Spritze in den Oberschenkel: Ein Kinderarzt impft ein einjähriges Kind gegen Masern. Im Wetteraukreis gibt es kaum Widerstand gegen die seit 1. März gültige Impfpflicht.
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Spritze in den Oberschenkel: Ein Kinderarzt impft ein einjähriges Kind gegen Masern. Im Wetteraukreis gibt es kaum Widerstand gegen die seit 1. März gültige Impfpflicht.

Neues Gesetz

Ganz entspannt trotz Masern-Impfpflicht

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Alle wären froh, wenn ein Impfschutz vor dem Corona-Virus existierte. Gegen Masern gibt es ein Serum und die Impfpflicht, die seit 1. März gilt. Wie wird das Gesetz in der Wetterau umgesetzt?

Im Internet und in Sozialen Medien tummeln sich massenweise Impfkritiker. Zurzeit gibt es fast nur ein Thema: die seit 1. März gültige Masern-Impfpflicht. Wer die Beiträge liest, könnte meinen, jede Menge Eltern liefen gegen das Bundesgesetz Sturm. Doch die Realität sieht anders aus - zumindest in der Wetterau. Wie sich an den Beispielen Bad Nauheim, Bad Vilbel und Karben zeigt, gehen Verantwortliche und Eltern mit dem Thema sehr entspannt um. Mit einer Ausnahme: In Bad Nauheim trifft sich ein »impfkritischer Elternstammtisch«.

»Bei uns läuft alles reibungslos, zurzeit haben wir wichtigere Probleme«, spielt Angela Bartel-Hepp, Leiterin der evangelischen Kita im Bad Nauheimer Lee Boulevard, auf das Coronavirus an. Im Februar seien alle Eltern über das neue Gesetz informiert worden. »Die meisten sehen das relaxt, zumal bereits alle Kinder gegen Masern geimpft sind«, sagt Bartel-Hepp. Viele hätten den Nachweis schon erbracht, obwohl das erst bis Ende Juli 2021 erforderlich sei. Es gebe zwar kritische Stimmen, aber »keine Hardliner«. Das Personal sei ebenfalls komplett geimpft.

Im Sommer nimmt die Kita 16 Neuzugänge auf, derzeit werden Verträge geschlossen. Dabei müssen Eltern den Impfnachweis erbringen. Im Lee Boulevard werden Kinder ab zwei Jahren betreut. Zwei der Kleinen, die bald dazukommen, haben die zweite Impfung noch nicht erhalten.

Wetterau Masern-Impfpflicht: Kita-Zusage unter Vorbehalt

Laut Peter Krank, Erster Stadtrat von Bad Nauheim, läuft es in allen Kitas ähnlich. Die Eltern seien informiert, negative Reaktionen gebe es nicht. »Wenn Eltern die Impfung ablehnen, wird das Kind nicht aufgenommen«, sagt Krank. Zudem erfolge eine Meldung ans Gesundheitsamt, das weitere Schritte veranlasse.

Der Familienbeirat der Kurstadt will sich bald mit dem Thema beschäftigen. Vorsitzende Julia Laasch ist dafür, alle gesunden Kinder zu impfen. »Nur so können Kinder, deren Immunsystem eine Impfung nicht zulässt, durch die Herdenimmunität geschützt werden.«

Das Staatliche Schulamt wartet auf den Kultusminister-Erlass zur Umsetzung des Gesetzes. »Wer im Sommer in der Grundschule aufgenommen werden soll, muss die Impfung nachweisen«, sagt Amtsleiterin Dr. Rosemarie zur Heiden. Dringender Handlungsbedarf bestehe nicht. Für die Zukunft kann sich zur Heiden vorstellen, dass der Impfpass beim Einschulungstest vorgelegt wird. Von Widerstand gegen die Impfpflicht ist ihr nichts bekannt.

In Karben erfolgt die Zusage für einen Kita-Platz nur »unter Vorbehalt«. Wenn Eltern den Impfnachweis erbringen, wird der Platz endgültig zugeteilt. In den Kitas müssen nach Auskunft von Heike Hermann, Fachdienstleiterin Kinderbetreuung, nicht nur Erzieherinnen gegen Masern immunisiert sein, Gleiches gilt für Putzfrauen, Praktikanten oder Lese-Omas.

Wetterau Masern-Impfpflicht: Schulpflicht geht vor Impfpflicht

Auch der Stadt Bad Vilbel ist laut Pressesprecher Yannick Schwander nichts von Klagen oder Klageandrohungen impfkritischer Eltern bekannt. Nicht geimpfte Kinder dürften nicht in die Kita aufgenommen werden. »Dies widerspricht laut Gesundheitsministerium übrigens nicht dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz«, sagt Schwander.

Anders sieht es in Schulen aus. Laut Impfpflicht-Gegner, die sich in Vereinen wie »Initiative freie Impfentscheidung« oder »Ärzte für individuelle Impfentscheidung« organisieren, geht Schulpflicht vor Impfpflicht. Im Gesetz ist nicht vom Ausschluss nicht immunisierter Kinder vom Unterricht die Rede. Kinder ohne Impfschutz werden dem Gesundheitsamt gemeldet, das ein Bußgeld bis zu 2500 Euro erlassen kann.

In Bad Nauheim gibt es eine Anlaufstelle für Leute, die nichts von Impfpflicht halten - den »impfkritischen Elternstammtisch«. Die Koordinatorin will keine WZ-Fragen beantworten. Wie es auf ihrer Internetseite heißt, setzten sich die Eltern kritisch mit Impfungen auseinander. Betroffene würden beraten, damit sie eine »fundierte, verantwortungsvolle und angstfreie Entscheidung« treffen könnten. Zudem erhielten impfkritische Eltern Tipps, wie sie mit dem Druck von außen (»Impfmobbing«) umgehen könnten.

Öffentlich aufgetreten waren Stammtisch-Mitglieder Ende Januar beim CDU-Empfang mit Minister Spahn in Dortelweil. Den Gast wollten sie mit Spruchbändern wie »Impffreiheit« oder »Für körperliche Unversehrtheit« empfangen, wurden aber vor dem Eintreffen Spahns aus dem Gebäude geschickt.

Wetterau Masern-Impfpflicht: Klage gegen Impfpflicht

Bei Kindern im Alter von zwei Jahren liegt die Masern-Impfquote nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bundesweit bei 74 Prozent. 26 Prozent haben die für die Immunisierung nötige zweite Schutzimpfung nicht bekommen. Die Bundesregierung will mit dem neuen Gesetz eine Quote von 95 Prozent erreichen. Empfohlen wird, die erste Impfung im Alter von 11 bis 14 Monaten zu verabreichen, die zweite zwischen 15 und 23 Monaten. Kinderärzte impfen meist ein kombiniertes Serum (Masern, Mums, Röteln). Für Personal in Kitas und Schulen - vorwiegend Lehrer und Erzieher - gilt die Impfpflicht für alle nach 1970 geborenen Personen. Laut Robert-Koch-Institut gab es 2019 in Deutschland gut 500 gemeldete Masernfälle. Nach Aussage des Bundesgesundheitsministeriums gehören Masern zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten und können Komplikationen und Folgeerkrankungen verursachen. Schlimmster Fall ist eine tödlich verlaufende Gehirnentzündung.

Impfkritische Eltern und Mediziner halten die Gefahr durch Masern für nicht groß. Nach Angaben der »Initiative freie Impfentscheidung« gibt es pro Jahr in Deutschland etwa fünf Todesfälle, die auf diese Krankheit zurückzuführen sind. Zum Vergleich: Krankenhausinfektionen verursachten schätzungsweise zwischen 10 000 und 15000 Todesfälle. Deshalb lehnt die Initiative die Impfpflicht ab. Einige Eltern und Ärzte haben Verfassungsbeschwerde gegen das neue Gesetz eingelegt.

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