill-Kreis, den Kreis Gießen und den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Rund die Hälfte aller Einbrüche wird laut Polizei im Versuchsstadium abgebrochen. Dies liege nicht nur, aber zum großen Teil daran, dass die Täter aufgrund vorhandener Sicherheitstechnik nicht innerhalb kürzester Zeit ins Gebäude gelangt seien. Kriminalhauptkommissarin Sylvia Jacob: "Diese Zahlen bestätigen ja auch noch einmal, dass vernünftige Sicherheitstechnik durchaus sinnvoll ist."

Um das Bewusstsein für die Sicherheit des eigenen Hauses oder der eigenen Wohnung zu schärfen, wird die WZ in den kommenden Wochen in loser Folge Comics samt kurzen Begleittexten veröffentlichen, die sich jeweils mit einem Mythos in Sachen Einbruchschutz befassen. Wetterauer, die sich gegen Einbrecher schützen möchten und dazu Tipps benötigen, können sich an Sylvia Jacob (Telefonnummer 0 60 32/91 81 13 oder E-Mail an beratungsstelle.ppmh @polizei.hessen.de) wenden.

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