Wegen krankheitsbedingten Einschränkungen bei der Post-Annahmestelle in seiner Assenheimer Bäckereifiliale sind Tobias Ulrich und sein Team beleidigt worden.
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Wegen krankheitsbedingten Einschränkungen bei der Post-Annahmestelle in seiner Assenheimer Bäckereifiliale sind Tobias Ulrich und sein Team beleidigt worden.

Pandemie

Wetterauer Bäcker wehrt sich gegen Pöbeleien – „Ton rauer geworden“

  • Christoph Agel
    VonChristoph Agel
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Bäckermeister Tobias Ulrich aus Friedberg-Dorheim (Wetterau) platzt der Kragen: Er und sein Team sind anonym bepöbelt worden. Hinzu kommt eine rassistische Beleidigung. Ulrich macht seinem Unmut in einem Video Luft.

Friedberg – »Sehr geehrte Kunden, auch ich als lustiger Mensch werde ab und zu sehr ernst. Vor allem, wenn es um mein Unternehmen geht«, sagt Tobias Ulrich, das Gesicht dabei dicht an der Kamera, enttäuschter Blick, bedrückte Stimme. Der Chef der gleichnamigen Bäckerei mit Filialen in Dorheim, Assenheim und Wohnbach und einer »Food-Station« in der Bad Nauheimer Sankt-Lioba-Schule ist gerade ziemlich aufgebracht. Er ärgert sich sehr darüber, dass er neulich in einem Telefonat beschimpft worden sei, ohne dass sich der Anrufer zu erkennen gegeben habe, zudem habe er E-Mails bekommen, in denen die Bäckerei Ulrich als »Drecksladen« bezeichnet worden sei. »Das ist die Bäckerei Ulrich mit ganz großer Sicherheit nicht«, sagt Ulrich in dem Video, das auf der Facebook-Seite der Bäckerei hochgeladen worden ist.

116 Jahre altes Unternehmen in Friedberg: Mitarbeiterinnen wurden von Kunden rassistisch beleidigt

»Nichts ist mir wichtiger als meine Mitarbeiter und dass es meinem Betrieb gut geht«, sagt Ulrich in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Seit er das 116 Jahre alte Unternehmen vor zehn Jahren von seinem Vater übernommen habe, sei die Belegschaft von dreieinhalb Stellen auf etwa 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewachsen. »Ich glaube dass ich in der Zeit ein klaa bissche was geschafft habe«, sagt Ulrich mit leichtem Mundart-Einschlag.

Sein Beruf macht ihm einfach Spaß. Gar keinen Spaß bereitet es ihm, wenn er sich mit Vorkommnissen wie diesem konfrontiert sieht: Eine Mitarbeiterin, geflohen aus Äthiopien und »mittlerweile A-Azubi der ersten Güte«, und ihre aus Brasilien stammende Kollegin, seien in der Assenheimer Filiale rassistisch beleidigt worden. Das ist etwas, weswegen ihr Chef an die Decke geht. Die Damen hätten jetzt die Order, sollte so etwas noch einmal vorkommen, die elektrisch gesteuerte Tür zugehen zu lassen und die Polizei zu rufen.

Anrufer beschwert sich über Öffnungszeiten der Poststelle in Wetterauer Bäckerei

Ein anderes Erlebnis, auf das man gerne verzichten würde: Vor rund zwei Wochen habe ein Mann angerufen und sich darüber beschwert, dass die Poststelle in der Assenheimer Filiale nicht wie gewohnt geöffnet gewesen und die Einschränkung nicht im Internet bekannt gegeben worden sei, sagt Tobias Ulrich. Diese Information hing allerdings, sagt der Bäcker, bereits zwei Wochen vor dem Anruf in der Bäckerei und außen an der Scheibe und am Aufsteller. Der Anrufer habe den eigenen akademischen Titel betont, woraufhin Ulrich auf seinen Meistertitel verwiesen habe. Über den wiederum sei der Anrufer hergezogen, habe behauptet, als Meister sei Ulrich ja nur ein »unterbemittelter Mensch«.

Wetterauer Bäcker macht sich in einem Video Luft: zunehmende Aggressivität in Corona-Zeiten

Die Aggressivität habe in Corona-Zeiten zugenommen, sagt Tobias Ulrich. »Ich höre das überall, dass der Ton rauer geworden ist. Ich finde das richtig schade.« Der Anrufer habe zuvor ein Paket abgeben wollen, das hätten die Verkäuferinnen aber nicht mehr angenommen, weil die Poststelle geschlossen gewesen sei, sagt Ulrich. Dazu erläutert er, dass Abrechnung und Übermittlung nicht mehr vorgenommen werden können, wenn die Annahmestelle gerade geschlossen sei. Heißt: »Das muss über das System laufen, das Paket kann nicht einfach angenommen werden.«

Im Video erklärt der Chef auch, dass laut Post-Partnervertrag die Annahmestelle in Notsituationen zwei Stunden am Tag geöffnet sein müsse. »Was wir bei Weitem garantieren und viel darüber hinaus.«

Wetterauer Bäcker Ulrich berichtet von den Folgen der Pandemie: Einbußen und Long Covid

Die Beleidigungen und Pöbeleien kommen für Ulrich in einer nicht gerade einfachen Zeit. Er und sein Mann hatten sich im vergangenen Jahr mit dem Coronavirus angesteckt, die Bäckerei Ulrich befand sich in der letzten Novemberwoche und der ersten Dezemberwoche 2020 in Quarantäne. Zwei Wochen geschlossen, das bedeutete massive finanzielle Einbußen, wie Tobias Ulrich schildert. Das Geschäft laufe auch heute noch nicht so wie vor der Pandemie, schließlich fänden Veranstaltungen, bei denen die Bäckerei gefragt wäre, kaum statt.

Ulrich leidet zudem an Long Covid, »Ich arbeite normalerweise wie ein Gaul - und das gerne, weil mein Beruf für mich Berufung ist«, sagt der 50-Jährige. Nach der Quarantäne habe er aber an manchen Tagen Angst davor gehabt, er könnte mit seiner Arbeit nicht fertig werden. Das sei nach wie vor eine mentale Sache. »Sie werden von Ihrem eigenen Kopf verarscht.«

Wetterauer Bäcker fordert den anonymen Anrufer im Video auf

Nun die Situation, dass vier Mitarbeiterinnen krank sind, zuvor waren es sieben im Krankenstatus. Deshalb läuft es mit der Post-Annahmestelle derzeit nicht wie gewohnt. Dass daraufhin in der beschriebenen Weise gegen sein Team und sein Unternehmen gepöbelt wird, macht Tobias Ulrich traurig. Das gilt auch für die Anonymität, in der das geschehe. In seinem Video wendet sich der Bäckermeister an den Mann, der ihn am Telefon beleidigt hat: »Rufen Sie mich doch gerne an, und zwar mit Namen, damit wir uns anständig darüber unterhalten können.«

Bäckermeister bekommt Unterstützung

Bei allem Ärger kann sich Bäckermeister Tobias Ulrich auch über jede Menge Zuspruch freuen: »Während der Corona-Quarantäne hatten mein Mann und ich jeden Tag Blumenstöcke und selbst gebackene Plätzchen vor meiner Tür. Das spiegelt meine Kundschaft wider.« Ulrich, der mit 16 Jahren erst eine Konditorlehre begonnen und später eine Bäckerlehre draufgesetzt hat, bekommt auch viel Unterstützung auf der Facebook-Seite der Bäckerei. In der Kommentarspalte unter dem besagten Video heißt es unter anderem: »Das Team ist immer super freundlich und herzlich.« Oder: »Lasst euch bitte nicht von solchen dummdreisten Angriffen unterkriegen.« Oder: »Das macht mich fassungslos Was ist denn nur los mit der Menschheit?? Schafft man es heutzutage nicht mehr, auf Augenhöhe und mit Respekt einen Dialog zu führen?? Muss man denn so austicken und es dir und deiner Belegschaft so schwer machen??«

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