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In halber Stärke: Um genügend Abstand zwischen den Abgeordneten zu gewährleisten, tagt der Wetterauer Kreistag in verminderter Stärke in der Stadthalle Friedberg. Kreistagsvorsitzender Armin Häuser (l.) hatte zwar, wie er sagte, "mein Opernglas vergessen", behielt aber den Überblick.

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Wetterau: Landrat erwartet Einbruch der Finanzen 

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Die Abgeordneten im Wetterauer Kreistag schützten sich mit einer Plastiktüte überm Mikro vor dem Coronavirus. Das finanzielle Chaos, das Covid-19 anrichtet, werden sie aber nicht verhindern können.

Umzug in die Friedberger Stadthalle, 43 statt 81 Abgeordnete, jeder am eigenen Tisch. Mundschutz im Foyer, Desinfektionsmittel und Mikrofonschutz - auch in Zeiten von Corona sind Kreistagssitzungen möglich. Ungewohnt waren die Umstellungen dennoch. "Die Tüte!" riefen alle im Chor, wenn wieder ein Redner oder eine Rednerin vergessen hatte, den Plastikschutz vom Mikro abzuziehen.

"Die Kreisverwaltung ist auch in Corona-Zeiten handlungsfähig", sagte Landrat Jan Weckler (CDU) und lieferte Zahlen und Fakten. Ende Februar wurde im Kreishaus ein Krisenstab eingerichtet. Zweimal die Woche trifft sich zudem ein Verwaltungsstab mit Führungskräften. Viel muss organisiert werden, von der Heimarbeit bis zum Schichtbetrieb. Mitarbeiter aus anderen Bereichen helfen im Gesundheitsamt aus, wo die Arbeitsbelastung besonders hoch ist.

Rund 100 Pressemitteilungen zur Corona-Krise hat der Kreis bereits herausgegeben. Auch aufgrund der intensiven Öffentlichkeitsarbeit gingen die Wetterauer souverän mit der Krise um und hielten sich an die Regeln, sagte der Landrat. Alle politischen Sitzungen fänden statt, nur die Kreistagssitzung am 18. März fiel aus. Es werde nichts auf die lange Bank geschoben.

Wetterauer Kreistag: Finanzielle Folgen nicht absehbar

Die Corona-Krise wird den Kreis viel Geld kosten. "Wir werden einen Einbruch bei den Finanzen erleben und eine Explosion bei den Sozialausgaben", sagte der Landrat. Jedes Projekt müsse unter Finanzierungsvorbehalt gestellt werden. "Pflicht geht vor Kür." Das Jahr 2019 schloss für den Wetteraukreis besser ab als erwartet. Am Ende stand ein Überschuss von 31 Millionen Euro, sagte Kämmerer Matthias Walther (CDU). "Das war das letzte Mal, dass ich so ein Ergebnis verkünden konnte."

Der Kreis unternehme viel, um den von der Corona-Krise Betroffenen zu helfen, unterstrich Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch (SPD). Bei Corona-Fällen habe man sehr gut mit Hausärzten und dem Seniorenheim zusammengearbeitet, auch die Quarantäne eines Flüchtlingsheims in Bad Vilbel sei sehr gut gemeistert worden. Das Flüchtlingsheim im Dachspfad in Friedberg, ein ehemaliges Mannschaftsgebäude der US-Armee, wurde zur Quarantänestation umgebaut. Dort können infizierte Flüchtlinge in Einzelzimmern untergebracht werden. Über die Mitarbeiter im Gesundheitsamt sagte Becker-Bösch: "Die gehen ans Limit, machen viele Überstunden und leisten unendlich gute Arbeit."

Wetterauer Kreistag: Beitritt zu "Bündnis Sicherer Häfen"?

Die Sozialdezernentin erinnerte an die 50 minderjährigen Flüchtlinge aus Lagern auf griechischen Inseln, die jüngst in Deutschland aufgenommen wurden; fünf davon leben in der Wetterau. "Wenn es erforderlich ist, nehmen wir weitere Menschen auf, Menschen, die hier arbeiten und eine Heimat finden", sagte Becker-Bösch in der Debatte über den Antrag der Grünen, der Wetteraukreis solle dem "Bündnis Sicherer Häfen" beitreten. "Wir sollten uns verantwortlich fühlen", sagte Grünen-Fraktionsvorsitzender Michael Rückl über die "unerträgliche Situation der Flüchtlinge in griechischen Lagern". Das "Bündnis Sicherer Häfen" wolle Druck von unten machen. "Wir haben die Kapazitäten und wollen helfen, dieses Elend aus der Welt zu räumen." Deshalb solle der Wetteraukreis ein Zeichen der Humanität setzen und dem Bündnis beitreten.

Es gab Widerspruch. Daniel Lachmann (NPD) forderte erwartungsgemäß genau das Gegenteil dessen, was die Grünen vorschlagen. Michael Kuger (AfD) nannte den Grünen-Antrag "ein Beispiel für linksgrüne Gesinnungsethik". Wer Bootsflüchtlinge aufnehme, provoziere, dass sich weitere Menschen auf eine Flucht einließen. Seenotretter nannte Kuger "Menschenschlepper".

"Der Grünen-Antrag hilft nicht weiter", sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete Peter Heidt. Deutschland sei bei den 50 Flüchtlingen vorgeprescht. "Wir sollten eher Druck auf andere Länder machen." Katja Dombrowski (Grüne) sagte, man wolle den Jugendlichen eine Perspektive eröffnen, darum gehe es. Und Gabi Faulhaber bekannte: "Lieber links-versifft als ein Hass-Mensch."

Raimund Becker (SPD) schlug schließlich vor, den Antrag im Sozialausschuss weiter zu besprechen und dort einen Beschluss zu fassen. Dieser Vorschlag fand eine Mehrheit.

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