Conny Ster hat Hilfsmittel wie ein Farberkennungsgerät für ihre Wäsche.
+
Conny Ster hat Hilfsmittel wie ein Farberkennungsgerät für ihre Wäsche.

Sehbehindertentag

Wetterauer erzählen: Nicht sehen in einer sehenden Welt

  • vonMarion Müller
    schließen

Vor allem der Sehsinn hilft uns, uns im Alltag zurecht zu finden. Zum heutigen Sehbehindertentag schildern wir, vor welchen Herausforderungen sehbeeinträchtigte Menschen stehen.

Betreten wir eine neue Umgebung, schauen wir uns um und finden uns zurecht. Das haben wir vor allem unserem Sehsinn zu verdanken. Doch was ist, wenn dieser eingeschränkt ist oder fehlt?

Sehende kommen oft in Verlegenheit, sagen sie etwa zu einem blinden oder sehbehinderten Menschen: Schau dir das mal an. Doch "unsere Welt ist sehend aufgebaut", sagt Gisela Troost, Reha-Lehrerin an der Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg. Auch im Sprachgebrauch sei "Sehen" soweit verankert, dass auch sehbeeinträchtigte Menschen diese Aussagen nutzten. Aber nicht nur die Sprache ist auf das Sehen ausgerichtet. Auch der Alltag.

Sehbehindertentag: "Das ›Abfummeln‹ ist mehr ein Klischee"

Ein verbreitetes Klischee ist, sehbeeinträchtigte Menschen würden besser hören. Doch das stimme so nicht, sagt Conny Ster. "Wir hören nicht besser, sondern wir achten mehr darauf." So habe sie den Fernseher ihrer Kinder früher gehört, obwohl sie den Ton ausgeschaltet hatten. "Die Röhrenfernseher haben so einen hohen Ton gehabt", erklärt sie. Apropos Fernseher: In Filmen tasten Blinde oft das Gesicht von anderen ab, um dieses "sehen" zu können. "Das ›Abfummeln‹ ist mehr ein Klischee", sagt Ster. Sie möge das nicht und kenne niemanden in ihrem Blinden-Umfeld, der das tue.

Die Mutter zweier inzwischen erwachsener Söhne ist mit zwölf Jahren erblindet. Bei der Geburt habe sie zu wenig Sauerstoff bekommen. Daraufhin haben die Ärzte ihr Sauerstoff zugeführt - allerdings zu viel. Die Netzhäute wurden beschädigt. In der Pubertät verschlechterte sich dann das Sehen, bis sie vollständig erblindet ist.

Sehbehindertentag: Wahrnehmung eine völlig andere

Sehende versuchen ihre Wahrnehmung gerne auf andere zu übertragen, sagt Troost. Doch für blinde oder sehbehinderte Menschen sei die Wahrnehmung eine völlig andere. Vor allem, wenn Menschen von Geburt an blind seien. Ein Beispiel: Ein sehendes Kind malt ein Haus, unten ein Viereck, darauf ein Dreieck als Dach. Die Wahrnehmung für einen blinden Menschen ist da eine andere. Sie fühlen etwa die Türklinke, die Mauer oder ein Fenster. Ein Haus kann für sie somit nur aus diesen Dingen bestehen und ist für sie trotzdem ein Haus.

Ster empfindet es als Erleichterung, als Kind gesehen zu haben: "Ich kann mir Farben vorstellen, weiß noch wie eine Wiese aussieht oder der Sonnenuntergang." Allerdings bedauere sie es, dass sie nie ihre Enkelkinder sehen kann. "Das nervt mich." Manchmal fehle es ihr auch, ins Auto zu steigen und irgendwo hinzufahren.

Sehende unterscheiden häufig nur zwischen blind oder sehend. Troost erklärt, warum: "Es gibt eine Sensibilisierung für Blinde schon länger." Daher gingen sehbehinderte Menschen oft unter. In der Johann-Peter-Schäfer-Schule seinen anfangs Boden und Wände grau gewesen und die Beleuchtung schwach. Nach dem Motto: "Es sieht ja eh keiner." Doch die meisten Schüler seien hier nicht blind, sondern haben eine Sehbehinderung. Starke Kontraste, klare Kanten und gute Beleuchtung seien daher enorm wichtig. Inzwischen gibt es etwa in jedem Stockwerk extra große Beschriftungen an der Wand, die die Stockwerke kennzeichnen.

Rehalehrerin Alexandra Hojczyk zeigt die extra große Beschriftung für die Stockwerke. Diese helfen den Schülern bei der Orientierung.

Sehbehindertentag: In der Wetterau "noch Potenzial"

Außerhalb der Schule sei es für sehbehinderte Menschen oft schwieriger: "In Bad Nauheim ist das Leitsystem dunkel und unauffällig gestaltet", erklärt Troost. Durch den fehlenden Kontrast zu dem übrigen Straßenbelag falle es sehbehinderten Menschen schwer, diesem Leitsystem zu folgen. Generell gebe es in der Wetterau "noch Potenzial", sagt Alexandra Hojczyk, ebenfalls Reha-Lehrerin.

Conny Ster hat Hilfsmittel wie ein Farberkennungsgerät für ihre Wäsche.

Auf digitaler Ebene gibt es bereits viele Dinge, die sehbeeinträchtigten Menschen helfen: Zum Beispiel Software wie "Seeing AI" für Smartphones. Diese erkennt Objekte oder Texte mithilfe der Kamera und beschreibt diese. So können etwa Währungen erkannt oder auch Touch-Geräte bedient werden. Ster habe zudem ein Farberkennungsgerät für ihre Wäsche oder eine Folie mit fühlbaren Linien für den Messbecher. Doch laut den Reha-Lehrerinnen könne es noch mehr geben. Es brauche nur wenige Dinge, um den Alltag von blinden und sehbehinderten Menschen zu vereinfachen: Große und kontrastreiche Schrift, gute Beleuchtung, Leitsysteme auf dem Boden oder auch Fahrkartenautomaten, die nicht so blenden und dadurch besser lesbar sind.

Conny Ster hat an ihrer Waage fühlbare Linien.

Sehbehindertentag: Herausforderungen im Alltag mit Corona

Die Corona-Krise stellt blinde oder sehbehinderte Menschen noch mehr vor Herausforderungen: Conny Ster fällt es schwer, Abstand zu halten, da sie diesen nicht sehen kann. Außerdem könne sie nicht sehen, ob der Gesprächspartner eine Maske trage. Das gebe ihr ein ungutes Gefühl. Reha-Lehrerin Gisela Troost erklärt, dass sehbehinderte Menschen durch die Masken oft nicht erkennen können, wer gegenüber steht, da auch die Stimme gedämpft ist. Conny Ster geht zur Zeit ungern einkaufen. Als Blinde müsse sie viel mehr Dinge anfassen, um sie zu erkennen: "Ich habe da doch etwas Angst."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare