In den Fitnessstudios darf im November nicht trainiert werden. Dabei treffe die Schließung nicht nur Freizeitsportler, sondern vor allem Menschen mit gesundheitlichen Problemen, die auf das Training an den Geräten angewiesen seien, sagt "OptiMum"-Betreiberin Anja Gubitzer. 	FOTOS: CORINNA WEIGELT
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In den Fitnessstudios darf im November nicht trainiert werden. Dabei treffe die Schließung nicht nur Freizeitsportler, sondern vor allem Menschen mit gesundheitlichen Problemen, die auf das Training an den Geräten angewiesen seien, sagt »OptiMum«-Betreiberin Anja Gubitzer.

Lockdown-Verlierer

Wetterau: Fitnessstudio-Betreiber halten Schließung für skandalös – Unverständnis und Frust groß

  • vonCorinna Weigelt
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Sport ist für die Gesundheit einer der wichtigsten Faktoren. Im Fitnessstudio darf man ihn in diesem Monat nicht ausüben. Für die Branche sei das ein Schlag ins Gesicht, finden zwei Wetterauer Betreiber.

Rosbach – Der Ärger ist groß: »Der erneute Lockdown unserer Sport- und Trainingsstätte ist aus unserer Sicht ein Skandal«, sagt Yannik Hoenig, Clubmanager Sportwelt Rosbach. Mit absolutem Unverständnis habe man die Beschlüsse der Regierung aufgenommen, nach denen das gesundheitsorientierte Sportstudio vier Wochen schließen muss. Eine Meinung, die bundesweit von vielen Fitnessstudio-Betreibern und auch von Sportwissenschaftlern geteilt wird.

15 Mitarbeiter beschäftigt Hoenig alleine im Kernteam, mit weiteren Aushilfen sind es sogar 35. Ihre Reaktion auf den erneuten Lockdown beschreibt er einem Wort: »Frustriert.« Während des ersten Lockdowns im März habe er seine Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken müssen. Dieses Mal werde dieser Schritt vermieden, was unter den Mitarbeitern zu Erleichterung geführt habe. Bei vier von ihnen habe es in diesem Jahr Nachwuchs gegeben. »Einmal sogar Zwillinge.«

Fitnessstudios in der Wetterau: Lockdown-Verlierer trotz Hygienekonzepten

Noch gut erinnert sich Hoenig an die Zeit nach der ersten Schließeung. Es sei erschreckend gewesen, wie sich acht Wochen ohne Training auf die Kunden ausgewirkt hätten. »80 Prozent von ihnen haben ja einen medizinischen Hintergrund«, sagt er. Viele seien in einem deutlich schlechteren körperlichen Zustand zurück ins Training gekommen. Arthrose, Rückenschmerzen, Blutdruck, Stressbelastbarkeit bis hin zu psychischen Krankheiten. »Diese Menschen besuchen unsere Trainingseinrichtung nicht aus Spaß und als Freizeitbeschäftigung, sondern weil sie Schmerzen, Stress und Pfunde reduzieren und Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und psychische Erschöpfungssymptome bekämpfen wollen.«

Unlängst habe man ein ausgedehnten Sicherheits- und Hygienekonzept umgesetzt. »Unsere Konzepte sind mittlerweile umfangreicher als in fast allen anderen Branchen. Hoenig zählt auf: Steuerung der Luftqualität mit CO2-Sensoren und achtfachen Luftaustausch pro Stunde, Geräte- und Handdesinfektion, 100-prozentige Kontaktnachverfolgung durch »CheckIn- & CheckOut«-Systeme, Mund-Nasen-Schutz bis hin zu Abstandsregelungen und Einsicht in Besucherfrequenzen und Live-Auslastung. »Und gleichzeitig stehen die Menschen gedrängt in der S-Bahn, sitzen nebeneinander im Flieger und der Ball in der Bundesliga rollt.«

Nun im November möchte man im Hause den Bezug zu den Kunden mit Live-Angeboten aufrechthalten. Die Sportwelt Rosbach sei auf ihrem Online Campus erreichbar, mit täglich wechselnden Livestream-Angeboten wie Coaching, Work Home Out und Cooking.

Fitnessstudios in der Wetterau: Jeden Monat 10 000 Euro Miese

Auch Anja Gubitzer von der »OptiMum« Training GmbH, die Studios in Bad Nauheim, Rosbach und Friedberg betreibt, kann die Entscheidung der Bundesregierung nicht nachvollziehen. »Die Zusagen, 75 Prozent der Umsätze des Oktober des vergangenen Jahres zu erstatten, mögen die betroffenen Unternehmen erst einmal in eine ›Ruhe-vor-dem-Sturm-Starre‹ verfallen lassen. Sie ändert aber nichts an der Tatsache, dass die ersten zaghaften Ansätze, vergangenen Mitgliederschwund durch neue Kunden auffangen zu können, zunichte gemacht werden«, kritisiert sie in einem offenen Brief. Bei einem monatlichen Verlust von 10 000 Euro, die nicht kompensiert werden könnten, summiere sich das Ganze in zwölf Monaten auf 120 000 Euro. »Das bedeutet ganz klar, dass auch wir Entlassungen vornehmen müssen, wenn sich nicht schnell etwas ändert.«

Auch ihre Einrichtungen würden von zahlreichen Menschen mit gesundheitlichen Problemen genutzt. Gubitzer geht hier auf die Schicksale einzelner Kunden ein. »Unser Durchschnittsalter der Kunden beträgt aktuell 59 Jahre«, erklärt sie. »In unserem erst im Oktober eröffneten Betrieb in Friedberg trainiert beispielsweise eine 80 Jahre alte Dame, die kurz davor stand, einen Rollator nutzen zu müssen. Nach drei Monaten ist sie soweit, sogar streckenweise ohne Stock laufen zu können.« Durch die Schließung werde ihr ganzer Erfolg zunichte gemacht. Immer neue Horrorszenarien riefen bei Kunden auch Ängste hervor. Ein Herr traue sich nicht mehr aus dem Haus. Er bekomme nun Übungen nach Hause geschickt, die ein Training an den Geräten allerdings nicht ersetzen könnten.

Fitnessstudios nicht systemrelevant – nicht nur in der Wetterau

»Wieder wird das Rückgrat der Gesundheitsindustrie gebrochen, still gestellt und zusammen mit Kosmetikstudios in der Kategorie Freizeit verortet«, kritisiert der Stuttgarter Sportwissenschaftler Dr. Axel Gottlob. »Obwohl Fitnessanlagen alle Hygieneauflagen umsetzen konnten, keine Hotspots sind oder waren - sie stellen sogar im Gegenteil einen Ort mit geringstem Infektionsrisiko dar.« Offensichtlich würden Fitnessanlagen und Trainingstherapien auch nicht als systemrelevant wahrgenommen, kritisiert er und fordert eine Lockerung der Maßnahmen. »Das Virus wird nie verschwinden. Wir müssen damit leben und leben lernen.«

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