keh_1-B_121653
+
In ihrem Buch »Psychodynamik der Kindesmisshandlung« beschreibt Tamara Brendel verschiedene Arten von Misshandlungen aus der Perspektive des Kindes. Auch die Transmission von Gewalt spielt dabei eine Rolle. SYMBOLBILD: DPA

Interview

Wetterau: Wenn Eltern zu Tätern werden - Warum misshandeln Eltern ihre Kinder?

  • VonKim Luisa Engel
    schließen

Im Buch »Psychodynamik der Kindesmisshandlung« geht die Wetterauerin Tamara Brendel der Frage nach, warum Eltern ihre Kinder misshandeln und welche Folgen das für die Kleinen hat.

Ihr Buch behandelt die zentrale Frage, warum Eltern ihre Kinder misshandeln. Gibt es darauf eine pauschale Antwort?

Nein, die gibt es nicht. Es gibt nicht den einen Grund, sondern mehrere Faktoren, die das Risiko erhöhen, dass ein Elternteil sein Kind misshandelt. Oft sind das Überforderungssituationen, in denen sie sich nicht anders zu helfen wissen. Ein Thema ist auch das Demonstrieren von Macht oder Autorität. Es spielt eine Rolle, ob ein Elternteil psychisch erkrankt ist oder ob ein Empathiemangel herrscht. Auch Stress, prekäre Lebenssituationen und finanzielle Probleme können Gründe dafür sein, dass es eskaliert. Man wird aber nicht automatisch zum Misshandler, weil diese Faktoren zusammentreffen. Aber das Risiko wird erhöht, umso mehr Belastungsfaktoren von außen kommen, oder von innen schon gegeben sind. Auch die Transmission von Gewalt spielt eine große Rolle.

Was hat es damit auf sich?

Wenn man sich als Kind schon mit Gewalt in der Familie identifiziert hat, läuft man später Gefahr, diese weiterzugeben. Studien belegen, dass zwischen 30 bis 50 Prozent der Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben, diese auch später in ihrem Erziehungsstil weitergeben.

Wetterau: Buch über Kindesmisshandlung - Welche Arten gibt es?

Auf welche Arten von Kindesmisshandlungen beziehen Sie sich in Ihrem Buch?

Die häufigste ist wohl die Vernachlässigung. Oft geht es um unzureichende Pflege, Ernährung oder gesundheitliche Versorgung. Oder darum, dass das Kind nicht vor Gefahren geschützt wird. Häufig ist es auch körperliche Gewalt: Schlagen, Prügeln, Verbrennen, Petzen - Sachen, die man sich teilweise gar nicht vorstellen mag. Leider gehört auch die sexuelle Gewalt dazu.

Gibt es auch nicht-körperliche Formen von Gewalt?

Sexueller Missbrauch wäre es zum Beispiel auch, dem Kind pornografische Inhalte zu zeigen. Und es gibt die emotionale Gewalt. Ein Kind zu ängstigen, zu überfordern oder ihm zu vermitteln, es sei wertlos. Das alles sieht man natürlich nicht, es hinterlässt aber tiefe Narben im Selbstwertgefühl des Kindes. Selten tritt eine Gewaltform einzeln auf, sondern meist in Kombination

Welche weniger bekannten Formen der Misshandlung gibt es?

Oft vernachlässigt wird das Shaken-Baby-Syndrom. Eltern schütteln ihre Babys aus Überforderung, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen. Das Kind kann starke Verletzungen erleiden, die bis zum Tod führen. Dann gibt es noch das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, eine sehr bizarre und schwere Form der Misshandlung. Die Mutter simuliert eine Krankheit bei dem Kind und verabreicht Medikamente. So muss das Kind sich Prozeduren unterziehen, die eigentlich nicht notwendig sind. Oft wird nicht erkannt, dass es die Mutter ist, die das Kind krank macht, weil sie sich wie eine Löwenmutter darstellt, die alles für ihr Kind tut. Und das ist gar nicht mal so selten.

Wetterau: Interview zu Kindesmisshandlung - Welche Folgen entstehen für Kinder?

Kann man sagen, welches Elternteil öfter Gewalt ausübt?

Das kommt auf die Gewaltform an. Bei sexuellem Missbrauch sind es in etwa 90 Prozent Männer, was natürlich erheblich ist. Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist es umgekehrt, bei körperlicher und seelischer Gewalt ziemlich ausgeglichen.

In Ihrem Buch erläutern Sie die Problematik auch aus der Perspektive des Kindes, das Misshandlung erfahren hat. Welche Folgen ergeben sich daraus?

Ob Vernachlässigung, körperliche, seelische Gewalt oder sexueller Missbrauch, die Folge ist oft ist eine Traumatisierung. Diese setzt dann ein, wenn ein Kind von einer Bezugsperson misshandelt wird, bei der es eigentlich Schutz erlangen sollte. Daraus entsteht eine verletzte Seele und ein Trauma, aus dem wiederum weitere Folgen resultieren.

Welche wären das?

Das Urvertrauen des Kindes geht verloren. Es kann auch in eine Schockstarre, ein sogenanntes Freeze (engl. für Einfrieren), verfallen. Das Kind erstarrt tatsächlich richtig. Auch Bewusstseins-Abspaltungen können entstehen. Das kann heißen, dass ein Kind seinen Körper abgetrennt von der Seele wahrnimmt. Das kann zeitweise sogar bis hin zu Lähmungen und Empfindungslosigkeit führen. Es gibt Kinder, die können sich plötzlich nicht mehr bewegen oder fallen in Ohnmacht. Solche Fälle hatte ich schon.

Wetterau: Buch zu Kindesmisshandlung - Thema geht oft unter

Sie sagen, dass das Thema Kindesmisshandlung viel zu oft untergehe. Sollte man es öfter und offener ansprechen?

Ja. Ich finde es ganz wichtig, dass man das immer und immer wieder thematisiert, damit die Leute dafür sensibilisiert werden. Beim Jugendamt gibt es viele Hilfsangebote. Man kann Hilfe erfahren, aber auch selbst Meldungen machen. Zum Beispiel der Nachbar, der das Gefühl hat, drüben stimmt etwas nicht. Der darf sich gerne melden, dann wird der Sache auch nachgegangen. Kümmert sich aber keiner darum, oder hat die Lage im Blick, sind die Kinder verloren. Darum geht es mir, zu sagen: Habt Mut!

Was würden Sie sich im Umgang mit dem Thema wünschen?

Ich finde es, gerade auch in Kitas und Schulen wichtig, dass das Personal mehr geschult wird. Dass Lehrer ihre Augen und Ohren offenhalten und eher Hilfe holen, bevor es zu spät ist und das Kind bereits sprichwörtlich in den Brunnen gefallen ist. Wenn die Lage früh erkannt wird, kann die Gefahr noch abgewandt werden. Dem Jugendamt wird der Fall meist erst bekannt, wenn es schon gravierend ist. Ich wünsche mir, dass die Aufmerksamkeit mehr darauf gerichtet wird. Dass man sich an eine Beratungsstelle wendet, wenn es einem Kind nicht gut geht, das geht auch anonym.

Zur Person

Tamara Brendel, Jahrgang 1984, wohnt im Wetteraukreis und arbeitet beim Jugendamt der Stadt Gießen. Studiert hat sie an der University of Applied Sciences in Frankfurt mit dem Schwerpunkt »Hilfen zur Erziehung« und Kinderschutz. Seit mehr als elf Jahren ist Brendel im Kinderschutz tätig, arbeitete unter anderem in der Heimerziehung, sowie als sozialpädagogische Familienhilfe. Zudem war sie in einem Frauenhaus tätig. Ihr Buch »Psychodynamik der Kindesmisshandlung« ist im Buchhandel und beim Verlag erhältlich (ISBN: 978-3-347-10341-2).

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare