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Krebsgefahr, Überwachungsstaat, Baumsterben: Die Kritiker aus der Wetterau warnen eindringlich vor der Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5 G.

Petition gestartet

Wetterauer 5G-Gegner: "Wir sind die Versuchskaninchen"

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Der Mobilfunkstandard 5 G verschafft Handynutzern schnelle Übertragungsraten und der Industrie ungeahnte Möglichkeiten. Er beschert dem Staat Milliarden - und er macht die Menschen krank. Davon ist eine Gruppe Wetterauer überzeugt.

Gut 100 Mal schneller als LTE soll es sein, in der Industrie die Automatisierung von Produktionsprozessen optimieren und autonomes Fahren ermöglichen. Doch es gibt Widerstand gegen die Einführung der fünften Mobilfunkgeneration 5 G, deren Frequenzen für 6,55 Milliarden Euro an die Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica und Drillisch verkauft wurden. Fehlende Langzeitstudien, die Auswirkungen bisher nicht genutzter Frequenzbereiche und der Bau vieler zusätzlichen Funkmasten lassen manche Menschen schlecht schlafen. Zum Beispiel Ilona M. aus Friedberg. Sie hat auf "openPetition" die Petition "5G in der Wetterau verhindern" gestartet. Gut 4000 Leute haben inzwischen unterschrieben, davon 545 aus der Wetterau. Hintergrund ist die Bewerbung des Kreises als 5 G-Modellregion. Das hatten CDU und SPD im Kreistag beantragt.

Eine Freundin von ihr habe über ständige Kopfschmerzen geklagt. "Sie bekam die Diagnose, elektrosensibel zu sein. Danach habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt", berichtet Ilona M. beim Besuch in der WZ-Redaktion. Auch drei Mitstreiter sind dabei, Friedrich Scherer etwa. Er hat einen dicken Aktenordner vor sich liegen. Darin Dokumente, die einwandfrei belegen würden, dass die Grenzwerte, auf die sich das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) stützt, "völliger Blödsinn" seien und die Lobbyisten der Mobilfunkindustrie die wissenschaftlichen Studien bezahlten, die dafür sorgten, dass die Gefahren für die Gesundheit kleingeredet würden. "Wenn 5G ein Medikament wäre, wäre es wegen der zu befürchtenden Nebenwirkung nie zugelassen worden."

"Man verbrennt regelrecht - nicht sofort, aber nach und nach", sagt Barbara Bernardi. Die Handystrahlen hinterließen Schäden an Embryos und zerstörten DNA-Stränge. Auch befürchtet sie, dass mit 5 G der "Überwachungsstaat" weiter ausgebaut werde und Handys bald ihre Gedanken lesen könnten.

Frage nach dem Vorsorgeprinzip

Gudrun Baier, die als Naturheilkundeberaterin tätig ist, zieht Vergleiche mit der Einführung von Asbest, Glyphosat oder Contergan - Dinge, die damals auch als unbedenklich eingestuft worden seien. "Wir sind die Versuchskaninchen", sagt sie zum 5 G-Ausbau, den einige Städte zuletzt wieder gestoppt haben, etwa Brüssel und Genf. "Wo bleibt das Vorsorgeprinzip?" fragt sie. Solange Langzeitfolgen - vor allem für Kinder - nicht erforscht seien, müssten die EU und auch die Bundesregierung den Ausbau untersagen.

Tatsächlich ist kaum erforscht, ob und wie sich die höheren Frequenzbereiche bei 5 G, die in ein paar Jahren genutzt werden könnten (zunächst werden jene verwendet, in denen bereits heute Mobilfunk betrieben wird) auf die Gesundheit der Menschen auswirken. Das BfS sieht hier noch Forschungsbedarf. Generell bleibt laut Stiftung Warentest nach jetzigem Wissensstand nur ein geringes Restrisiko für die krebserzeugende Wirkung von Handystrahlung. Durch den 5G-Ausbau seien keine großen Veränderungen zu erwarten.

Die Plattform "Diagnose-Funk", auf die sich viele 5 G-Gegner beziehen, wirft der bekannten Verbraucherorganisation dagegen vor, die Forschungslage grob falsch und verzerrt darzustellen. Kritische Studienergebnisse würden ins Gegenteil verdreht, wesentliche Aussagen verschwiegen.

5 G werde sich auf fast alle Lebensbereiche negativ auswirken, sind sich die Besucher in der WZ-Redaktion einig. Insekten und Vögel würden durch die hohen Pulse der Signale beeinflusst; mehr noch als bei früheren Mobilfunkgenerationen. Auch das aktuelle Baumsterben könne bereits eine Folge des Ausbaus sein, glauben sie. Menschen mit Zahnersatz oder Prothesen könnten Probleme bekommen. Das vielbeschworene "Internet der Dinge", das mit 5 G ermöglicht werden soll, stehe für einen gigantischen Ressourcenverbrauch, "wenn jede Babywindel und jedes Butterbrotpapier mit einem RFID-Chip versehen wird", wie Baier sagt. 5 G sei daher auch ein großer Klimakiller.

Dem technischen Fortschritt gänzlich verweigern wollen sie sich nicht, sagen die Besucher. Scherer gibt an, das Handy beim Telefonieren nicht ans Ohr zu halten und ein Headset (nur mit Kabel) zu verwenden - das übrigens sind auch die offiziellen Empfehlung des BfS. Bernardi sagt, sie mache ihr WLAN nur bei Bedarf an.

Ilona M. hat die Hoffnung, dass der 5 G-Ausbau noch verhindert wird - auch wenn in Berlin, München oder Darmstadt schon Antennen stehen. "Wir haben in der Wetterau bald überall Glasfaser. Das liegt in der Erde und schadet niemandem. Das sollte eigentlich reichen."

Wie man Handystrahlung vorbeugen kann

Stiftung Warentest hat die gesamte Studienlage zu Mobilfunk und Gesundheit gesichtet und in einer Expertenrunde erörtert - einschließlich der neuesten Tierstudien. Fazit: Nach aktuellem Stand der Forschung bestehe kaum Grund zur Sorge. Daran ändere auch der 5 G-Ausbau nichts. Wer vorbeugen möchte, kann aber trotzdem einiges tun.

Empfang im Auge behalten: Handys passen ihre Sendeleistung den Gegebenheiten vor Ort an. Je schwächer das Mobilfunknetz, desto stärker müssen die Geräte funken. Wer sich schützen möchte, meidet also Telefonate bei schlechtem Empfang, wie er im Zug, in Autos ohne Außenantenne oder in mangelhaft versorgten Gebieten auftritt.

Handy weg vom Ohr: Die Intensität elektromagnetischer Felder sinkt mit der Entfernung schnell. Bereits wenige Zentimeter machen den Experten zufolge einen riesigen Unterschied. Daher ist das Telefonieren mit einem Headset empfehlenswert. Eine weitere Alternative zum Smartphone am Kopf ist das Freisprechen.

SAR-Wert vor Handykauf prüfen: SAR steht für Spezifische Absorptionsrate und bezeichnet die Menge an Energie, die durch das sendende Handy vom naheliegenden Köpergewebe aufgenommen wird. Der gültige SAR-Höchstwert liegt bei zwei Watt pro Kilogramm. Für jedes Handymodell ermitteln die Hersteller den SAR-Wert mit einem standardisierten Test. Eine Liste mit den Testwerten veröffentlicht das Bundesamt für Strahlenschutz fortlaufend. Allerdings kritisieren die Warentester, dass der SAR-Wert bei maximaler Sendeleistung ermittelt wird - eine Leistung, die Handys in der Praxis kaum je erreichten. Daher sage der SAR-Wert über die tatsächliche Strahlenbelastung im Alltag wenig aus. (dpa)

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