Der Prozess am Amtsgericht Friedberg wird fortgesetzt.
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Der Prozess am Amtsgericht Friedberg wird fortgesetzt.

Missbrauch in der Familie

Wetterau: Patenonkel wegen Missbrauch in der Familie vor Gericht

  • vonHedwig Rohde
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Familie kann die fürsorglichste Gemeinschaft sein - und die schrecklichste, wie ein Missbrauchsfall aus der Wetterau zeigt.

Beim ersten Vorfall, an den sie sich erinnere, sei sie etwa vier Jahre alt gewesen, berichtet die junge Frau stockend. Die 20-Jährige hat im Zeugenstand vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Friedberg zunächst mehrere Minuten geschwiegen. Dann erst hat sie zögernd begonnen, die behutsamen Fragen von Richter Dr. Markus Bange zu beantworten.

Später wird sie mutiger, schaut dem Angeklagten ins Gesicht und fragt ihn direkt, ob er begreife, was er ihr angetan habe. Der Angeklagte ist ihr Patenonkel, von dem sie sagt, er habe sie seit ihrer Geburt »abgöttisch geliebt«.

Der rund 40 Jahre ältere Mann, inzwischen in einen anderen Landkreis verzogen, schweigt, nachdem der Richter ihm zuvor Kommentare zur Aussage seiner Nichte untersagt hat.

Im Ehebett des Onkels übernachtet

Sie sei sehr häufig bei ihrem Onkel gewesen, anfangs gemeinsam mit ihrem Cousin, zu dem aus ihr unbekannten Gründen seit Jahren kein Kontakt mehr bestehe, erklärt die junge Frau, die aktuell eine Ausbildung in einem sozialen Beruf absolviert. Auch ihre Erinnerung an den ersten sexuellen Übergriff ist mit dem Cousin verknüpft.

Zu dritt habe man seinerzeit die Nacht in der Wohnung des Onkels in der Kreisgemeinde verbracht, in der auch die Zeugin mit ihrer Familie lebte. Übernachtet habe man gemeinsam im Ehebett des Onkels, der damals nach seiner Scheidung ein Single-Leben führte.

Morgens sei der Cousin aufgestanden, um Brötchen zu holen. Sie selbst sei erwacht, weil sie eine Hand zwischen ihren Beinen gespürt habe. Das Gefühl sei »sehr intensiv« gewesen.

Wie ein Spiel

Überhaupt, das betont die Zeugin mehrfach, habe sie dies und die in ihrer Erinnerung zahlreichen in den nächsten zwei Jahren folgenden Vorkommnisse, von denen sie einige konkret benennen kann, niemals als bedrohlich oder böse empfunden.

Zungenküsse, ihre orale Befriedigung durch den Angeklagten, Situationen, in denen er sich an ihrem Körper sexuell erregt habe, all dies sei ein Spiel gewesen, ein Geheimnis, von dem sie auf Weisung des Angeklagten niemandem habe erzählen dürfen, »weil wir sonst beide Ärger bekommen«.

Opfer wollte Eltern nicht mit Taten belasten

In ihrer Erinnerung werden die Vorkommnisse weniger, nachdem der Angeklagte seine neue Bekannte und spätere Ehefrau kennengelernt hat: »Dann hat es aufgehört.«

Warum sie danach so lange geschwiegen habe, will Staatsanwältin Daniela Zahrt wissen. Sie habe sich geschämt, antwortet die Zeugin. Dies sei nach der Angst vor dem angedrohten Ärger die zweite Phase ihres Umgangs mit dem Geschehen gewesen. In der dritten Phase habe sie ihren Eltern »das nicht antun«, Mutter und Vater nicht belasten wollen.

»Mit 17 war ich an einem Punkt in meinem Leben, in dem ich psychisch stark angegriffen war«, sagt die junge Frau. Ihr Verhalten sei auffällig geworden, ihre Mutter habe sich die Schuld am Benehmen der Tochter gegeben. Schließlich habe sie sich der Mutter offenbart, ohne allerdings Details zu nennen: »Die ganze Sache tut ihr so schon weh genug.« Danach erstattete sie Anzeige gegen ihren Onkel.

Emotionale Ansprache

In diesen Abschnitt ihrer Aussage fällt die emotionale Ansprache des Angeklagten: »Was du getan hast, hat mein ganzes Leben geprägt, es hat Teile von mir zerstört, es hat mein Leben zerstört Ich habe Ängste, Krankheiten, ich habe Erinnerungen in meinem Kopf, die ich nicht loswerde. Schau mir in die Augen! Bitte, bitte hör auf, dich, mich, die ganze Familie zu belügen!«

Ihr Onkel antwortet nicht. Über Verteidiger Oliver Persch hat er zu Beginn der Verhandlung erklären lassen, er weise die Vorwürfe zurück. Der Prozess wird mit der Vernehmung von Zeugen fortgesetzt.

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