Kitz im Karton: Wenn ein Jäger ein Rehkitz in einer Wiese findet, die gemäht werden soll, bringt er es an einen sicheren Ort in der Nähe.
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Kitz im Karton: Wenn ein Jäger ein Rehkitz in einer Wiese findet, die gemäht werden soll, bringt er es an einen sicheren Ort in der Nähe.

Rehkitzrettung

Wetterau: Jährlich sterben Rehkitze durch Mähmaschinen – Drohnen sollen sie retten

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Unzählige Rehkitze, Hasen oder bodenbrütende Vögel sterben jedes Jahr durch Mähmaschinen. Doch der Tod der Tiere ist vermeidbar. Jäger und freiwillige Helfer setzen sich dafür ein.

Das Gras ist inzwischen kniehoch, die Wiesen sind groß. Da ist es unmöglich, von außen zu erkennen, ob ein Rehkitz im hohen Gras versteckt liegt. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering. Im Mai und im Juni ist Setzzeit. Und in den ersten Tagen nach seiner Geburt liegt das Rehkitz im hohen Gras ab. Die Rehmutter, die sogenannte Ricke, kommt nur zum Säugen, lässt das Kitz zu seinem Schutz dann wieder alleine, bleibt aber in der Nähe. Das Kitz, noch sehr klein und geruchlos, bleibt in dieser Zeit versteckt in der Wiese - und damit in Sicherheit.

Zumindest vor Fressfeinden. Doch die sind nicht die einzige Gefahr: Immer wieder werden Rehe von Mähmaschinen getötet. Oder, sagt Markus Stifter: »Im schlimmsten Fall verliert das Kitz ein Bein.« Es stirbt qualvoll.

Stifter ist Pressesprecher des in Bad Nauheim ansässigen Landesjagdverbands, der sich dafür einsetzt, Rehkitze und andere Tiere vor dem Mähtod zu retten. »Das läuft in großen Teilen sehr gut«, sagte er.

Rehkitze in der Wetterau: Stück für Stück durch die Wiese

Das Wichtigste sei die Kommunikation zwischen Landwirten und Jägern. Im Idealfall rufe ein Landwirt, sobald er plane, seine Wiese zu mähen, den in seinem Gebiet zuständigen Jagdpächter an.

Der, erklärt Stifter, geht oft erst einmal präventiv vor, indem er zum Beispiel am Abend vorher Plastiksäcke auf einem Holzpfahl an der Wiese anbringt - sollte noch kein Kitz darin liegen, hält das die Rehmutter evtl. davon ab, ihr Junges dorthin zu bringen.

Der eigentliche Einsatz erfolge aber direkt vor dem Mähen: »Am besten, wenn der Traktor schon bereit steht.« Die Jäger oder auch zahlreiche ehrenamtliche Helfer laufen die Wiese Stück für Stück ab - anders seien die Kitze nicht zu finden, weil sie sehr klein und kaum zu sehen seien.

Betroffen sind aber nicht nur Rehe, sagt Stifter: Auch Hasen oder Bodenbrüter fallen Mähmaschinen zum Opfer.

Rehkitzrettung in der Wetterau: Drohnen mit Wärmebildkamera kommen zum Einsatz

Seit einiger Zeit kommen zudem Drohnen mit Wärmebildkameras bei der Suche zum Einsatz. Die seien jedoch kein Ersatz für eine ausführliche Suche - zum einen seien sie teuer, zum anderen könnten sie nur zu bestimmten Uhrzeiten verwendet werden. Denn sei der Boden erst aufgeheizt, erkenne die Kamera oft keinen Temperaturunterschied zwischen Tier und Erde.

Wenn ein Kitz in der Wiese gefunden wird, gibt es einiges zu beachten, wie Olaf Warnke berichtet. Er ist Jagdpächter in Berstadt und hat erst vor Kurzem ein Rehkitz aus einer Wiese in der Nähe von Grund-Schwalheim geholt. Der Landwirt hatte sich zuvor bei ihm gemeldet und angekündigt, er wolle seine Wiese mähen.

Mithilfe einer Drohne fand Warnke das Kitz und holte es aus dem hohen Gras. Wichtig dabei: Handschuhe tragen und das Kitz in Gras einhüllen - damit es nicht den Menschengeruch annimmt. Das Kitz, erklärt er, wird dann, sobald die Wiese gemäht ist, an einer sicheren Stelle abgelegt - in der Nähe, damit die Mutter es wiederfindet.

Zurzeit werden viele Wiesen gemäht, in Sachen Rehkitzrettung gibt es daher einiges zu tun. In Bad Vilbel hat sich deswegen 2019 die Initiative Rehkitzrettung gegründet - bestehend aus dem siebenköpfigen Organisationsteam und 32 Mitgliedern, die alle freiwillig dabei sind.

Rehkitzrettung in der Wetterau: Mit »Tierretterstab« auf der Suche

In Absprache mit dem Landwirt und dem zuständigen Jagdpächter fliegen sie die Wiesen mit einer Drohne ab oder suchen per Fuß, teils mit einem elektronischen tragbaren »Tierretterstab«, die Wiesen ab.

Die Mitglieder appellieren an Landwirte, sich vor dem Mähen mit den jeweiligen Jagdpächtern in Verbindung zu setzen. Vor allem, um die Kitze vor dem Tod zu retten. Hinzu komme aber auch noch ein weiterer Aspekt: »Nicht zuletzt wird durch die Rettung der Kitze die Vermengung etwaiger getöteter Tiere mit dem Grünfutter und dadurch eine meist tödliche Erkrankung der Rinder mit Botulismus verhindert.«

Rehkitzrettung in der Wetterau: Rechtlicher Hintergrund

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 100.000 Rehkitze getötet oder verstümmelt, heißt es auf der Web-Seite des Tierschutzvereins Karben. »Doch auch andere Tiere wie Hasen oder Vögel, die an die Felder gebunden sind, werden durch die Mäharbeiten bedroht.«

Ein spezifisches Gesetz, das Landwirte dazu verpflichtet, die Wiesen vor dem Mähen nach Tieren abzusuchen, gibt es nicht, erklärt Markus Stifter vom Landesjagdverband. Dennoch kann es unter Strafe gestellt werden, wenn ein Tier beim Mähen zu Schaden kommt. Die rechtliche Grundlage dafür ist Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes (»Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer 1. ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder 2. einem Wirbeltier a) aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder b) länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.«). Es gibt bereits entsprechende Urteile. So war zum Beispiel vor zwei Jahren ein Landwirt aus dem Landkreis Gießen zu einer Geldstrafe von 7500 Euro verurteilt worden - auf seiner Wiese sind drei Rehkitze von seiner Mähmaschine zerfetzt worden.

Um die Tiere vor dem Tod zu retten, engagieren sich sowohl Jagdpächter als auch freiwillige Helfer. Auf der Web-Seite des Landesjagdverbands gibt es ein Merkblatt für Landwirte zum Download, in dem beschrieben wird, was sie vor dem Mähen unternehmen können. Zudem gibt es Initiativen, bei denen Helfer mitmachen können, zum Beispiel beim Verein Tierschutz Karben.

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