Auch für Jochen Ruths und seine Mitarbeiter in Friedberg und Bad Nauheim sind harte Zeiten angebrochen. Er setzt auf Kurzarbeit, um die Krise zu meistern.
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Auch für Jochen Ruths und seine Mitarbeiter in Friedberg und Bad Nauheim sind harte Zeiten angebrochen. Er setzt auf Kurzarbeit, um die Krise zu meistern.

Geschlossene Läden

Einzelhandel in der Corona-Krise

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Deutschland macht dicht. Viele Wetterauer Geschäfte auch. Ab sofort gilt wegen Corona die Vorschrift, die Händler und ihre Angestellten in den wirtschaftlichen Überlebenskampf stürzen könnte.

Wer nicht kämpft, hat schon verloren«, sagt ein vielbeschäftigter Jochen Ruths am Dienstag. Bei Corona ist alles schnelllebig, so ist es auch mit der Beschäftigung. Von heute an haben Ruths und seine etwa 40 Mitarbeiter wenig bis gar nichts zu tun. Am Dienstag herrschte hinter den Kulissen des Friedberger Modehauses noch Hochbetrieb. Die Entscheidung der Bundesregierung, ab Mittwoch sämtliche Geschäfte in der Republik, die für den täglichen Bedarf nicht unmittelbar wichtig sind, zu schließen, versetzt auch der Wetterauer Wirtschaft einen heftigen Schlag.

Inhaber und Mitarbeiter sind von jetzt auf gleich mit Existenzangst konfrontiert. Wird man die Corona-Krise wirtschaftlich überleben? Wie lange wird sie dauern? Und was macht man in der Zwischenzeit? Die Geschäftsleute können nur auf Sicht fahren, müssen versuchen, sich über Wasser zu halten, auf die Worte von Politikern vertrauen, dass sie finanziell nicht im Stich gelassen werden.

»Der Andrang ist sehr überschaubar«, sagt Ruths an seinem vorerst letzten Öffnungstag. Klar, Hamsterkäufe gibt es bei WC-Papier und Nudeln, nicht aber bei Hemden und Hosen. Im Hintergrund aber ist viel zu tun. Ruths und sein Team verhandeln mit Lieferanten, denn Lieferungen müssen eingestellt werden. Zudem wird im Modehaus auf der Friedberger Kaiserstraße mit Hochdruck auf Kurzarbeit umgestellt. »Kurzarbeit ist im Handel äußerst ungewöhnlich«, sagt Ruths, der Präsident des Handelsverbands Hessen ist. Die Kurzarbeit ist nach seiner Ansicht das beste Mittel, um das wirtschaftliche Überleben zu versuchen, doch auch diese Zahlungen müsse er vorfinanzieren.

Corona-Krise: Es muss gehandelt werden

»Wir sind tendenziell alle in Schockstarre«, gibt der Geschäftsinhaber zu. Doch für die Starre bleibt keine Zeit. »Hier überlegst du nicht mehr in Ruhe, hier muss gehandelt werden.« In der nächsten Zeit werde er die Kommunikation über die Sozialen Medien weiterlaufen lassen, kündigt Ruths an. Kunden zu beliefern, sei für ihn kaum eine Option, auch wenn er im Einzelfall noch etwas abarbeiten wolle. »Aber für mich ist das kein Geschäftsmodell.«

Henry Christopher Alt von »Strese 4« in der Bad Nauheimer Fußgängerzone sieht den Lieferservice durchaus als Option. Er hat allerdings auch eine ganz anderes Warenangebot: Düfte, Kosmetik, Interieur. »Für den Einzelhandel ist es eine Katastrophe. Die Lager sind voll, und die Geschäfte sind zu«, sagt Alt - auch wenn er denn Sinn der Maßnahme einsieht. Eine der großen Unsicherheiten lautet: Wie lange haben die Geschäfte geschlossen? »Wir hoffen und gehen davon aus, dass es erst mal maximal so lange dauert wie die Schulschließung. Alles was darüber hinaus geht, ist natürlich existenzbedrohend«, sagt Alt. Die Kunden seien »genauso geschockt wie wir«.

Er appelliert an sie, jetzt nicht alles im Internet zu bestellen. Alt geht kreativ mit der misslichen Lage um. Definitiv werde er einen Service anbieten, bei dem er Kunden entweder Waren an die Haustür liefere oder vor sein Geschäft stelle. Schließlich bleibe sein Laden telefonisch und online erreichbar.

»Die Zahl der Kunden hat in den letzten zwei, drei Tagen zugenommen, weil sich die Leute eingedeckt haben«, berichtet Stefan Feigenspan vom gleichnamigen Spielzeuggeschäft in der Bad Nauheimer Parkstraße. Natürlich muss auch er seinen Laden vorübergehend schließen, und natürlich schläft auch er schlecht. Für seine Kunden dürfte die Zwangspause ebenfalls ein schwerer Schlag sein, denn gerade in Zeiten, in denen Kinder nicht auf den Spielplatz, nicht zum Training, nicht in die Kita dürfen, braucht es Spiele zu Hause. Und die hat Feigenspan normalerweise im Angebot. Am Dienstag haben sich Kunden also noch mal mit Spielen, Malbüchern und Rätselheften eingedeckt.

Corona-Krise: Floristin ist verunsichert

»Mir geht es richtig an den Kragen«, bringt eine verunsicherte Birgit Lenthe ihre Sorgen auf den Punkt. Am Dienstagmittag wusste die Friedberger Floristin noch nicht, was sie ab Mittwoch darf und was nicht. »Niemand, aber auch niemand kann Ihnen was sagen«, beklagt sich die Inhaberin der Blumengalerie Lenthe auf der Kaiserstraße. Sie sieht ihr Geschäft auch als Dienstleistungsunternehmen, sie verkaufe oft für Beerdigungen, gerade komme sie von einer, gleich wolle sie zur nächsten. Floristik geht eben über den reinen Blumenverkauf im Geschäft hinaus. Außerdem müsse sie für ihren Laden auch Miete bezahlen, sagt die Chefin.

Eine vertrackte Situation für das Geschäft, das seit 1984 existiert, und für das vierköpfige Team. Sie wolle ein »riesengroßes feuerrotes Schild mit ihren Kontaktdaten« am Laden platzieren. Schließlich möchte Lehnte gerne weiter für ihre Kunden da sein. Ihr Laden ist übrigens komplett voll mit Ware, am Montag hatte sie ganz normal eingekauft. Pflanzen, die irgendwann kaputt gehen.

Die heimischen Händler hoffen, dass es ihren Geschäften nicht so geht wie den Pflanzen. Ein kleiner Lichtblick für Floristen kommt aus Gelsenkirchen. Die WZ hat beim dort ansässigen deutschlandweiten Fachverband nachgehört. Die Auskunft: Blumenläden müssen schließen, ausliefern und auch Gräber bepflanzen, das dürfen sie weiterhin.

Corona-Krise: Folgen nicht absehbar

»Ich denke, die Auswirkungen dieser Krise werden sich weit bis ins nächste Jahrzehnt hinziehen«, sagt Natascha Schmidt, Vorsitzende des Vereins »Erlebnis Bad Nauheim«. Ihm gehören etwa 50 Mitglieder - vor allem Geschäftsleute - an. Schmidt ist an diesem Dienstag, dem vorerst letzten Öffnungstag für zahlreiche Läden, viel unterwegs zu ihren Benetton-Geschäften in Bad Nauheim, Friedberg, Bad Vilbel und Fulda. Es muss einiges geregelt werden, die Realität wird von Corona eingeholt.

Die Folgen der vorübergehenden Geschäftsschließungen sind heute noch gar nicht absehbar, sagt Natascha Schmidt. Im Kampf gegen den Coronavirus sei das »sicherlich ein wichtiger Schritt und unvermeidbar. Das ist, glaube ich, jedem klar. Aber für viele ist es existenzbedrohend.« Am Montag habe der Vorstand von »Erlebnis Bad Nauheim« getagt. Dort sei besprochen worden, wie man weiter vorgehen und was man nach dem Ende der Schließungsphase tun wolle. Eines sei dabei sehr deutlich geworden: »Dass wir auf jeden Fall solidarisch zusammenstehen.«

Nun müsse geschaut werden, was in Sachen KfW-Kredite, Entschädigungen und Soforthilfen getan werde. Für den stationären Modehandel sei die Lage sowieso schwierig. In ihren eigenen Geschäften sollten noch angelaufene Arbeiten, zum Beispiel im Lager, erledigt werden, außerdem versuche sie, die Situation über Kurzarbeit und den Abbau von Überstunden zu meistern, erläutert Schmidt. Die Läden seien voll, die komplette Frühlingsware angeliefert. Das Problem: »Modische Ware hat eine kurze Halbwertszeit.« Anders gesagt: Im Juli lässt sich kein Pullover mehr verkaufen.

Neben dem Einzelhandel sind ab heutigen Mittwoch auch die Fahrschulen in der Wetterau geschlossen. Unterdessen hat der Wetteraukreis angekündigt, auch bei Verdachtsfällen, keine Tests mehr zu machen. Allerdings ist die Zahl der Infizierten deutlich gestiegen.

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